Verlässt ein Regisseur aus Mangel an Motivation ein erfolgreiches Franchise, das er maßgeblich geprägt hat, ist das ein schlechtes Zeichen. Folgt ihm auch sein Hauptdarsteller, gewissermaßen das Gesicht der Serie, wird in Hollywood neuerdings ein sogenanntes Reboot fällig. Das Bourne Vermächtnis , der vierte Film um Robert Ludlums Superagenten, muss ohne den Regisseur der beiden erfolgreichen letzten Teile, Paul Greengrass, auskommen und ohne dessen Star Matt Damon. Nicht mal mit seiner gleichnamigen Romanvorlage hat dieser Film etwas zu tun. Genau genommen ist selbst der Titelheld Jason Bourne nicht mehr mit von der Partie.

Der neue Regisseur Tony Gilroy, der für die ersten drei Bourne -Teile das Drehbuch geschrieben hatte, kämpft zunächst also mit einem Legitimationsproblem. Sein Film ist eigentlich eine Mogelpackung: kein Sequel, eher schon eine Ausweitung der Kampfzone. Jason Bourne ist nur noch als Phantom zugegen, er geistert durch den Film, verfolgt von den Überwachungssatelliten der CIA . Einmal ist sein gefälschter Pass auf den Bildschirmen zu sehen (scheinbar fand man dafür noch ein altes High-School-Foto Damons), doch seine Spur verliert sich, bevor sie überhaupt aufgenommen werden kann.

Um so etwas wie Kohärenz zwischen Das Bourne Vermächtnis und den drei vorangegangenen Filmen zu erzeugen, bemüht sich Gilroy, kleine Verweise zu streuen – auch wenn das Personal komplett ersetzt wurde: Die Schauspieler Joan Allen und David Strathairn aus Das Bourne Ultimatum müssen kurz für den abwesenden Matt Damon einspringen, Paddy Considine darf sich als Guardian -Reporter Simon Ross noch einmal von einem Scharfschützen eliminieren lassen, und im Hintergrund läuft die öffentliche Anhörung der ehemaligen CIA-Leiterin und Bourne-Komplizin Pam Landy zu den geheimen Operationen des Geheimdienstes aus früheren Teilen.

 
Dieser Untersuchungsausschuss sorgt in der Behörde für entsprechende Nervosität. Eine Sonderkommission (unter der Leitung von Edward Norton ) ist damit beschäftigt zu eruieren, inwieweit diese Programme mit der CIA in Zusammenhang zu bringen sind. Als sich die Verbindungen als zu brisant erweisen, wird ein laufendes Programm namens Outcome gestoppt. Jeder Agent erhält daraufhin eine kleine Kapsel und bricht tot zusammen.

Das Bourne Vermächtnis gibt sich also von der ersten Minute an geschäftig. Gilroy lässt seine Figuren weltweit agieren, wobei lange Zeit unklar bleibt, wo die einzelnen Handlungsstränge zusammenlaufen. Während der neue Hauptdarsteller Jeremy Renner als neuer Agent Aaron Cross in Alaska nach einer Dose mit bunten Pillen taucht, in der Wildnis auf einen Outcome -Kollegen trifft und dieser kurz darauf von einer bewaffneten Drone getötet wird, begeht ein Labortechniker in einer zivilen Forschungseinrichtung ein Massaker an seinen Kollegen. Die einzige Überlebende des Amoklaufs, eine Neurologin, gespielt von Rachel Weisz, ist dieselbe Ärztin, die Cross seine regelmäßige Pillendosis verschafft hat. Bislang kannte sie ihn nur als Nummer – umso überraschter ist sie (und das Publikum), als er gerade rechtzeitig in ihrem Landhaus auftaucht, um sie vor den Auftragskillern der CIA zu schützen. Cross benötigt dringend neue Medikamente, ohne die seine genetisch verbesserten physischen und mentalen Fähigkeiten schwinden. Dumm nur, dass die Produktion auf die Philippinen verlagert wurde.

Das klingt, wie zu erwarten, mächtig aufgeregt und global, doch wer sich an das Erzähltempo und die kinetische Energie von Greengrass' Bourne -Filmen gewöhnt hat, wird sich von Gilroys Regie regelrecht sediert fühlen. Das Bourne Vermächtnis nimmt sich ausgesprochen viel Zeit, seine komplexen Konflikte und Partikularinteressen aufzulösen. Gilroy entschleunigt den frenetischen Geschwindigkeitsrausch der Trilogie, der für das Actionkino der nuller Jahre so paradigmatisch geworden ist. Er hält jedoch am Blickregime der Bourne -Filme fest, das das Actiongenre maßgeblich verändert hat. Inbegriff dieser neuen Erzähllogik, in der die Filmkamera nicht mehr nur immer auf Augenhöhe mit ihrem Helden ist, wurde die Überwachungskamera am Himmel. Nur so konnte ein unscheinbarer Jedermann wie Matt Damon einen neuen Actiontypus im Kino etablieren. Bournes äußerliche Harmlosigkeit war seine Waffe, aus großer Entfernung geht ein Allerweltsgesicht eben leicht in der Menge unter.

Die Möglichkeit, dass auch Bournes Superkräfte nur Resultat von Genmanipulationen sein könnten, mag auf Fans im Nachhinein vielleicht ernüchternd wirken, aber das Gesetz von Serien beruht nun einmal auf den Prinzipien Weiterentwicklung und Steigerung. Immerhin erweist sich Jeremy Renner als adäquater Damon-Ersatz. Renner gehört aktuell zu den wenigen Action-Darstellern, die die physischen Anforderungen an die Rolle des Kämpfers mit einer sozialen Kompetenz verbinden. In Das Bourne Vermächtnis muss er zum unvermeidlichen Showdown über den Dächern von Manila sogar gegen den Prototypen einer noch viel geheimeren Agentenzüchtung antreten. Vielleicht schwebt Gilroy zukünftig ja so etwas wie Angriff der Klonkrieger vor.

Actionszenen gehören allerdings nicht unbedingt zu Gilroys Stärken. In dem Verschwörungsthriller Michael Clayton , seinem Regiedebüt, gab es davon genau eine: Da wandelte George Clooney wie in Trance über eine herbstliche Pferdekoppel, während im Hintergrund der Wagen explodierte. Solche atmosphärischen Einsprengsel bilden auch die besten Momente in Das Bourne Vermächtnis . Während des nervenaufreibenden Verhörs von Rachel Weisz durch zwei vermeintliche CIA-Agenten etwa meint man, die Dielen des alten Landhauses knarzen zu hören. Gilroy und Renner verleihen dem Bourne -Mythos also durchaus eine eigene Handschrift. Sollte Jason Bourne weiter untergetaucht bleiben, wäre das Franchise vorerst in guten Händen.