Filmfestival TorontoDas kommt gut an bei den Oscars

Auf dem Filmfest in Toronto plaudert man über Oscars, feiert Tom Tykwer für "Cloud Atlas", und Margarethe von Trotta gibt mit ihrem Hannah-Arendt-Film wirklich zu denken. von Andreas Scheiner

Ryan Gosling vor der Premiere von "The Place Beyond the Pines" auf dem Filmfestival in Toronto

Ryan Gosling vor der Premiere von "The Place Beyond the Pines" auf dem Filmfestival in Toronto  |  © Mike Cassese/Reuters

Über Ryan Gosling wäre wieder zu reden, diesen Marlon Brando aus dem kanadischen Ontario , den sie bei der diesjährigen Oscar-Verleihung mit Nichtbeachtung gestraft hatten. Die Männer der Academy hatten den jungen, blonden Stoiker nicht einmal auf dem Nominierungszettel gehabt. Ihnen fehlte das Gespür für Drive , diese Fahrübung im Gangster-Kreisverkehr, und sie sahen nicht die Großartigkeit von Goslings Darstellung als strahlender Wahlkampfmanager, der in The Ides of March seine Ideale über Bord schmeißt.

Könnte sein, dass die Academy mehr übrig hat für Goslings neuen Film. Er spielt darin einen Stunt-Fahrer und Räuber. Was vielleicht nach einem Drive 2 klingt, heißt The Place Beyond the Pines , und hat mit Drive soviel am Hut wie ein Ford Mustang mit Motorcross. Statt Muscle Cars und Electro House gibt es tief gefederte Motorräder und Bruce Springsteen . Regisseur Derek Cianfrance ( Blue Valentine ) hat eine epische Vater-Sohn-Saga geschaffen, die sich um verlorene Existenzen dreht. Ein ganzkörpertätowierter Gosling gibt darin einen Hasardeur, der selbstmörderische Motorrad-Stunts vollführt. Als er erfährt, dass er einen kleinen Sohn hat, muss er zu Geld kommen und beginnt, Banken auszurauben.

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Sollte Ryan Gosling für einen Oscar nominiert werden, dann nur in der Kategorie Nebenrolle. Nach einer knappen Stunde wird der Mann brutalst aus dem Film geschubst. Plötzlich steht Bradley Cooper ( Hangover ) im Zentrum als junger Polizist, der zum Helden wird bei der Jagd auf den Bankräuber. The Place beyond the Pines ist ein radikal strukturierter Dreiakter, dessen Geschichte sich über 15 Jahre und zweieinhalb Stunden erstreckt. Leider ist Bradley Cooper kein Ryan Gosling, und dem Film fehlt es nach fulminantem Crescendo im ersten Akt ein bisschen an, nun ja, Drive .

Den Oscar-Talk dominierte in Toronto jedoch Ben Afflecks Film Argo über die Geiselnahme der US-Botschaft in Teheran 1979, und es wäre eine Überraschung, würde er im Februar nicht unter den Nominierten für den Besten Film zu finden sein. Mit überraschend viel Witz erzählt Affleck die Geschichte der Befreiung von sechs Amerikanern, die in die kanadische Botschaft flüchteten, von wo sie in einer haarsträubenden Aktion von einem CIA-Waghals (Ben Affleck) außer Landes geschafft wurden. Haarsträubend deshalb: Der Agent heckte den Plan aus, die Flüchtigen als Filmteam auszugeben ("ein Sciencefiction-Film mit orientalischem Touch"), das für einen Location-Scout  im Iran weilte. Damit die Iraner den Schwindel abkauften, wurde sogar ein bekannter Hollywood-Produzent mit der fiktiven Realisation des Films betraut. Und das bringt uns zu einem Konkurrenten von Ryan Gosling im Rennen um die Beste Nebenrolle: Der ausgebuffte Altstar Alan Arkin ( Little Miss Sunshine ) spielt die Hollywood-Größe als wundervollen Esel.

In der Realität sind Film-Produzenten vor allem Wiederkäuer. Wenn dem Publikum etwas geschmeckt hat, tischen sie es ihm gerne noch einmal auf. Deshalb gibt es dieses Jahr einen neuen The Help . Er trägt den funkelnden Titel The Sapphires und erzählt von vier jungen Aborigine-Frauen, die in den späten sechziger Jahren gegen den Rassismus kämpfen und als Girl-Band ein bisschen Soul in den Vietnam-Krieg brachten. Wie in The Help löst sich hier finsterste Geschichte in Wohlfühlkino auf. Rassismus-Bekämpfung wird zum Crowd Pleaser . Das kommt in der Regel nicht schlecht an bei den Oscars.

Was ebenfalls immer gut ankommt, sind Figuren mit Behinderung. Da hätten wir dieses Jahr Hyde Park On Hudson , einen Film, den man die Fortsetzung von King’s Speech schimpfen könnte. Stotterer Bertie alias George VI reist 1939 zum Landsitz des gelähmten US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt (Bill Murray), um die USA als Alliierte gegen die Nazis zu gewinnen. Der etwas zu leichtgewichtige Film von Notting-Hill -Regisseur Roger Michell dreht sich primär um Roosevelts Affäre mit seiner weit entfernten Cousine (Laura Linney). Die Weltpolitik wird reduziert auf Hot-Dog-Diplomatie beim Picknick. Diese Szenen allerdings sind schweine-komisch.

The Sessions ist ebenfalls eine wahre Geschichte und sie zeigt eine weitere Hauptfigur, die an Kinderlähmung leidet. Mark O’Brien ist kein Schwerenöter wie Roosevelt. Im Gegenteil, er ist ein Schwerbehinderter, der sich nichts anderes wünscht, als endlich Sex zu haben. Helen Hunt nimmt sich des Gelähmten als sogenanntes Sex Surrogate an. Der tückische Stoff ist mit viel Feingefühl umgesetzt und John Hawkes ( Winter’s Bone ) gibt den Behinderten ähnlich stark wie weiland Daniel Day-Lewis in My Left Foot . Helen Hunt ist die Hälfte des Films nackt, was von Vorteil sein kann bei den Oscars. Wir erinnern uns etwa an Kate Winslet in Der Vorleser .

Leserkommentare
  1. Die gute Nachricht: vielleicht haben wir mit Tom Tykwer endlich mal wieder einen guten Oscarkandidaten. Das Konzept erinnert an "The Fountain".
    Die 'schlechte': vielleicht findet Hugh Grant ja mit diesem Projekt in die Filmwelt zurück ;)

    Ich persönlich bin sehr gespannt auf "The Impossible", der bei uns leider erst voraussichtlich im Frühjahr 2013 anläuft.

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