Nachruf Dirk BachEin Aktivist mit Witz

Dirk Bach war Autodidakt: Er blödelte nicht nur für das RTL-Massenpublikum, sondern bezauberte mit ernsten Rollen an kleinen Theatern. Marianne Kolarik erinnert sich. von Marianne Kolarik

Er fand es wunderbar, am Abend im Kölner Schauspielhaus in einem Stück von Marlene Streeruwitz oder Carl Sternheim auf der Bühne zu stehen und tagsüber beim Privatsender RTL eine alberne Szene zu drehen: Dirk Bach , der am Montag im Alter von 51 Jahren tot in einem Appartement in Berlin aufgefunden wurde, war ein Grenzgänger zwischen U und E, zwischen Unterhaltung und Ernst, ein Spaßmacher und Ernstmacher in einer Person. Dass seine getragene Seite öffentlich wenig wahrgenommen wurde, liegt am Fernsehen: Hier wurde er als ulkender Moderator an der Seite von Sonja Zietlow in den sechs Staffeln der RTL-Show Ich bin ein Star – holt mich hier raus! bundesweit bekannt – mit Kommentaren, die das Auftreten der teilnehmenden B- und C-Prominenten lächerlich machten.

Dass er ein seriöser Theaterschauspieler war, ist wohl den wenigsten seiner Fans bekannt. Als er 1990 unter dem Intendanten Günter Krämer ein festes Engagement am Kölner Schauspielhaus erhielt, durfte er zeigen, wie viel Talent er hatte: zum Beispiel im grandiosen Monolog von Javier Tomeos Der Marquis schreibt einen unerhörten Brief . Ob seine TV-Auftritte seine Karriere als Schauspieler erschwerten, lässt sich kaum beurteilen: Einerseits fühlte sich Bach als großes Kind, das noch mit 47 Jahren von sich sagte, es passe nicht so recht in die klassische Erwachsenenwelt: "Dazu fühle ich mich einfach zu verspielt". Andererseits hat er im selben Jahr als Konzentrationslager-Erhardt in der Bühnenadaption von Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein die dunklen Stellen der menschlichen Natur ausgelotet. Und zwar so nachdrücklich, dass man als Zuschauer Unbehagen verspürte.

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Bach, der nie eine Schauspielschule besucht hat und sich seine ersten Erfolge in der freien Szene erarbeitete, machte aus seinen Rollen kleine Kabinettstücke. Sei es als Narr in Shakespeares Was ihr wollt oder als Frosch in der Fledermaus . Er liebte die Verwandlung, und das Publikum liebte den kleinen Mann mit den vielen Rundungen. Als Kind wollte er wie Urmel sein, sagte er; später durfte er nicht nur Urmel spielen, sondern auch sämtliche Käpt'n-Blaubär -Bücher von Walter Moers , seinem erklärten Lieblingsautor, als Audioversion einlesen – und erhielt 2003 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Dem ZDF brachte er zwischen 1996 und 2001 mit der Sitcom Lukas jüngere Zuschauer. Bach spielte einen erfolglosen Schauspieler, der sich als Fledermaus-Darsteller durchs Leben schlägt. "Die Fernsehzuschauer lachen über das, worüber wir am Set auch lachen", sagte er – und behielt recht.

Aktivist für die Maxime: Jeder Jeck ist anders

Eine seiner besonderen Eigenschaften war seine Treue zu seinen Freunden und Kollegen, die ihn alle kurz und treffend Dicki nannten. Ob Hella von Sinnen oder Ralph Morgenstern, Dada Stievermann oder Hape Kerkeling – man kannte sich lange und unterstützte einander mit Engagements: "Man kennt sich, man hilft sich" als gut funktionierendes Netzwerk. Seine eigene Karriere wurde nicht zuletzt von Alfred Biolek und der damals noch existierenden ProGmbH gefördert: eine Produktionsfirma, die sich schließlich an Großprojekten verhob und Konkurs anmelden musste.

Bach ging offen damit um, dass er schwul war, Plüschtiere sammelte und seit vielen Jahren mit ein und demselben Mann zusammenlebte. Unermüdlich wehrte er sich als Aktivist für Peta und die Aids-Hilfe gegen jede Form von Ressentiments und Diskriminierungen, weil, wie man in Köln sagt, jeder Jeck anders ist. Dass er Anfang Dezember in Berlin als Der kleine König Dezember von Axel Hacke auftreten und darin den Satz sagen sollte "Und wer tot ist, wird ein Stern", ist kein Trost für den Verlust eines Menschen, der großzügig über die Schwächen anderer hinwegsah – und über sich selbst am lautesten lachen konnte.

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Leserkommentare
    • M16
    • 02. Oktober 2012 9:13 Uhr

    Tja was soll man sagen? Geschmackssache. Ich mochte ihn weder als Schauspieler, noch als Komödiant. Aber das istz Geschmackssache und über den lässt sich bekanntlich, nicht streiten. Trotzdem ist es immer sehr bedauerlich wenn jemand so jung verstirbt.

    Mein Beileid den nächsetn Angehörigen.

    • TDU
    • 02. Oktober 2012 9:14 Uhr

    Auch wenn er mitunter laut und schrill daher kam. Seine Komik hatte immer Substanz und war nie aufdringlich, verachtend oder gar hämisch.

    • krister
    • 02. Oktober 2012 9:16 Uhr

    Dass ihn jemand nicht mögen konnte,ist mir persönlich unbegreiflich!
    Soviel Herz und Verstand in einer Person,das ist außerordentlich!
    Wir sind immer noch geschockt und werden ihn furchtbar vermissen!

  1. Allein seine ewige Ruhe nun ist weder komisch noch tragisch.

  2. Ich muss zugeben, dass mir D. Bach immer nur durch die "Sekundärberichterstattung" über Dschungelcamp u.Ä. bekannt war und ich mich entsprechend nie groß mit ihm beschäftigt habe.
    Schade, dass man oft auf tolle Menschen und große Künstler erst zu spät aufmerksam wird. Ein Grund für mich, in Zukunft genauer hinzusehen um Vorurteile zu vermeiden!

  3. 6. Es ist

    ...ein Jammer. Die neuen Walter Moers Hörbücher wurden von mir sehnlichst erwartet. Wo ich ihn früher nicht mochte, haben mir diese Hörbücher gezeigt, was in seiner Stimme steckt und seine Theaterauftritte, wie viel emotionale Vielfalt von ihm auf die Bühne gebracht werden kann.

  4. die selbe Korrektur: Dirk Bach hat nicht alle Romane von Walter Moers eingelesen. Habe den Guten Herr Bach übrigens auch durch besagte Hörbücher lieben gelernt.

    • creezy
    • 02. Oktober 2012 9:45 Uhr

    aber inhaltlich möchte ich hier widersprechen: <i>Hier wurde er als ulkender Moderator an der Seite von Sonja Zietlow in den sechs Staffeln der RTL-Show Ich bin ein Star – holt mich hier raus! bundesweit bekannt </i>

    Nee nee, der Dirk war schon lange vorher bundesweit und auch im TV bekannt und geschätzt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dirk Bach | Alfred Biolek | Peta | Privatsender | Schauspielhaus | Walter Moers
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