Filmfestival SüdkoreaSie wollen nur filmen

Gewalt und Leidenschaft, politisch und privat: Das wichtigste asiatische Filmfestival im korenaischen Busan zeigt, wie die Zukunft aussieht. von Jan Schulz-Ojala

Der Regisseur Kim Ki-duk auf einer Diskussionsrunde im Rahmen des 17. Internationalen Filmfestivals in Busan (BIFF)

Der Regisseur Kim Ki-duk auf einer Diskussionsrunde im Rahmen des 17. Internationalen Filmfestivals in Busan (BIFF)  |  © Chung Sung-Jun/Getty Images

Telefonieren geht gar nicht. Das heißt, natürlich sind die Geräte, die nahezu jeder neun- bis neunundzwanzigjährige Koreaner nahezu jederzeit in Händen hält, auch zur digitalen Übermittlung analog erzeugter menschlicher Kommunikationsimpulse in der Lage. Aber was, wenn sie fast so tabletmonstergroß sind, dass kaum eine Männer- und erst recht keine Frauenhand sie noch ans Ohr halten mag? Dann hockt man eben, von der Metro bis hinauf in die künstlichen Parks, auf dem Kaufhausdach, vor den neonbunt hartplastikummantelten Smartphones und hackt beiddäumig auf die Tastaturen ein, bis die Displays glühen.

Aber wozu telefonieren, Reden wird sowieso überschätzt. Gehen wir lieber, hier an der südkoreanischen Südostküste, ins Kino am anderen Ende der Welt. Und wundern wir uns nur einen Augenblick lang, warum der Saal überfüllt ist, obwohl Architecture 101 von Lee Yongzoo, einer der Blockbuster des Frühjahrs, mit seinen vier Millionen Zuschauern doch längst abgespielt sein müsste. Schon schön, die zarte Romanze um zwei, die ihre verfehlte erste Liebe als Erwachsene vorsichtig nachzuholen suchen – aber wer hatte ihre Stars, heißen sie Lee Je-hoon oder Bae Suji, bisher leibhaftig vor der Linse? Hier stellen sie sich ihrem Publikum, das während des Abspanns in Scharen still nach vorne rückt und Smartphones zückt. Fragen? Keine Fragen. Sie wollen nur filmen.

Anzeige

Ja, wer in den Fernen Osten reist, reist in die nahe oder auch fernere Zukunft. Für Südkorea gilt das ganz besonders. In der Hafenstadt Busan steht mit dem Shinsegae ("Neue Welt") das weltgrößte Luxuskaufhaus, und unterm Dach lockt ein feines Megaplex, so fein, dass es sich sogar die hässlichen Notausgangsleuchten neben der Leinwand schenkt. In Busan auch steht der wohl weltgrößte Filmfestbunker: frisch hingeklotzt ganz in Grau vom Architekturbüro Coop Himmelb(l)au, und unter dem wie aus dem All gestürzten Riesendach ducken sich Kinosäle, Lounges und Büros. Und drumherum die Fünfzigstöcker, in denen – ob Büro, ob Wohnhaus – weißes Neonlicht glimmt. Hier strebt das 21. Jahrhundert längst eifrig seiner Mitte entgegen.

Der Ruhm des Kollektivs

So viel Bombast: Da flüchtet am besten ins Kino, wer jene Restübersichtlichkeit sucht, die man denn doch im Leben braucht. Zu Jung Ji-woos EunGyo zum Beispiel, wo in einem idyllischen Landhaus ein berühmter alter Schriftsteller und sein so junger wie talentfreier Eleve sehr hübsch um eine übers Grundstücksmäuerchen dahergelaufene Lolita streiten. Oder in Comrade Kim Goes Flying aus Nordkorea , der unlängst beim Filmfestival in Pjöngjang den Regiepreis holte: Die junge Kim will nicht in der Kohlegrube, sondern am Zirkustrapez schuften. Und zwecks Beseitigung ihrer Höhenangst trainiert die Genossin schon mal auf der Hochhausbaustelle.

Natürlich wird ihr Traum Wirklichkeit. Nur Regisseur Kim Gwang-hun durfte nicht ausreisen zur Premiere in Busan. Stattdessen präsentieren der Brite Nicholas Bonner und Anja Daelemans aus Belgien , Inspiratoren und Mitfinanziers des Projekts, gut gelaunt einen, wie sie meinen, ganz und gar nicht propagandistisch gemeinten Film voller wohlgenährter Nordkoreaner, denen der Ruhm des Kollektivs über alles geht. Auch im Publikum sitzen eher die Langnasen aus Übersee. Südkoreaner, so deutet Festivalchef Lee Yong-kwan es im Gespräch an, sind nicht gar so neugierig auf die Brüder im Norden, die zudem immer mal wieder mit Krieg drohen. Wie etwa reagierte man im Süden unlängst auf den spektakulären Zwischenfall, als ein nordkoreanischer Grenzsoldat zwei Kameraden erschoss und über die Demarkationslinie türmte: "Schon wieder einer."

Lee Yong-kwan, der seinen Schreibtisch unterm Festivalmonsterdach angenehm frei von Elektronik hält, ist überhaupt ein cooler Typ. Den Bunker nimmt er lächelnd hin – als leicht überdimensioniertes Zeugnis der Sehnsucht eines ehemals armen Landes nach Repräsentation. Und: "Zurück können wir sowieso nicht mehr." Man darf das als Ausdruck feiner Bescheidenheit verstehen. So wie er sein erst 1996 gegründetes und längst international wichtigstes asiatisches Filmfestival in erster Linie als Weltkino-Schaufenster fürs heimische Publikum betrachtet. Tatsächlich gucken die Koreaner, wenn sie nicht gerade heimische Actionfilme oder Romanzen, gerne auch beides in einem, favorisieren (Marktanteil: 54 Prozent), allenfalls Hollywoodware – und sind damit nahezu so autark wie die Amis selbst. Und sonst vielleicht nur die Inder.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Südkorea | Condor | Filmfestival | Kim Ki-duk | Übersee | Belgien
    Service