Realismus: totaler Quatsch. Hollywood: nur dazu da, damit die Leute gut schlafen können. Und haben Sie André Gide gelesen? Und wollen Sie auch ein Bier? Cristi Puiu hält kurz inne und blickt aus dem Fenster. Die Sonne leuchtet auf Bukarest. Puius Atelier liegt in einer Sackgasse, wo die Häuser wieder abflachen und keine schrille Reklame mehr tragen müssen. Das Hüsteln der Dacia-Motoren dämpfen hier drinnen Bücherregale und Teppiche. Nichts erinnert an die schwach belichteten Wohnungen und Betonlandschaften, in denen die Figuren aus Puius Filmen herumirren, manchmal sehr wütend sind und immer sehr allein.

"Die meisten Leute wollen, dass man ihnen die beste aller Welten zeigt", sagt Puiu. Er trägt ein Sporthemd und Shorts, ein breitschultriger Mann, der viele schmale Zigaretten raucht. Er hat drei Kinder und eine Frau, die zugleich die Produzentin seiner Filme ist. Von denen heißt es in Rumänien zuweilen, sie zerstörten den Ruf des Landes. Die Menschen wollten Berge, Seen und Prinzen, sagt Puiu, wie zehnjährige Kinder. Er gab ihnen einen sterbenden Trinker. Ausgestreckt auf einer Trage im Halbdunkel eines Bukarester Spitals, aufgedunsen und grau, Hämatom im Kopf, so blinzelt er dem Tod entgegen.

Diese letzte Szene aus Der Tod des Herrn Lazarescu ist ein unvergesslicher Moment des jüngeren Kinos. Sie beendet die Odyssee eines verarmten Rentners von Notaufnahme zu Notaufnahme, in denen sich kein Arzt für ihn interessiert und ihm nur eine Sanitäterin beisteht. Die Fragen, die dieser mitleidlose, trostferne Film stellt, trafen Europas Festivals mit voller Wucht. Puiu bekam dort mehr als 40 Preise, sogar die Auszeichnung der renommierten Jungfilmerreihe Un Certain Regard in Cannes . Das war 2005.

Dostojewski, Camus

Plötzlich war es, als habe sich eine Tür geöffnet und gebe die Sicht frei auf die schmummrige Welt, die seit jenen Weihnachtstagen 1989, nachdem Nicolae Ceaușescu im Gewehrfeuer zusammenklappte , vergessen worden war. Und plötzlich war es, als stehe der rumänische Film da und wollte nicht wieder gehen. Bald war die Rede von der rumänischen Nouvelle Vague. Ein schnittiger Begriff für die puristische Ästhetik eines Autorenkinos, das seither Kritiker begeistert oder aufgebracht hat. Es wird verbunden mit Namen wie Cristian Mungiu , Radu Muntean , Cătălin Mitulescu , Corneliu Porumboiu und eben Cristi Puiu.


Als ein rumänischer Kritiker schrieb, es gebe ein "Kino vor Cristi und nach Cristi", hat Puiu ihn beschimpft: eine Welle, neinneinnein, Bullshit. Er gibt heute aber zu: "Ich war vielleicht Botschafter eines Kinos, das es anderswo schon gab." Puiu hat in Genf studiert, erst Malerei, dann Regie. Die Filme von Cassavetes und Lucian Pintilie zählt er zu seinen Einflüssen wie die Literatur von Dostojewski und Camus . "Ich habe mich für eine Ästhetik entschieden, die mir selbst entsprach", sagt Puiu. Er ahnte damals nicht, dass sein Blick auf die rumänische Wirklichkeit so viele andere beeinflussen würde.

Lange, gedimmte Kameraeinstellungen, oft ohne Stativ. Beunruhigende Halbnahdistanz, die den Zuschauer mit in die Szenen sperrt. Dort gibt es keine bedeutsam aufgerüschten Dialoge, nur das alltägliche Wortrepertoire. Keine geschmacksverstärkenden Geigen, kein erlösendes Lachen oder andere Gefühlsfürsorge. Es ist ein uncodiertes, entdramatisiertes Erzählen, das vom Regisseur und seinen Schauspielern viel Präzision verlangt.

Inzwischen unterrichtet Puiu Regie in den Räumen der UNATC, der Filmhochschule in Bukarest. Wenn seine Studenten ihn fragen, welche Filme sie gucken sollen, empfiehlt er ein Buch über Physik, in den Bergen wandern, vielleicht Bruckner hören oder in der Nase bohren, wenn's hilft. Wer nur im Kino lebe, ende mit "grauenhaft lärmender Scheiße wie der von Quentin Tarantino".

Filme entstünden nur als Nebenwirkungen, während man die Wirklichkeit untersucht, sagt Puiu. Sie seien Geständnisse, Zeugnisse, Versuche, sie dürfen nie eindeutig sein, sondern immer zweifelnd. Puiu sagt: "Der Zuschauer muss mir sagen, worum es darin geht." Sein letzter Film war vielen nicht geheuer. An Aurora wurde die Radikalität beklagt, die trotzige Unverständlichkeit. Ein Mann in Kapuzenjacke läuft und fährt knappe drei Stunden durch Bukarest, raucht viele Zigaretten, kauft sich ein Gewehr, erschießt vier Menschen und gesteht schließlich die Morde. Musik, Abspann, Ende.