Entwicklungshilfe-DokuHilfe, die arm macht

Warum kommt Afrika wirtschaftlich nicht auf die Beine? Weil Entwicklungshilfe es seit Jahrzehnten in Armut hält, sagt Peter Heller in seiner Dokumentation "Süßes Gift". von 

Zu Beginn des Films wirft ein Flugzeug weiße Säcke ab, irgendwo in Afrika über einer staubigen Savanne. Ein Pulk von Menschen rennt los zum Ort des Abwurfs, sie kauern sich hin und scharren vom Boden auf, was sie kriegen können. Jeder will möglichst viel von der Hilfe ergattern, die da vom Himmel fiel.

Wer sich mit derartiger Energie auf abgeworfene Getreidekörner stürzt, steckt entweder in einer lebensbedrohlichen Notlage – oder er hat sich so sehr an die Lieferung aus der Luft gewöhnt, dass er gar nicht mehr auf die Idee kommt, sich aus eigener Kraft zu versorgen.

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Das ist die Botschaft des Films Süßes Gift : Entwicklungshilfe macht abhängig und lethargisch. Sie zerstört jede Motivation, sich selbst anzustrengen, denn man bekommt sie gratis und ganz ohne Mühe. Zugleich ist sie ein Geschäft, dessen Profite vor allem westliche Unternehmen einstreichen – die Armen aber, die Hilfe am dringendsten bräuchten, gehen leer aus.

 
Die Kritik ist nicht neu.
Einige ihrer prominentesten Vertreter sind der ehemalige Weltbank-Ökonom Bill Easterly, der von der US-Ostküste aus immer wieder die missionarische Haltung vieler Entwicklungshelfer und -ökonomen attackiert, die sambische Ökonomin Dambisa Moyo und ihr kenianischer Kollege James Shikwati . Geändert haben sie an der Praxis bislang freilich wenig.

Eine Fischfabrik für Nomaden, ohne Strom

Süßes Gift zeigt das Versagen der Helfer anhand von drei Beispielen aus Kenia , Mali und Tansania . In Kenia wollte man die Turkana, traditionell ein nomadisches Hirtenvolk, zu Fischern machen, um sie vor den Folgen einer Dürre zu bewahren. Mit norwegischem Geld wurde also eine Fischfabrik gebaut, um den Fang zu vermarkten. Doch es gab weder Strom, um die Fische zu kühlen, noch ausreichend sauberes Wasser, um sie zu reinigen. Die Fabrik nahm ihren regulären Betrieb nie auf.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

In der malischen Region Manantali finanzierte Entwicklungsgeld einen Staudamm, der dem Land und seinen Nachbarstaaten Elektrizität bringen sollte. "Strom ist Entwicklung", sagt ein erfahrener Entwicklungshelfer im Film, und das stimmt ja auch. Aber die Bauern, die für den Damm umgesiedelt wurden, bereiten ihre Mahlzeiten bis heute über Feuerholz zu, und ihre Ernten sind magerer als zuvor. Die westlichen Unternehmen hingegen, die am Bau beteiligt waren, machten hohe Gewinne. Dem Land blieben die Schulden aus den Entwicklungskrediten, die den Bau finanzierten.

Dem tansanischen Dorf Muhenda wiederum sollte eine Baumwollfabrik Wohlstand bringen: mechanisierte Landwirtschaft, die Pflanzen durch Dünger und Pestizide auf hohe Erträge getrimmt. Maschinen und Chemikalien wurden importiert – bis der Weltmarktpreis für Baumwolle so weit fiel, dass die Kosten nicht mehr zu finanzieren waren, und die Regierung ihre Subventionen einstellte. Heute überleben die Kinder der damaligen Baumwollbauern mit ein paar Cents am Tag. "Wir erwarten gar nichts", sagt eine Bäuerin aus Muhenda. "Aber ohne Hilfe schaffen wir es nicht."

Leserkommentare
  1. ist ein Synonym für Ausbeutung. Durch Entwicklungshilfe werden Strukturen für Investoren geschaffen, die billig Fischereirechte aufkaufen und Bodenschätze abtransportieren dürfen und der Bevölkerung die Zerstörung ihrer Umwelt hinterlassen.

    Selbst Kinderarbeit durch verschleppte Kinder auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste nehmen ausländische Geschäftspartner in Kauf.

    Als ich Kind war, und es an unserer Tür klingelte, eine Frau für "Brot für die Welt" sammelte, sagte mein Vater, für solch einen Blödsinn geben wir nichts.

    Ich fand meinen Vater grausam und habe mein Taschengeld gespendet.

    Heute verstehe ich meinen Papa posthum.

    Es wird Wanderungen geben, die gesellschaftlich und menschlich auf beiden Seiten Probleme machen werden, sagte er, und das sagt auch der kleine afrikanische Junge:

    "Wenn Gott nicht alle Tiere tötet, werde ich hier heiraten. Wenn er sie umbringt, komme ich zu Euch."

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    Das sehe ich auch so. Ich habe mehrere Jahre in Kenia und Uganda gelebt und habe oft Einheimische gefragt, ob sie nach Europa gehen wuerden, wenn unbeschraenkte Einwanderung erlaubt waere. Sie wollten alle. Die europaeischen Regierungen sollten sich darauf einstellen. Da kommt noch was auf sie zu.

    ... Wanderungen aus Gebieten die kein Überleben mehr gewährleisten. Aus Asien und aus Afrika, weil das Meer steigt oder weil kein Regen mehr fällt. Und es werden nicht die paar tausend sein, die jetzt kommen sondern Abermillionen.

    Man stelle sich nur mal vor 100Mio Bangladescher fliehen vor dem steigenden Wasser oder 15Mio Afrikaner vor der Dürre.

    Die Probleme, die da entstehen sind unvorstellbar; die "Lösungen" aber, will sich keiner vorstellen.

    • Opaoma
    • 08. November 2012 10:05 Uhr

    So gut der Film zu seien scheint, aber Ihr Kommentar offenbart ein Problem.
    Nämlich, dass Sie jetzt aufgrund dieses Artikels jegliche Hilfs- und Spendenorganisation verurteilen, obwohl es doch riesige Unterschiede gibt. Soweit ich weiß macht Brot für die Welt eine sehr gute Arbeit bei der "Hilfe zur Selbsthilfe" im Vordergrund steht und versucht auch Druck auf die Politik auszuüben. Und hat nichts mit den im Film genannten Beispielen zu tun.

  2. Es wäre schon einiges erreicht, wenn die Franzosen auf ihre völlig unzeitgemäßen und unwirtschaftlichen EU-Agrarsubventionen verzichten würde. Die Folge dieser Subventionen ist nämlich, dass europäische Agrarprodukte zu Dumpingpreisen in Entwicklungsländern verkauft werden, anstatt heimischer Produkte -die sind nämlich zu teuer. Damit macht man einen ganzen Markt kaputt.

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    Gleichzeitig würden viele Staaten in Afrika gerne ihren Markt für eine gewisse Zeit mit Importzöllen abschotten um eine eigene Industrie aufzubauen. Genau das haben viele europäische Staaten vor vielen Jahren gemacht oder ein neueres Beispiel: die Tigerstaaten sind so nach oben gekommen.
    Allerdings wird den Afrikaner dieses Instrument nicht gestattet. Sollten sie es trotzdem machen gibt es keine neuen Kredite mehr.
    Wäre ja auch noch schöner wenn wir unsere Überproduktion nicht in Afrika verscherbeln könnten...

    Die ganze EU exportiert z.B. in westafrikanische Länder die sogenannten Fleischhähnchen (poulets de chair), die mit Antibiotika und Wachstumshormonen schnell und billig unter furchtbaren Haltungsbedingngen Profit bringen.

    Natürlich kauft eine arme Familie so ein Biligprodukt, um die Familie durchzubringen. Ein traditioneller einheimischer bäuerlicher Betrieb hat da keine Chance,seine Produkte zu vermarkten.

    Ich weiß, dass im Senegal die europäischen "Fleischhähnchen" wegen des Preises und der Masse des Fleisches geliebt werden.

    Dieser Film hat definitiv seine Berechtigung und spricht ein wichtiges Thema an. Viele Dinge laufen falsch im Rahmen der Entwicklungshilfe gleichwohl wurde vieles wurde bereits erkannt. Ich möchte jedoch hierauf gar nicht weiter eingehen, sondern etwas bezüglich der EU-Agrarsubventionen anmerken. Die Ausfuhrerstattungen für Fleisch, Milch und andere Agrarprodukte sind heute so niedrig wie nie zuvor. Insbesondere für Milch und Milchprodukte werden aktuell gar keine Ausfuhrerstattungen an europäische Betriebe gezahlt. Und selbst wenn dies der Fall sein sollte, ist eine "pauschale" Ablehnung/Kritik in keinster Weise gerechtfertigt sondern gar fahrlässig. Dies gilt im besonderen Maße für die Least Developed Countries, die sowohl auf Import-, als auch Exportseite von der EU-Agrarpoltitik profitieren. Diese Länder sind überwiegend Nettoimporteure, deren Bevölkerung von günstigen Agrarpreisen profitiert. Und auch ein Schaden für dortige Landwirte ist zweifelhaft, da diese in der Regel auf bestimmte Produkte spezialisiert sind. Restliche Agrarprodukte müssen auch diese zukaufen. Zusätzlich profitieren auch die Exporteure der LDCs, da diesen im Rahmen des Everything-But-Arms Abkommens freier EU-Marktzugang gewährleistet wird und sie von den höheren EU internen Preisen profitieren. Ein Artikel der dies sehr gut veranschaulicht und verdeutlicht stammt von Panagariya (2005)"Agricultural Liberalisation and the Least Developed Countries: Six Fallacies

    • Petro69
    • 04. Februar 2013 17:21 Uhr

    Viele Euro-Länder wie NL,B, und andere wie auch wir liefern z.B. die Reste von Geflügel, was hier nicht gegessen wird auf die Märkte voz.B. Westafrika, wie im TV dokumentiert - gefroren in Blöcke wird es dort auf den Märkten zerhackt und verkauft. Natürlich viel billiger und so wird die eigene Produktion in den Länern zu teuer und das macht die Wirtschaft in diesen Ländern vollends kaputt.
    Das dürften die Entwicklungsminister wie Herr Niebel auch wissen.
    Teppiche sind die eine Seite, Verstand ist die andere Seite.
    Was echte Entwicklungshilfe ist versteht man in Europa noch nicht.
    Da standen schon Maschinen und Drehbänke als Entwicklungshilfe in
    afrikanischen Häfen lt. TV und rosteten vor sich hin, dafür muss auch koordinierter Verstand und Bedarf vorhanden sein.
    So wurden schon Milliarden versenkt ohne Sinn, manche bekamen
    ja auch Bargeld und so konnte man goldene Betten und Waffen kaufen.
    Es geht gerade so hirnlos weiter, denn da fehlt etwas.

  3. Gleichzeitig würden viele Staaten in Afrika gerne ihren Markt für eine gewisse Zeit mit Importzöllen abschotten um eine eigene Industrie aufzubauen. Genau das haben viele europäische Staaten vor vielen Jahren gemacht oder ein neueres Beispiel: die Tigerstaaten sind so nach oben gekommen.
    Allerdings wird den Afrikaner dieses Instrument nicht gestattet. Sollten sie es trotzdem machen gibt es keine neuen Kredite mehr.
    Wäre ja auch noch schöner wenn wir unsere Überproduktion nicht in Afrika verscherbeln könnten...

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Agrarsubventionen"
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    ...Sollten sie es trotzdem machen gibt es keine neuen Kredite mehr. !
    Wann hat das letzte Mal ein afrikanisches Land seine Kredite zurück gezahlt ?

  4. auch dieser Artikel aus Ihrer Feder, über die Wirkung von Entwicklungshilfe und über die Dokumentation von Peter Heller, ist abseits der Mainstream-Berichterstattung angesiedelt.

    Beim Pulitzer-Preis Journalismus gibt es eine Kategorie „Dienst an der Öffentlichkeit“

    Dies wäre zumindest schon mal die richtige Umschreibung Ihrer Schreib- und Informationsarbeit.

    5 Leserempfehlungen
  5. Die ganze EU exportiert z.B. in westafrikanische Länder die sogenannten Fleischhähnchen (poulets de chair), die mit Antibiotika und Wachstumshormonen schnell und billig unter furchtbaren Haltungsbedingngen Profit bringen.

    Natürlich kauft eine arme Familie so ein Biligprodukt, um die Familie durchzubringen. Ein traditioneller einheimischer bäuerlicher Betrieb hat da keine Chance,seine Produkte zu vermarkten.

    Ich weiß, dass im Senegal die europäischen "Fleischhähnchen" wegen des Preises und der Masse des Fleisches geliebt werden.

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    Antwort auf "Agrarsubventionen"
  6. ... aber da schreit der blogger in mir zeter und mordio. warum ist kein link auf die offizielle seite vorhanden?

    --> http://www.suessesgift.wf...

    eine winzig kleine dienstleistung, die ich sehr wichtig finde. das signalisiert: hey leser, ich find' dich wichtig und hab' drüber nachgedacht, was dir wichtig sein könnte.

    so. und nun: danke für den artikel. :)

    3 Leserempfehlungen
    • RPT
    • 07. November 2012 18:48 Uhr

    Genauso bei Griechenland, das von der EU kaputt subventioniert worden ist.

    2 Leserempfehlungen
  7. Gefährlich wird es immer dann, wenn Entwicklungshilfe im großen Stil an politische Bedingungen geknüpft ist. Unternehmen wie USAid sind Meister darin, die Hilfe an politischen Einfluss zu koppeln. Noch schlimmer sind Entwicklungskredite von IWF oder Weltbank, welche direkt an neoliberale Reformen gekoppelt sind.

    Und dann kommt einer wie Gaddhafi, der offen vor der UN Vollversammlung anspricht, dass es pervers ist wenn der rohstoffreichste Kontinent der Erde gleichzeitig der Ärmste ist. Dass diese Armut auch eine direkte Folge von altem und neuen Kolonialismus ist.

    Und dann gründet er die afrikanische Union. Finanziert Infrastrukturprojekte in Afrika ohne Knebelverträge. Spricht von einer afrikanischen Gemeinschaftswährung die goldgedeckt ist.
    Spricht von Souveränität und Emanzipation.

    Wir alle wissen, wie solche Visionen ausgehen.

    8 Leserempfehlungen
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    • Medley
    • 08. November 2012 3:12 Uhr

    Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich zum konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Pestizid | Strom | Vereinte Nationen | Afrika | Kanada | Kenia
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