Bessere Startbedingungen sind kaum denkbar. Das muss sich auch Richard David Precht gedacht haben, Autor des Philosophie-Bestsellers Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? , als neulich die letzte Sendung des Philosophischen Quartetts im ZDF über den Bildschirm flackerte. Da nötigte Peter Sloterdijk mit Martin Walser und Michael Krüger als Gästen den Zuschauern zwar noch einmal Staunen ab – allerdings nur darüber, wie sagenhaft nichtssagend eine Runde alter Männer ein Thema traktieren kann. Es war ein verpatzter Abend über "Die Kunst des Aufhörens".

Das zu überbieten, bedurfte es keiner Kunst. So viel Gutes darf man über die Verjüngung des Philosophie-Formats, die das ZDF am gestrigen Sonntag rund um die Geisterstunde sendete, schon mal sagen.

Weniger erfreulich ist der neue Name der Sendung, die künftig sechsmal im Jahr zu sehen sein soll: Precht . Weiter nichts als dieser Eigenname, obwohl es der Disziplin der Philosophie doch immer um systematisches, nachvollziehbares, verallgemeinerbares Denken geht, genau darum also, den Eigennamen durchzustreichen und auf die Schaffung eines "Wir" zu zielen. Individuum est ineffabile lautet die klassische Sentenz dazu, das Individuum ist nicht zu fassen, weshalb es völlig unverständlich ist, wie man eine Philosophie-Sendung Precht nennen kann.

Es sei denn, wir fassen es als Fingerzeig auf, dass es gar nicht um Philosophie geht, sondern um eine singuläre Marke (vergessen wir kurz, dass auf 3Sat die Sendung Scobel läuft, auch ein Philosoph), um die Vermarktung eines Medienprodukts. Dieses Produkt sieht so aus: ein Tisch, zwei Stühle, Precht und Gast, ein Kranz von Lampen über ihren Köpfen, ein verdunkelter Raum und an den Wänden große blaue, kreisende Lichtpunkte. Wer böse ist, wird an Blasen denken. An Bla und Blub.

Der Gast der ersten Sendung ist der Hirnforscher Gerald Hüther, diskutiert wird die Frage "Skandal Schule – Macht Lernen dumm?". Obwohl diskutieren bereits zu viel gesagt ist. Denn Precht und Hüther sind zu jedem Zeitpunkt der Sendung einer Meinung. Und die posaunt Precht schon in der Anfangssequenz mit einer Reihe rhetorischer Fragen heraus: "Ist es nicht so, dass..." unser gegenwärtiges Schulsystem ein Riesen-Mist ist?

Was dann 45 Minuten lang folgt, ist eine Art Crash-Kurs Reformpädagogik, das kleine Einmaleins fortschrittlicher Bildungspolitik. Der Unterschied zu einem Wikipedia-Eintrag liegt vor allem im Sound: Gerald Hüther würzt alarmistisch nach ("Wenn wir jetzt nichts ändern, wird es unser Land bald nicht mehr geben"), und Precht peppt die Reformpädagogik sozialkritisch auf ("Hartz IV ist Entschädigung für nichtgewährte Chancengleichheit"). Zeitgemäßes Vokabular muss natürlich auch sein ("Lehrer sollten zu 'Potenzialentfaltungscoaches' werden, sprich: zu Mentoren").

Man kann das als ehrenvolles Anliegen betrachten: Da sitzen zwei besorgte Männer und versuchen, einem verwertbaren, klar umrissenen Wissen zum Durchbruch zu verhelfen. Schade nur, dass damit die Sendung so gut wie nichts mehr mit Philosophie zu tun hat. Denn entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis ist die Philosophie nur bedingt mit Klärung, Erleichterung und Verbesserung einer Lebens- oder Gesellschaftslage beschäftigt. Umgekehrt: Die Philosophie macht erst mal alles schwerer. Das Denken haust im Zweifel. Selbst und gerade die einfachsten Gewissheiten werden von der Philosophie hinterfragt: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Oder: Gibt es überhaupt Philosophie im Fernsehen? Gibt es überhaupt Precht?

 Precht lieferte einen lupenreinen "performativen Selbstwiderspruch"

Noch einmal zurück zur Frage: "Macht Schule dumm?" Precht hat von Goethe, Rousseau und Humboldt gelernt: Ja, wie die Schule jetzt ist, macht sie dumm. Weil sie die Schüler dazu anhalte, etwas wiederzugeben, was bereits vorformuliert ist. Interessanterweise passiert genau das auch in der vorproduzierten Sendung Precht . Hier wird an keinem Punkt nachgedacht, an keinem Punkt gezweifelt oder sich Zeit gelassen, nicht einmal wirklich gefragt oder auch nur einmal nachgefragt. Sekundenschnell haut Precht seine vorgestanzten Sätze heraus. Hüther erinnert an das, was er in seinen Populärpublikationen zuletzt so geschrieben hat. Und weil beide einer Meinung sind, kann sich auch keine überraschende Argumentationskonstellation ergeben, die zu etwas Neuem führt.

Was passiert hier? Genau das, was Philosophen einen "performativen Selbstwiderspruch" nennen. Precht fordert Kreativität ein, ohne sie nur einen Augenblick im Medium des Fernsehens zu gestatten. Damit wird das Fernsehen zur Fortsetzung der unproduktiven Schule mit anderen Mitteln. Als Zuschauer bleibt uns, den Precht-Hütherschen Sermon mit dem Stoßseufzer "gut zu wissen" abzunicken.

Natürlich nur, wenn wir nicht vorher eingenickt sind oder unser unterforderter Kopf, wie damals in der Schulzeit, längst woanders ist und sich die entscheidenden Fragen des Abends selbst stellt: Führt ein vermehrtes gesellschaftliches Interesse an Philosophie am Ende zu weniger Philosophie? Macht Precht dumm?