Talkshow im WDRHelges Anti-Fernsehen vom Feinsten

In Helge Schneiders Talkshow schläft schon mal der ein oder andere Zuschauer ein. Doch der Moderator kann sie wieder für sich gewinnen – mit Altersweisheiten und Musik. von Maximilian Probst

Helge Schneider (Archivbild)

Helge Schneider (Archivbild)  |  © Hannibal Hanschke/dpa

Helge Schneider , (ja, ja, der mit dem Superhit Katzenklo , der Musiker, Autor, Regisseur, Gesamtkunstwerkler) macht jetzt Fernsehen, Samstagsabends im WDR . Das ist für ihn fast was neues. Co-Moderator war er ja schon mal einige Jahre im WDR, etwa neben Reinhold Beckmann . Als fast was Neues erscheint die Show aber auch, weil Helge nicht mehr ganz der selbe ist.

Helge Schneider ist alt geworden. Mit 57 gibt er den Frühpensionierten. Lehnt sich mit einem Kissen auf dem Sims aus dem Fenster, beobachtet von dort den Verkehr oder zupft absichtslos an einer vertrockneten Pflanze zu seiner Linken. Während gerade ein Ruck durch Europa gehen soll und die Krisenrhetorik nach hochgekrempelten Ärmeln schreit, scheint bei Helge die Rushhour des Lebens schon vorbei. "Helge hat Zeit" heißt die Sendung. "Aber so was von..." , fügt der Fenster-Vorspann hinzu.

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Wer Zeit hat, versucht sie natürlich schnellstmöglich zu vertreiben. Zu fast nichts anderem dient ja der ganze Medienapparat. Auch Helge Schneider macht bei diesem Zeitvertreib mit. Allerdings, altersweise geworden, nur halbherzig. Es kommt die übliche Anzahl von Gästen in die Sendung, es wird geplaudert und musiziert, und doch gibt es Momente, da stockt was, und Helge sagt dann: "Es ist hier jetzt so ein Leerlauf..." Zeit, lautet die Erkenntnis, ist halt zäh, machen wir uns da nichts vor.

Von sinnenentleerter Albernheit zur Erkenntnis

Aber Augenblick. Kann es wirklich sein, dass uns Helge Erkenntnis vermitteln will? Ausgerechnet Helge Schneider, der Alt-Meister sinnentleerter Albernheit? Auch wenn er das Wohnzimmer-Ambiente des Kölner Stadtgarten, in dem die Sendung produziert wird, durch einen Fahrstuhl zu betreten scheint, der vom Stockwerk "U" zum Stockwerk "E" führt, also vom Untergrund der Unterhaltung in die Kulturgefilde des Ernsten: kommt er dort wirklich an? Und ist der Fahrstuhl nicht ein Fake?

Und tatsächlich gibt es sie noch bei Helge Schneider: die große Parodie. Zu den lustigsten Momenten der Sendung zählt ein eingeblendetes Interview, in dem ein falscher Alexander Kluge einen falschen, von Schneider wunderbar gemimten Günther Grass befragt. Leicht verlottert, mit Zigarre im Mund, zusammen gesackt vor einem Flügel, röchelt Grass: "Wenn Sie so wollen, kann ich über 170 Jahre alt werden, und es ist nicht alles geschrieben, was zu schreiben ist", während er vom Butt weiß, dass er "zweifelsohne einer der ganz charakteristischen Ostseefische ist".

In dem Interview kommt noch einmal die latente Aggressivität zum Zuge, die Helge Schneiders Humor lange eigen war, und die sich vor allem in seinen Romanen ("Das scharlachrote Kampfhuhn) regelrecht ausgetobt hat. In der WDR-Sendung bildet das Interview aber eine Ausnahme. Das liegt daran, dass Helge Schneider nun in der ungewohnten Rolle des Gastgebers steckt. Während er in seinen Filmen und Bühnenblödeleien direkt das Publikum anspricht, muss er nun einen Gast ansprechen, der dem Witz erst einmal im Wege steht.

Leserkommentare
    • onuk
    • 21. Oktober 2012 14:01 Uhr

    hell und dunkel
    nah und fern
    reich und arm
    lustig und traurig
    langsam und schnell
    und in seiner letzten Vorstellung kommt das große Finale,
    wann wissen wir noch nicht, hoffentlich nicht in naher Zukunft.

    • Xdenker
    • 21. Oktober 2012 17:50 Uhr

    Ich glaube, das Eigenartige an dem Mann ist nicht das Anders-, sondern das So-Sein. Der ist, wie er ist und damit eben anders als andere. Und macht viel daraus, mit großem Können und beachtlicher Ambition. Dem einen gefällt's, dem anderen nicht. Aber Auffallen tut er immer.

  1. Das trifft es wirklich: Es war alles anders, schon vom ersten Augenblick an. Aufregend! Vorallem auch langsam. Gut. Ich würde mir sogar noch mehr Musik wünschen, und eine Verlängerung um eine Stunde. Helge wird alt, aber niemals altklug.

  2. Obwohl mir das Format zu jung, die Oderation von Helge zu fräch (lies: frech), die Gäste zu übergut depress'd und das Publikum zu flackerig ist (doch wahr), fühlte ich mich dabei untenrum ungeniert und so gegen Ende frei genackt.

    Am besten gefallen hat mir der (nicht gesendete) imaginär-verkehr mit H. Teddybär - genau als die H.G. Senioren-Synapsen für ein "Moment mal!" durch ein Kleinhirn (meins) flatterten und die O.D. Freude tot gestorbener Jugend einging und aber weil: die Musik Täterä!

    So mut dat (auf Klammer zu)

  3. Wohl kein Zufall: Der eine verläßt uns, der andere macht ne super erste Sendung voll herrlicher Langsamkeit ohne langatmig zu sein. Das erinnerte an Menge in den 1980ern in der NDR-Talkshow, als da noch Unterhaltung stattfand! Super Gäste, selbst GOTT war da!

  4. Selten so gut unterhalten worden.

    Eine Talkshow als Kleinkunst, geniale Musik mit genialen Künstlern als Gästen.

  5. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann. Ich kann der Bewertung des Autors bezüglich Helge Schneiders neuem Format jedenfalls in kaum einem Punkt zustimmen. Ich liege da eher mit Oliver Jungens Rezension in der der FAZ auf einer Wellenlänge.

    Bitte, ich mag den deutschen Ausnahmemusiker, Humoristen und Künstler Helge Schneider sehr und bin sehr froh, dass es ihn gibt. Ich verfolge Helges Werk schon sehr lange und habe ihn auch live erlebt. Er ist schlichtweg großartig. Was er aber Samstag mit 'Helge hat Zeit' im WDR Fernsehen abgeliefert hat, war ausschließlich von musikalischem Wert. Alles andere war Quatsch und dies leider nicht im eigentlichen Helge Schneider Sinne. Es war streckenweise eine richtig schlechte Performance von ihm, ohne Magie, ohne Charme, ohne Esprit und Witz. Es hat ihm selbst nicht gefallen und das merkte man auch.

    Helge Scheider sollte dieses Sujet lieber nicht weiter bedienen, oder eine gänzlich andere Sendung daraus machen. Insbesondere, was das Gästekonzept anbelangt, das außer Antoinette Clinton (Butterscotch) und Suse Wächter überhaupt nicht funktioniert hat. Wenn er diese Sendung in gleicher Weise fortführt, macht er viel kaputt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Helge hat Zeit und nicht FAZ - klar das die FAZ Jungens da beleidigt am Bleistift knabbern und unserem geliebten Großmeister seniler Blödelkunst den Bückling verweigern.

    Abseits der Musik war Impro angesagt und das steht und fällt mit dem, was rein und was raus kommt. Da glänzte Helge nicht, weil "Kennste Ken?" und der gute Tod und zehn Häuser, die dieser und jener hat, nicht mit der aufdringlich üblichen Buchvorstellung blavorieren. Die Gästlichkeiten die vor Langeweile über sich selbst, im Dienste des höherem Hoch, vor lauter Kultur im Kopf nicht mal anständig schmipfern konnten. Alles egal.

    Das Sujet sind die Top-Notch Künstlerkids mit Bausparvertrag und Vatis weißem Gartenzaun. Und senile alte Zirkusaffen. So echt wie Ken, den keiner kennt, weil es ihn nicht gar nicht gibt. Helge ist schon ne arme Sau - die Gäste, die er verdiente, und das Publikum das er bräuchte, hat wohl keinen Bock auf Schicki-Bussi-Talkshow sitzi.

    Zugegebenermaßen ist meine Wahrnehmung nicht so unterfüttert wie die von Profis. Was ich da aber gesehen habe, ist vom sonstigen Scheiß so was von weit entfernt...

  6. Helge hat Zeit und nicht FAZ - klar das die FAZ Jungens da beleidigt am Bleistift knabbern und unserem geliebten Großmeister seniler Blödelkunst den Bückling verweigern.

    Abseits der Musik war Impro angesagt und das steht und fällt mit dem, was rein und was raus kommt. Da glänzte Helge nicht, weil "Kennste Ken?" und der gute Tod und zehn Häuser, die dieser und jener hat, nicht mit der aufdringlich üblichen Buchvorstellung blavorieren. Die Gästlichkeiten die vor Langeweile über sich selbst, im Dienste des höherem Hoch, vor lauter Kultur im Kopf nicht mal anständig schmipfern konnten. Alles egal.

    Das Sujet sind die Top-Notch Künstlerkids mit Bausparvertrag und Vatis weißem Gartenzaun. Und senile alte Zirkusaffen. So echt wie Ken, den keiner kennt, weil es ihn nicht gar nicht gibt. Helge ist schon ne arme Sau - die Gäste, die er verdiente, und das Publikum das er bräuchte, hat wohl keinen Bock auf Schicki-Bussi-Talkshow sitzi.

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