Schweiger-Film "Schutzengel" : Keinohrhase am Hindukusch

Ganz authentisch soll der neue Film von Til Schweiger sein, in dem er einen Ex-Elitesoldaten spielt. Die Bundeswehr wirbt für "Schutzengel". Warum nur?

Statt auf seinen Schmelzblick setzt der fleischgewordene Schwiegermuttertraum diesmal auf Schießeisen. Til Schweiger, Deutschlands wohl derzeit kommerziell erfolgreichster Schauspieler, spielt in seinem neuen Film Schutzengel mal keinen überforderten Patchwork-Familienvater, sondern einen ehemaligen Elitesoldaten. Der Held beschützt mit ständig gezogener Waffe ein unschuldiges Mädchen vor schwer bewaffneten Killern. Knarren statt Keinohrhasen.

Über Schutzengel wurde vor dem Filmstart am 27. September viel gesprochen und geschrieben. Das verdankt Schweiger, Hauptdarsteller, Produzent und Regisseur in Personalunion, auch der Bundeswehr, die ihn nach Afghanistan geflogen hat. Das Verteidigungsministerium ließ Schweiger seinen Film im Feldlager zeigen. Sein Team interviewte nach der Vorführung Soldaten vor laufender Kamera und nutzte deren Zitate in der Kinowerbung. Das Wort Realität fiel oft. Authentisch sei der Film. "Man hat sich ein stückweit wiedergefunden", sagt ein Soldat. "Sehr glaubwürdig", ergänzt eine Kameradin. So einen Film brauche es, damit die Öffentlichkeit das mal mitkriege, sagte ein weiterer Soldat. Was Deutschland mitkriegen soll, wurde nicht verraten.

Mit dem Besuch am Hindukusch war die Kameradschaft zwischen Schweiger und der Bundeswehr noch nicht ausgeschöpft. Selbst Verteidigungsminister Thomas de Maizière warb persönlich für Schutzengel . Der meist eher steif und beflissen wirkende Minister besuchte breit lächelnd die Premiere. Und er brachte 50 Soldaten in Ausgehuniform mit. "Minister de Maizière hatte bereits im Vorfeld seiner Freude darüber Ausdruck gegeben, dass Til Schweiger diesen Film den Soldaten gewidmet hat und dadurch ihre Leistungen im Einsatz so ausdrücklich würdigt. Er lobte das Engagement Schweigers in dieser Sache", schrieb das Bundesverteidigungsministerium auf seiner Homepage. So viel Werbung hat die Armee, immerhin eine staatliche Institution, noch nie für einen Kinofilm gemacht.


Wer Schutzengel nun gesehen hat fragt sich, warum die Bundeswehr ausgerechnet diesen Film unterstützt?

Denn trotz aller Authentizitätsankündigungen: Schutzengel hat mit der Realität so viel zu tun wie ein Försterroman mit dem wahren Leben. Die Handlung ist simpel gestrickt und nicht gerade aus dem Alltag eines normalen Kriegsheimkehrers gegriffen: Der Afghanistan-Veteran und ehemalige Soldat des strenggeheimen Kommando Spezialkräfte (KSK) Max Fischer (Til Schweiger) arbeitet nach seiner Militärzeit als Polizist. Er soll die Jugendliche Nina (Luna Schweiger) bewachen. Sie hat einen Mord beobachtet und ist nun im Zeugenschutzprogramm. Der Waffenhändler Backer ( Heiner Lauterbach ) will die Zeugin loswerden und lässt das ungleiche Duo jagen. Max Fischer erschießt zahlreiche Auftragsmörder. Hilfe bekommen der Leibwächter und sein Schützling vom Ex-Soldaten Rudi ( Moritz Bleibtreu ), der in Afghanistan seine Unterschenkel verloren hat, und von einer früheren Flamme, die nun Staatsanwältin ist.

Hollywood hat ähnliche Storys bereits in allen Variationen auf die Leinwand gebracht: Der Einzige Zeuge (1985), Bodyguard (1992), Eraser (1996) oder 16 Blocks (2006) sind solche Beispiele. Immer sind es starke Kämpfertypen, die einen schwächeren Zeugen beschützen. Schutzengel folgt diesem Muster. Die Action-Szenen sind für deutsches Kino eigentlich gut gemacht– sie wirken aber völlig überzeichnet: So wird sonst nur in Komödien und Comicadaptionen geschossen. Im martialischen Kugelhagel geht Schweigers Anspruch an Authentizität schon nach wenigen Minuten unter.

Er habe für Schutzengel , so erzählte Schweiger in Interviews, ein Militärtraining absolviert. Dennoch sehen die Schusswechsel aus, als ob Schweiger das Schießen von John Rambo gelernt hat. Der Held Max Fischer verballert im Film wohl mehr Patronen als die Bundeswehr im gesamten Afghanistan-Krieg. Elitesoldaten, wie Schweiger einen spielen will, schießen nicht zwei Magazine leer, um einen Gegner auszuschalten. Sie zielen, bevor sie den Abzug durchziehen.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Jetzt hören Sie mal:

Die GSG9, das sind Profis. Die schießen nur, wenn es absolut notwendig ist. Schließlich läuft man bei jedem Schusswechsel Gefahr entdeckt zu werden oder in engen Räumen durch einen Querschläger glatt einen eigenen Kameraden zu erwischen. Also könnte man Wikipedia durchaus als vertrauensseelig einstufen.
Die schämen sich doch für solche Filme und halbstarke Schauspieler, die wie eine Ein-Mann-Armee alles niederballern.

Der Schweiger macht Filme für Frauen?

Ich sehe noch mal eben nach...also: ich bin ganz eindeutig Frau und für mich dreht der Schweiger nicht, hat er noch nie.
Sondern ich würde ihm spätestens jetzt gern zurufen: Til! Schweig!

Zu Schweigers Filmwerbung inkl. Landser-Romantik á la nur-die-Bundeswehr-kann-für-Mädchenschulen-in-Afghanistan-sorgen äußerte sich Roger Willemsen (den ich zwar auch nicht leiden kann, seine Schweiger-Faltung hier aber sehr angebracht fand) http://www.ardmediathek.d...

@Artikel: ein schöner Verriss 1. Klasse. Schöner wäre nur noch, das Feuilleton würde Schweiger auch weiterhin nicht mal ignorieren.

Die Realität ist einfach was ganz anderes

Und auch ein authentischer GSG9-Einsatz gäbe inen guten Thriller her. Wäre aber ein ganz andere Art von Erzählung, an die hätte ich mich als Til Schweiger auch nicht rangewagt. Das ist dann schon Scorsese-Liga. Mit leichtgängigem Popcornkino bleibt er schon bei seinen Leisten. Und seine unsägliche Interviews muss ich mir ja nihct ansehen.