FilmfestspieleAus alter Liebe zu Venedig

Alberto Barbera, Chef der Filmfestsspiele Venedig, braucht Kraft, um der Biennale den alten Glanz zurückzugeben. Die Filmthemen wählte er entsprechend: Glaube und Liebe. von Jan Schulz-Ojala

Die Schauspielerin Noomi Rapace während der Foto-Session zu "Passion"

Die Schauspielerin Noomi Rapace während der Foto-Session zu "Passion"  |  © TIZIANA FABI/AFP/GettyImages

Eigentlich passt Passion , der am Freitag im Wettbewerb präsentierte Thriller von Brian De Palma , nicht recht in den Mainstream dieser 69. Mostra von Venedig . Das elegante, wenn auch etwas öde Remake von Alain Corneaus Crimes d'amour spielt in einer modernen, metropolitanen Gegenwart – kurioserweise in Berlin , als gelte es, die nahezu totale Abwesenheit des deutschen Films wenigstens zum Finale prominent vergessen zu machen.

Der Titel deutet zudem nicht auf Jesu Leidensgeschichte, sondern auf – überwiegend lesbische – Leidenschaften, denen Rachel McAdams als Werbefirmenchefin und Noomi Rapace sowie Karoline Herfurth als ihre Angestellten einiges Feuer zu geben trachten. Und schließlich: Passion ist cooles Genrekino, schick auf der großen Leinwand und später immer noch dekorativ auf nächtlichen Privatkanal-Sendeplätzen.

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Eines aber eint diese Studie über bitterböse Jobrivalitäten unter schönen Frauen mit vielen anderen in Venedig präsentierten Filmen: Passion , so düster wie klaustrophobisch, führt schnurstracks in eine Szenerie, aus der man sich bestenfalls mit Gewalt befreien kann.

Von geschlossenen Gesellschaften allenthalben erzählten die Regisseure in diesem Jahr, von religiös gesteuerten oder auch sozial eisern kontrollierten Familien, in denen die junge Generation meist brutal das Nachsehen hat. Ja, wenn man aus den 18 Wettbewerbsfilmen kühn eine Globaldiagnose filtern wollte, dann steht es verdammt schlecht um unseren Planeten. Überall ideologische Heilsversprechen , die sich als Sackgassen entpuppen, aber keine Alternative, nirgends. Und als Ausblick boten sie, wenn schon nicht die Apokalypse, so doch die seltsamsten Enden der Welt.

Da tut es gut, wenn ein kluger, kleiner Film, der zum Festivalende alle überragt, der Düsternis dazwischenfunkt. Dabei spielt Brillante Mendozas Thy Womb selber am Ende der Welt, auf der philippinischen Insel Tawi-Tawi. Romantiker mögen die aufs Meer hinausgebauten Holzhütten, deren Bewohner vom Fischfang leben, sogleich paradiesisch finden. Und auch Mendozas Blick badet, zeitweise ethnografisch-anthropologisch, in der Farbenpracht der allseits ausgelegten Bastteppiche und in prunkenden Hochzeitsritualen nach islamischem Brauch. Doch das Leuchten trügt: Mitten in dieser Idylle entwickelt sich eine leise Tragödie.

Eigentlich haben die Eheleute Shaleha (Nora Aunor) und Bangas An (Bembol Rocco) alles, was sie zum Glücklichsein brauchen: Gesundheit, eine Hütte, ein Boot, freundliche Nachbarn und eine in langen Jahren gewachsene, tief verlässliche Zuneigung zueinander. Nur kann Shaleha, die als Hebamme arbeitet, keine Kinder bekommen; zum Trost bewahrt sie nach Entbindungen die Nabelschnüre auf. Eines Tages beschließt sie, ihrem Mann zwecks Zeugung von Nachkommen eine junge Zweitfrau zu suchen. Der hohe Brautpreis ruiniert das Ehepaar nahezu, und bald muss Shaleha einen weiteren, noch schmerzhafteren Preis zahlen.

Gesprochen wird wenig in Thy Womb , alles ist Handlung, Blickwechsel, irgendwann Blickvermeidung, allenfalls ein Schimmern in den Augen. Niemand sagt "Ich liebe dich", niemand nimmt von niemandem Abschied. Und doch ist das Opfer, das Shaleha bringt, gewaltig. Zugleich plädiert der Film, mitten in engstmöglicher Befolgung gesellschaftlicher und religiöser Regeln, absolut unpathetisch für eine universelle Hoffnung, die alles überstrahlt. Christlich gesagt: Die Liebe höret nimmer auf. Oder auch: Wo wir leben, ist Zufall, und wie wir leben. Es zählt nur, dass wir lieben.

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