Michael Haneke"Wir sind alle zu allem fähig"

Der Regisseur Michael Haneke fragt in seinem neuen Film, wie man mit dem Leid eines geliebten Menschen umgeht. Persönliche Erfahrungen haben ihn zu dem Thema gebracht. von 

Michael Haneke im Mai auf dem Filmfestival in Cannes.

Michael Haneke im Mai auf dem Filmfestival in Cannes.  |  © Vincent Kessler/Reuters

ZEIT ONLINE: Ihr Film heißt Liebe . Wir sehen aber einen Mann, der am Ende seine pflegebedürftige Frau tötet. Kann Liebe so weit gehen?

Michael Haneke: Wenn ich diese Frage beantworte, ist das kontraproduktiv. Ich interpretiere meine Filme nicht, weil sich der Zuschauer diese Fragen selbst stellen soll.

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ZEIT ONLINE: Sie geben aber Hinweise: Der Film heißt Liebe , und in den ersten Szenen wird klar, dass sich das Ehepaar in Zuneigung verbunden ist.

Michael Haneke

Michael Haneke wurde mit Filmen wie Bennys Video und Die Klavierspielerin zum großen Entfremdungs- und Kulturkritiker des europäischen Kinos. Seit fast 20 Jahren erforscht der 1942 geborene Österreicher die "Vergletscherung der Gefühle" und die Kampfzonen des Alltags. In Funny Games behandelte er 1997 (und in dem amerikanischen Remake 2007) den alptraumartigen Einbruch von Gewalt in ein Familienidyll. 2009 gewann er mit seinem Film Das weiße Band über die Auswirkungen einer protestantischen Dorfgemeinschaft auf den Nationalsozialismus auf den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. 2012 erhielt er den gleichen Preis für Liebe, der nun in die deutschen Kinos kommt und kammerspielartig die Geschichte von Annes Lebensende erzählt, bei dem ihr nur noch ihr Mann Georges nahe ist.

Haneke: Liebe ist ein komplexer Begriff. Man kann alles Mögliche darunter verstehen. Außerdem ist ein Titel immer nur ein Werbeträger, der in erster Linie dazu da ist, den Zuschauer ins Kino zu bringen. Dieser Titel stammt im Übrigen nicht von mir, sondern von dem Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant. Ich hatte – wie meistens – eine ganze Liste von Vorschlägen, mit denen ich aber nicht zufrieden war. Wir saßen in Paris beim Mittagessen und dann sagte er plötzlich: "Der Film handelt doch von Liebe, warum heißt er dann nicht Liebe ?" "Ja, wunderbar", sagte ich.

ZEIT ONLINE: Also glaubt auch Trintignant, dass der Film von Liebe handelt.

Haneke: Tut er ja auch. Aber das ist keine Antwort auf Ihre Frage.

ZEIT ONLINE: Die Frage war: Wie weit kann Liebe gehen?

Leserkommentare
    • gonone
    • 20. September 2012 18:40 Uhr

    Ach, schön dass man schon beim Versuch dieses Interview nur vorsichtig anzulesen und doch bitte nicht gleich... bähm, das Ende des Films präsentiert bekommt.

  1. Redaktion

    Werte(r) gonone
    In Hanekes Film wissen Sie das nach der ersten Szene. Er nimmt das seinem Film sozusagen vorweg und springt dann zum Erzählen einmalig in der Zeit zurück. Also keine Sorge, schauen Sie sich den Film ruhig noch an. Er lohnt sich sehr.
    Mit freundlichem Gruß
    Wenke Husmann

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    ...einfach nicht! In der ersten Szene liegt die Frau nur tot in ihrem Bett, man weiß nicht wie sie gestorben ist.

    • gonone
    • 21. September 2012 14:46 Uhr

    Danke für den Hinweis Herr Husmann,
    aber falls es sich so darstellt wie PickFlick behauptet, würde das den Schboiler ja noch verschlimmern. Haneke spielt mit der Erwartung des Zuschauers, die Frau ist gestorben, doch wie? am Ende dann die Auflösung.
    Ach, aber eigentlich sind mir ja Interviews lieber, die tiefer in die Handlung des Films schauen und sich nicht nur an der Oberfläche langweilen. Also: Erst schauen, dann lesen.

    Wahrscheinlich sollte man sich abgewöhnen Zeitungsartikel über Filme zu lesen, wenn man vor hat, noch ins Kino zu gehen. Als Reaktion auf die das Interview eröffnende Frage, konnte ich mich die erste halbe Stunde vor Ärger nicht auf den Film konzentrieren, bei dem man garantiert nicht nach der ersten Szene weiß, höchstens ahnt, was der Mann getan hat. Die Frau könnte etwa entschlafen sein oder auch Tabletten genommen haben.
    Die Möglichkeit, über die Deutung der Eröffungsszene spekulieren zu können, die mir durch die erste Zeile des Interviews genommen wurde, erzürnte mich zu sehr.
    Eine andere Lösung, als keine Artikel mehr zu lesen, ist schwer zu finden. Natürlich muss man einen Regisseur zu dem von ihm gemachten Film interviewen. Wenn durch die Lektüre dann aber die Gefahr entsteht, einem Leser so die vom Künstler intendierten Erfahrung zu rauben, könnte man eine Spoiler-Warnung zu beginn des Artikels aussprechen. In keinem anderen Artikel, den ich vorsichtig las, bevor ich ins Kino ging, war zu lesen, dass der Mann seine Frau...

    Ich würde mir wünschen, dass dies in Zukunft berücksichtigt wird. Der Film ist es jedoch natürlich dennoch sehr wert, gelesen zu werden.

    Versöhnliche Grüße.

  2. Also ich fand Liebe jetzt nicht "erträglicher" als andere Haneke-Film, einfach, weil er so nah an der Realität war, nüchtern, mit dem richtigen Hauch Poesie. Er ging bei mir durch Mark und Bein. Ich war danach wirklich bestürzt und aufgerüttelt. Keine leichte Kost, natürlich. Aber ein unbedingtes must-see!

    • Panic
    • 20. September 2012 23:37 Uhr

    Hanekes Talent ist mir noch immer unbegreiflich.

    cheers

  3. ...einfach nicht! In der ersten Szene liegt die Frau nur tot in ihrem Bett, man weiß nicht wie sie gestorben ist.

    Antwort auf "Kein Spoiler-Alarm"
  4. ich will hier ja nichts einfordern, immerhin ist es ja so gut wie (reklame) kostenlos, aber diesen artikel in sechs(!) schnipsel aufzuteilen … wirklich, liebe ZEIT?

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    finden Sie den Link "Auf einer Seite lesen".
    Ebenso können Sie sich die Artikel mit dem Link "PDF" auf "einer Seite" ansehen.
    Aber dazu muss man: lesen!

  5. Ganz oben unter dem Menue, in der rechten Spalte, der dritten Zeile, finden Sie alle Seiten aufgelistet, gefolgt von: "Auf einer Seite lesen". Klicken Sie dieses an und der Artikel erschein an einem Stück.

    PA

    P.S.
    "Wehr lesen kann ist klar im Vorteil " ;-)

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    auch !

  6. Haneke: Es geht um Lügen. Und um die Frage: Was ist Wahrheit?

    Darf ich Ihnen mit einem Zitat antworten:
    "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners"

    Danke Ihnen (und Frau Husmann)für dieses Interview.

    PA

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