Eine Biene sammelt Nektar auf der Blüte einer Sonnenblume im niederländischen Utrecht. © Michael Kooren/Reuters

Ein Drittel von dem, was wir essen, gäbe es nicht ohne Bienen. So zugespitzt drückt der Regisseur Markus Imhoof aus, was Forscher der Berkeley-Universität in den USA im Jahr 2006 in einer Studie etwas differenzierter zusammengefasst haben: 35 Prozent der weltweiten Anbaupflanzen werden von Bienen, Fledermäusen oder Vögeln bestäubt. Die Bienen sind dabei die wichtigsten Bestäuber.

In jedem Fall sähe unsere Welt ohne Bienen anders aus. Und die Frage nach einem mysteriösen Sterben, das seit der Jahrtausendwende die Bienenvölker dezimiert  – vor allem in den USA und Europa – drängt nach einer Antwort. Imker verlieren jedes Jahr ganze Völker. Colony Collapse Disorder (CCD) sagen Fachleute dazu. 

Werden die Bienen durch Pestizide vergiftet? Steckt die zerstörerische Varroa-Milbe dahinter? Oder hat der Mensch durch Züchtung und Massen-Bienenhaltung aus wilden Urvölkern anfällige Zuchtrassen gemacht?

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus all diesen und weiteren Faktoren. Um es vorweg zu nehmen: Auch der Schweizer Imhoof kann das Rätsel des Bienensterbens in More than Honey nicht lösen. Auch wenn er das in seinem Dokumentarfilm nach Kräften versucht. Wer einen Überblick über den Stand der Forschung bekommen möchte, ist mit der Arte-Dokumentation Das Geheimnis des Bienensterbens von Mark Daniels aus dem Jahr 2010 besser bedient.


Und doch ist Imhoofs Dokumentation sehenswert. Man darf sie nur nicht als Wissenschaftsfilm begreifen. Mit starken Bildern schafft Imhoof tiefe Einblicke ins Innere der Bienenstöcke. So kann der Zuschauer die Geburt einer Königin sehen. Gestochen scharf sind die Bilder heranreifender Arbeiterinnen in ihren Waben. Beeindruckend die Details, wie der Nachwuchs gefüttert, der Pollen verstaut, der Nektar gehortet wird.

Kameras im Formationsflug

Filmerischer Höhepunkt ist der Hochzeitsflug einer Königin. Fliegende Kameras begleiten sie, verfolgt von paarungswütigen Drohnen, und fangen ein, wie die Königin in der Luft begattet wird. Ein grandioses Schauspiel, das sich nicht eins zu eins in der Natur hat filmen lassen, und das die Filmemacher am Computer nachbearbeitet haben.

Über die Aufgaben der Bienen im Staat, ihre Bedrohung durch Pestizide, Milben oder Umwelteinflüsse erfährt der Zuschauer hingegen eher Oberflächliches. Zwar kommen vereinzelt Bienenforscher zu Wort, wie der Berliner Randolf Menzel , doch irritiert es dabei, dass auch der Schwiegersohn und die Tochter Imhoofs als australische Bienenexperten auftreten.

Überhaupt krankt More than Honey daran, dass Imhoof parallel eine persönliche Geschichte erzählen will. Es ist die seines Großvaters, der Bienen für den Obstanbau und die eigene Marmeladenfabrik hielt. Dieser Strang will wohl seine und unser aller Verbundenheit mit den Bienen zeigen, lenkt aber ab von der eigentlichen Frage: Woran sterben die Insekten nun?

Die große Stärke des Films sind die Porträts jener Menschen, die heutzutage überall auf der Welt mit und von den Bienen leben. Zum Beispiel John Miller, der kalifornische Massen-Imker mit Hang zum Pathos. "Wir sind alle Kapitalisten. Wir wollen wachsen", sagt er in einer Szene, während er in einer gigantischen Monokultur aus Mandelbäumen steht, und lacht dabei ein wenig wahnsinnig. Miller, der jedes Jahr mit mehreren Trucks voller Bienenstöcke durch halb Amerika tourt, um seine Armada aus Bestäubern auf Apfel-, Orangen- oder eben Mandelplantagen loszulassen, spricht von der "totalen globalen Herrschaft".

Globalisierungskritik und Imker-Romantik

Der Imker auf Bestäubungstournee, der nebenbei tonnenweise Honig produziert, steht sinnbildlich für die Macht des Kapitalismus über die Natur, die Ausbeutung der Biene durch den Menschen und die Rücksichtslosigkeit, mit der Pestizide eingesetzt und Bienen zu Leistungsbringern hochgezüchtet werden. Er ist die Paradebesetzung für das Böse, ambivalent zwischen Tradition und Fortschritt: "Mein Großvater wäre entsetzt, wenn er sehen würde, wie ich meine Bienen heute halte", sagt Miller und lacht wieder.

Im Gegenschnitt begleitet Imhoof den Bergimker Fred Jaggi, der hoch in den Schweizer Alpen Bienen nach alter Tradition hält. Im Trachten-Look liegt er auf der wilden Blumenwiese und schwärmt von seinem klaren Honig. Wo Miller das Teufelchen ist, da ist Jaggi das Engelchen. Er hält nur rassenreine Urbienen, beweint die Völker, die durch eine Bakterien-Infektion – die Sauerbrut – verloren sind, und lässt sich sogar für die gute Sache stechen. Die Imker in Jaggis Nachbardorf haben nämlich längst auf weniger aggressive Zuchtbienen umgestellt.

Nur einmal sieht der Zuschauer in Jaggi ein Fünkchen Böses, als er eine Königinmit einem kräftigen Fingernagelstich vors Abdomen köpft. Eine Szene, die im Kopf bleibt. Die Königin war fremdgegangen. Wenn es um die Reinheit seiner Rassebienen geht, versteht der Almöhi keinen Spaß.

Ganz offensichtlich bereitet Imhoof mit den Porträts seiner starken Figuren sein finales Urteil zum Bienensterben vor. Doch die Erklärung, die er am Ende versucht zu geben, fällt dann leider ähnlich pathetisch aus, wie die kleinen Pro-Kapitalismus-Pamphlete, die Großimker Miller von sich gibt. "Die Bienen sterben nicht einfach an Milben, Pestiziden, Stress", sagt der Sprecher Robert Hunger-Bühler mit getragener Stimme, "sondern an der Kombination von allem, am Erfolg der Zivilisation. Sie sterben am Menschen, der aus Wildbienen gefügige Haustiere gemacht hat, aus Wölfen anfällige Pudel. Warum lassen sich die Bienen das gefallen?"

Belege dafür? Eine wissenschaftliche Herleitung? Fehlanzeige.