Film "Die Wand"Gefangen in sich selbst

Was bleibt übrig von einem Menschen, der in vollkommener Isolation lebt? Julian Pösler hat den als unverfilmbar geltenden Roman "Die Wand" auf die Leinwand gebracht.

Am Morgen ist sie plötzlich da. Unsichtbar und undurchdringlich. Eine Wand, die das einsame Jagdhaus in weitem Radius hermetisch von der Außenwelt abschirmt. Die Frau (Martina Gedeck), die davon erzählt und ihre Geschichte in kleinen Buchstaben auf das wenige verbliebene Papier niederschreibt, war an einem schönen Frühlingstag mit Freunden zu deren Ferienhaus in den oberösterreichischen Bergen gefahren. Nach der Ankunft verabschiedete sich das Paar zu einem Spaziergang ins Dorf und kam nicht mehr zurück. Seitdem ist die namenlose Protagonistin in Julian Roman Pölslers Die Wand allein. Mutterseelenallein, eingesperrt in der wilden Natur und abgeschirmt von einer Welt, in der nach einem nicht näher definiertem Vorfall alles menschliche Leben zu Stein erstarrt ist.

Anfangs versucht sie noch die Wand zu durchbrechen und prüft regelmäßig, ob die unsichtbare Absperrung noch existiert. Aber dann findet sie sich ab mit dem Zustand totaler Isolation und fängt an, ihr Überleben zu organisieren, pflanzt Kartoffeln aus, geht auf die Jagd, macht Heu, damit die zugelaufene Kuh auch im Winter Milch geben kann. Der Hund, die Katze, die Kuh und ein weißer Rabe sind die einzigen Lebewesen, zu denen die unfreiwillige Einsiedlerin Kontakt aufbaut, während die Jahreszeiten in der rauen Berglandschaft vorbeiziehen.

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Was bleibt übrig von einem Menschen, der gezwungen wird, ohne jegliche soziale Beziehungen zu leben? Dieser existenziellen Frage ging Marlen Haushofer in ihrem 1963 erschienenen Roman Die Wand nach. Die Vision einer vollkommenen Isolation entwickelte sich erst über die Jahrzehnte zu einem Weltbestseller. Vor allem in den achtziger Jahren stiegen die Verkaufszahlen, weil die Frauenbewegung in dem Roman den Entwurf zu einer radikalen Emanzipation sah und die Friedensbewegung eine postnukleare Apokalypse darin erkannte. Nachdem Elke Heidenreich das Buch in ihrer Sendung Lesen! präsentierte, kletterte Haushofers Roman 2004 noch einmal ganz nach oben in den Bestsellerlisten. Da die Erlebnisse der Protagonistin komplett aus der Innenperspektive erzählt werden und das Szenario keinerlei Dialogmaterial anbietet, galt Die Wand fast fünfzig Jahre lang als unverfilmbar.

Der österreichische Regisseur Julian Pölsler hat es nun trotzdem versucht und aus dem eigenwilligen Stoff einen eindringlichen Film modelliert, der trotz des ereignisarmen Plots seine innere Spannung von Anfang bis Ende hält. Man wird langsam aber unaufhaltsam hineingezogen in die Abgeschiedenheit dieser Welt, obwohl die Ich-Erzählerin aus dem Off in betont nüchternem Ton von ihrem Schicksal berichtet.

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Souverän meistert Martina Gedeck diese vollkommen dialoglose Rolle, in der eine Hand voll Tiere die einzigen Anspielpartner sind. Aus der totalen Isolation, die zunächst als Alptraumszenario erscheint, erwachsen auf der Leinwand zunehmend faszinierende Aspekte. Die imposante, wechselhafte Naturkulisse entwickelt über die Jahreszeiten hinweg einen starken visuellen Sog und verschmilzt mit dem sich wandelnden Seelenzustand der Figur. Natürlich ist Die Wand nichts für Plotsüchtige, aber wer sich darauf einlässt, dem verschafft dieser Film ein Seherlebnis von nachhaltiger Wirkung, das sich einen festen Platz im filmischen Gedächtnis erarbeitet.

 
Leserkommentare
    • Kometa
    • 11.10.2012 um 11:24 Uhr

    Tiere als "Anspielpartner"?
    Und wie funktioniert die Psyche, völlig ohne Personenbeziehungen, ohne -erinnerungen, ohne personale Hoffnungen, nur so gegen die gläserne Wand gesetzt? Werden die auch an die "Wand" gespielt.
    Ich fand die "And", pardon die "Wand", irreal, unlesbar, hausgehofert. Im Buch sind die realen Einsprengsel der Arbeit in und mit der Natur, die Wirklichkeit der Lebens-Mittel, unglaubwürdig hinter und unter diesem desatrösen Glas der Eremitin.
    Ob Frauen - in klösterlichem(?), steinernem Ambiente z.B. - die Suggestion der Isolierung a n d e r s empfinden, authentisch, nacherlebbar?

  1. In diesem Film stimmt nichts. Martina Gedeck im Nebel. Martina Gedeck im Sonnenuntergang. Martina Gedeck im jungfräulichem Neuschnee. Martina Gedeck beim lauen Sommerregen.
    Und immer dabei Lux ihrer treuer Hund und Gefährte.
    Man wartet förmlich darauf, dass endlich der Schriftzug "Schärdiger Käse" erscheint und der Werbespot zu Ende geht.
    Die Natur in diesem Film ist eine Postkartenidylle, die fatal an den Pathos der 50er Jahre Heimatfilme erinnert.
    Der Regisseur bekannt durch seine glatten TV-Naturhochglanzfilme bemüht sich keinen Moment die Seelen-Landschaft und die Konfrontation mit der Natur-Landschaft als filmisches Potential zu nutzen. Schmerzlich denkt man daran welche eindringlichen Naturbilder etwa ein Andrei Tarkowski gefunden hat. Stattdessen seitenweise im Off verlesener Text. Der Film ist im besten Fall ein bebildertes Hörspiel. Man sollte nur besser im Kino die Augen schließen damit man eine eigene innere Bildwelt kreieren kann.

    4 Leserempfehlungen
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    • bnt
    • 12.02.2013 um 23:34 Uhr

    Lieber Christianbln07,
    ist es nicht vielleicht gerade die Postkartenidylle, die in diesem Film schon auch gehörig dekonstruiert wird? Geistige Isolation ist doch durchaus ein wesentliches Element in diesem Film, oder nicht?

    • bnt
    • 12.02.2013 um 23:34 Uhr

    Lieber Christianbln07,
    ist es nicht vielleicht gerade die Postkartenidylle, die in diesem Film schon auch gehörig dekonstruiert wird? Geistige Isolation ist doch durchaus ein wesentliches Element in diesem Film, oder nicht?

    • redsox
    • 11.10.2012 um 13:11 Uhr
    3. Stark

    Das der Roman als unverfilmbar gilt, kann ich nicht wirklich nachvollziehen.
    In den 1980ern habe ich ihn mit ein bisschen Abstand zweimal gelesen. Vor kurzem habe ich ihn als Hörbuch in der Stadtbibliothek gefunden. Trotz der Jahre immernoch eine starke Geschichte.

    Aber man muss Robinsonaden und deren kaum wahrnehmbare Eigendynamik auch mögen. Sonst ist mensch hier falsch.

  2. Mit Abwandlung und etwas surrealistisch. Ansonsten doch ein bekanntes Thema.

  3. Ich verstehe zwar nicht alle Aussagen im Detail, die der Beitrag von "Kometa" beinhaltet, aber ich möchte gerne meine Erfahrung mit dem Buch schildern. Dieses Buch habe ich vor ca.10 Jahren gelesen und selbst heute hat "die Wand" noch ein Gefühl für diese - im Buch beschriebene - Situation hinterlassen. Für mich steht diese Geschichte als Metapher für diverse, sehr reale Begebenheiten, die die Psyche in manch Menschenleben verarbeiten muss. Warum bleibt die Protagonistin allein zurück? Das gestörte Verhältnis zur Familie, die Entscheidung gegen den einzigen Menschen den sie trifft - zugunsten der Tiere, etc. Das Buch handelt, unter anderem, von der Auseinandersetzung mit getroffenen Entscheidungen, dem "Funktionieren", den Perspektivwechseln, dem Schicksal, der Machtlosigkeit und der Hoffnung. Die Autorin schafft es den Leser dermaßen in diese "Reduziertheit" hineinzuziehen, dass sogar die "einfachen" Ding, wie das Kalben der Kuh, eine unglaubliche Komplexität erhalten. Ich kann das Buch nur empfehlen und bin gespannt auf den Film.

    3 Leserempfehlungen
    • spsw
    • 12.10.2012 um 23:09 Uhr

    Ich habe den Film gerade gesehen und habe beobachtet, wie einige Zuschauer die Logik des Geschehenen ergründen und hinterfragen. Das wundert mich sehr, weil es in "Die Wand" nicht um Realismus geht. Es geht doch viel mehr um die besondere Situation, die mit dieser trennenden Wand geschafften wird. Sie isoliert die Protagonistin von der Aussenwelt und konfrontiert sie sie mit der Natur, den Tieren und vor allem mit sich selbst. Die Geschichte mit dem weißen Raaben, der von seinen schwarzen Artgenossen ausgestoßen wird, ist eine schöne Analogie zu ihrem Getrennt und Allein Sein. Nach anfänglichen Widerständen, lässt sie ihr altes Ego hinter sich, vergisst die Zeit und die Grenzen zwischen Mensch und Tier lösen sich auf. Der Film lässt viele Interpretationsmöglichkeiten offen. Jeder und jede kann eine finden, wenn er oder sie sich auf den Film nur einlässt.

    Eine Leserempfehlung
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    Ich kannte weder das Buch, noch hatte ich irgend eine Information über den Film, als ich ihn mir ansah.Ich war also vollkommen offen, interessiert und ahnungslos und bar jeglicher Vorurteile oder Erwartungen.
    Ich habe die Ereignisse erst fassungslos, dann ungläubig, dann interessiert wahrgenommen und zum Schluss war ich so darin gefangen, das ich sprachlos war, dass das das Ende des Filmes gewesen sein soll.Ich glaube, ich habe mich damit so ziemlich in dem Gemütschema bewegt, welches auch die Protagonistin durchleben musste.Angekommen in einer idyllischen Jagdhütte, alles gut, alles schön, das Wetter klasse, die Welt so einigermaßen heil und langweilig, das Leben so im Lot, kommt man sich plötzlich wie im falschen Film vor und zwar so, dass man es als unvoreingenommener Zuschauer regelrecht spüren konnte. Anfangs fragte ich mich noch, was das soll mit der Wand, für was das gut sein soll oder was es darstellen soll, aber darauf gab es ebensowenig für mich eine Antwort wie für die Protagonistin. Deshalb gab ich das Wissen wollen auf und ergab mich in die folgenden Handlungen....

    Ich kannte weder das Buch, noch hatte ich irgend eine Information über den Film, als ich ihn mir ansah.Ich war also vollkommen offen, interessiert und ahnungslos und bar jeglicher Vorurteile oder Erwartungen.
    Ich habe die Ereignisse erst fassungslos, dann ungläubig, dann interessiert wahrgenommen und zum Schluss war ich so darin gefangen, das ich sprachlos war, dass das das Ende des Filmes gewesen sein soll.Ich glaube, ich habe mich damit so ziemlich in dem Gemütschema bewegt, welches auch die Protagonistin durchleben musste.Angekommen in einer idyllischen Jagdhütte, alles gut, alles schön, das Wetter klasse, die Welt so einigermaßen heil und langweilig, das Leben so im Lot, kommt man sich plötzlich wie im falschen Film vor und zwar so, dass man es als unvoreingenommener Zuschauer regelrecht spüren konnte. Anfangs fragte ich mich noch, was das soll mit der Wand, für was das gut sein soll oder was es darstellen soll, aber darauf gab es ebensowenig für mich eine Antwort wie für die Protagonistin. Deshalb gab ich das Wissen wollen auf und ergab mich in die folgenden Handlungen....

  4. ... und freue mich nun auf den Film.

    • noemi1
    • 13.10.2012 um 20:44 Uhr

    an Gadularot. Ich möchte diesen Film wirklich gerne sehen. Zunächst fand ich die Handlung absurd und eher abstoßend, aber jetzt reizt mich das Ganze schon. Ich bin auch gespannt auf Martina Gedeck in der Hauptrolle. Vielleicht lese ich das Buch ja auch, davor oder danach...

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