Talkshow im WDR : Helges Anti-Fernsehen vom Feinsten

In Helge Schneiders Talkshow schläft schon mal der ein oder andere Zuschauer ein. Doch der Moderator kann sie wieder für sich gewinnen – mit Altersweisheiten und Musik.
Helge Schneider (Archivbild) © Hannibal Hanschke/dpa

Helge Schneider , (ja, ja, der mit dem Superhit Katzenklo , der Musiker, Autor, Regisseur, Gesamtkunstwerkler) macht jetzt Fernsehen, Samstagsabends im WDR . Das ist für ihn fast was neues. Co-Moderator war er ja schon mal einige Jahre im WDR, etwa neben Reinhold Beckmann . Als fast was Neues erscheint die Show aber auch, weil Helge nicht mehr ganz der selbe ist.

Helge Schneider ist alt geworden. Mit 57 gibt er den Frühpensionierten. Lehnt sich mit einem Kissen auf dem Sims aus dem Fenster, beobachtet von dort den Verkehr oder zupft absichtslos an einer vertrockneten Pflanze zu seiner Linken. Während gerade ein Ruck durch Europa gehen soll und die Krisenrhetorik nach hochgekrempelten Ärmeln schreit, scheint bei Helge die Rushhour des Lebens schon vorbei. "Helge hat Zeit" heißt die Sendung. "Aber so was von..." , fügt der Fenster-Vorspann hinzu.

Wer Zeit hat, versucht sie natürlich schnellstmöglich zu vertreiben. Zu fast nichts anderem dient ja der ganze Medienapparat. Auch Helge Schneider macht bei diesem Zeitvertreib mit. Allerdings, altersweise geworden, nur halbherzig. Es kommt die übliche Anzahl von Gästen in die Sendung, es wird geplaudert und musiziert, und doch gibt es Momente, da stockt was, und Helge sagt dann: "Es ist hier jetzt so ein Leerlauf..." Zeit, lautet die Erkenntnis, ist halt zäh, machen wir uns da nichts vor.

Von sinnenentleerter Albernheit zur Erkenntnis

Aber Augenblick. Kann es wirklich sein, dass uns Helge Erkenntnis vermitteln will? Ausgerechnet Helge Schneider, der Alt-Meister sinnentleerter Albernheit? Auch wenn er das Wohnzimmer-Ambiente des Kölner Stadtgarten, in dem die Sendung produziert wird, durch einen Fahrstuhl zu betreten scheint, der vom Stockwerk "U" zum Stockwerk "E" führt, also vom Untergrund der Unterhaltung in die Kulturgefilde des Ernsten: kommt er dort wirklich an? Und ist der Fahrstuhl nicht ein Fake?

Und tatsächlich gibt es sie noch bei Helge Schneider: die große Parodie. Zu den lustigsten Momenten der Sendung zählt ein eingeblendetes Interview, in dem ein falscher Alexander Kluge einen falschen, von Schneider wunderbar gemimten Günther Grass befragt. Leicht verlottert, mit Zigarre im Mund, zusammen gesackt vor einem Flügel, röchelt Grass: "Wenn Sie so wollen, kann ich über 170 Jahre alt werden, und es ist nicht alles geschrieben, was zu schreiben ist", während er vom Butt weiß, dass er "zweifelsohne einer der ganz charakteristischen Ostseefische ist".

In dem Interview kommt noch einmal die latente Aggressivität zum Zuge, die Helge Schneiders Humor lange eigen war, und die sich vor allem in seinen Romanen ("Das scharlachrote Kampfhuhn) regelrecht ausgetobt hat. In der WDR-Sendung bildet das Interview aber eine Ausnahme. Das liegt daran, dass Helge Schneider nun in der ungewohnten Rolle des Gastgebers steckt. Während er in seinen Filmen und Bühnenblödeleien direkt das Publikum anspricht, muss er nun einen Gast ansprechen, der dem Witz erst einmal im Wege steht.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Hip Hip Hurra

Obwohl mir das Format zu jung, die Oderation von Helge zu fräch (lies: frech), die Gäste zu übergut depress'd und das Publikum zu flackerig ist (doch wahr), fühlte ich mich dabei untenrum ungeniert und so gegen Ende frei genackt.

Am besten gefallen hat mir der (nicht gesendete) imaginär-verkehr mit H. Teddybär - genau als die H.G. Senioren-Synapsen für ein "Moment mal!" durch ein Kleinhirn (meins) flatterten und die O.D. Freude tot gestorbener Jugend einging und aber weil: die Musik Täterä!

So mut dat (auf Klammer zu)