"Des ísch ein Colúmbia!" singsangt die Bedienung im Szenecafé empört, als Niko sich über den Preis von 3,40 Euro für einen Kaffee beschwert. Dabei wollte Niko nichts weiter als einen "normalen Kaffee", einen Koffeinstoß, der ihm über den verpfuschten Tag hilft. Doch dafür reicht sein Geld im aufgeputzten Kiez nicht mehr. Papa, der dem Endzwanziger Niko jahrelang einen Tausender monatlich 'rüberschob, hat das Konto gesperrt. Der Mini-Clash der Kulturen zwischen der tüchtigen Schwäbin hinterm Tresen und dem verkrachten Jurastudenten ist ein Schlüsselmoment der witzigen Berlin-Komödie Oh Boy , die diese Woche in den Kinos anläuft. Boy Niko treibt darin als trübsinniger Flaneur durch die Hauptstadt von einer absonderlichen Begegnung zur nächsten.

Noch so'n Film über einen Rumhänger aus dem Berliner Kreativ-Prekariat? Einerseits schon. Andererseits ist die schwarzweiße Komödie ein melancholischer Abgesang auf jene Film-Spezies, die das Image der Stadt nun seit Jahrzehnten geprägt hat. Schon lange vor dem Mauerfall ließ sich die Pubertät nirgendwo so ungestört verlängern wie in dieser Stadt ohne Sperrstunde und mit billigen Wohnungen, eine disparate Metropole im Dornröschenschlaf, deren Macken durch den antifaschistischen Schutzwall konserviert wurden. "Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin !" sang Annette Humpe , und Christiane F. lockte westdeutsche Teenies zu einer Art Abenteuerurlaub an den Bahnhof Zoo. Ältere begeisterten sich an Wim Wenders Himmel über Berlin , einem aus heutiger Sicht fast lächerlich entrückten Film, der das alternative Biotop im Westteil feierte und in dem noch 1987 nichts auf den baldigen Aufbruch im Osten schließen ließ.

Niko ist nun ein legitimer Nachfolger der Generation des Herrn Lehmann , den Sven Regener beschrieb und Leander Haußmann 2003 verfilmte. Darin schreiben wird das Jahr 1989: Ganz Westdeutschland macht auf Yuppie. Nur auf der Insel Berlin lässt es sich weiter herumschlumpfen. Der Oberschluffi Christian Ulmen spielte den Lehmann, der mit fast 30 in einer Kneipe kellnert, den Ball flach hält und das Rumoren von Drüben überhört. Am Ende – wir wissen es – fällt über Nacht die Mauer, in deren Schatten man es sich gemütlich gemacht hatte, und man beginnt zu heulen beim Anblick der frohen Menschen, die mit ihren Pappautos 'rübertuckern. Detlev Buck spielte damals den Kneipenbetreiber und Künstler Karl, der zusammenbricht, als es mit seiner ersten Ausstellung ernst wird: ein Indiz, dass große Freiheit und ungesunde Verdrängung oft Hand in Hand gehen.

Nach '89 wurde das Go East für viele, die sich als Künstler berufen fühlten oder was mit Medien machen wollten, zur Massenbewegung. Das Lebensgefühl der Wessi-Zuzügler, die sich in den billigen Bruchbuden am Prenzlauer Berg noch als Pioniere fühlten und gegenseitig auf die Schultern klopften, hat sich in zahlreichen Filmen verewigt. Wohlgemerkt: nur in der außerberlinerischen, westlichen Perspektive ist die Stadt ein Hauptdarsteller – eine Projektionsfläche zur Selbstbespiegelung. Das hübsch Hässliche des wilden Ostens fasziniert ja besonders Menschen aus kommoden Verhältnissen. Berlin-Filme sind immer Coming of Age-Filme, in der die abgewrackte Kulisse als Abbild innerer Reifeprozesse herhalten muss. Eine Ausnahme bildet allein Andreas Dresens Sommer vorm Balkon . Kaum eine Stadt dürfte so gründlich in so kurzer Zeit und mit soviel stolz geschwellter Brust in ihrer pittoresken Abgeschabtheit filmisch ausgeleuchtet worden sein. Und auch nicht in ihrer rasanten Erneuerung, wie das etwa Tom Tykwer vor zwei Jahren tat in seiner Beziehungskomödie Drei , die von der angesagten Currywurstbude bis zum Badeschiff keinen Place to be ausließ.