Filmfestival in BerlinPornogucken im Kollektiv

Jeder kann sich heute Pornos im Netz anschauen. Warum also gehen die Menschen plötzlich wieder ins Kino, um gemeinsam Sexfilme zu sehen? von Sarah Schaschek

Szenenbild aus dem Film "The private afternoons of Pamela Mann" von Radley Metzger

Szenenbild aus dem Film "The private afternoons of Pamela Mann" von Radley Metzger  |  © Pornfilmfestival

Entschuldigung, geht das mit meinem Ellenbogen auf Ihrer Lehne? Ja, ja. Der Sitznachbar zieht die Knie ein, es muss nochmal jemand durch, auf den einzigen freien Platz in der Reihe – ganz innen links. Dann wieder die Tasche unterm Vordersitz verstauen, Jacke und Pullover auch.

Es ist eng und stickig im Kreuzberger Kinosaal, Helfer schleppen Bierbänke herbei, auf denen man sich den Hals verrenkt, wenn man auf die Leinwand blickt. Als alle endlich sitzen, steht ein kleiner Mann mit weißem Bart auf und sagt: "Meinen Film vor einem Publikum wie euch zu zeigen, das war in den Siebzigern nicht möglich." Frauen und Männer, die sich nebeneinander im Halbdunkel einen Pornofilm anschauen, einen schwulen noch dazu. "Die Kinobesitzer hatten wahnsinnige Angst, dass sich jemand anfassen könnte. In den Kinos war es damals so hell, dass man Zeitung lesen konnte."

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Der kleine Mann heißt Wakefield Poole und hat 1971 die Pornografie revolutioniert. Sein Film Boys in the Sand , der im Anschluss an Pooles kleine Ansprache auf dem Porn-Filmfestival in Berlin-Kreuzberg gezeigt wird, war ein Jahr vor dem Kassenschlager Deep Throat der erste pornografische Film, der in öffentlichen Kinos in den USA lief. Boys wurde in der New York Times rezensiert, und plötzlich war es angesagt, in einem der großen Broadway-Paläste einen Pornofilm zu sehen. Das Jahrzehnt des "Porno Chic" hatte begonnen.

Im Moviemento-Kino ist dieser Hype in diesen Tagen wieder ein wenig spürbar. Die meisten Vorführungen sind bis auf den letzten Platz belegt, an der Bar liegen Nachrücker-Listen aus. Selbst die Organisatoren des Porn-Filmfestivals, das sich gerade in der siebten Auflage befindet und mittlerweile weltweit bekannt ist, haben mit solchem Andrang nicht gerechnet. Eilig kündigen sie zusätzliche Vorführtermine an.

Pornos im Kino zu gucken, Ellenbogen an Ellenbogen, liegt wieder im Trend. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der – dank Smartphone oder Laptop – jeder ortsunabhängig und hochindividualisiert seine Lieblingsfilme herunterladen könnte. Was ist passiert?

Sarah Schaschek

Die Autorin hat eine filmwissenschaftliche Dissertation über die Wiederholung in der Pornografie geschrieben.

Es mag mit der großen Retrospektive zusammenhängen, die die Menschen ins Moviemento lockt. In diesem Jahr zeigt das Festival zum ersten Mal die Klassiker des Porno Chic. Die verspielten Epen von Radley Metzger sind darunter, Georgina Spelvin verzaubert noch einmal in der Vorhölle von The Devil in Miss Jones (1973), und natürlich geht nichts ohne Behind the Green Door (1972) von den Mitchell-Brüdern. Die Bilder zeigen – was den Sex angeht – ungefähr das, was auch heute als pornografisch gilt, sieht man einmal von dem etwas angestaubten Soundtrack ab.

Faszinierend an diesen Filmen, die man heute oft nur noch in gut sortierten Videotheken findet, ist aber vor allem ihre Unbeschwertheit. In den Filmen sucht eine muntere Generation mit der Kamera nach sexueller Freiheit und bleibt sich gleichzeitig sichtlich der Utopie dieses Unterfangens bewusst. Was Retro-Pornos von den neueren Produktionen des Festivals unterscheidet, ist, dass sie noch nicht gegen einen Mainstream ankämpfen. Sie leiten diesen ja selbst erst ein.

Leserkommentare
  1. Auf unseren WG-Parties läuft regelmäßig schlechter Porno und mieser Horror. Die Leute freuen sich jedes Mal schon fast drauf und fragen uns als Veranstalter: "Zeigt ihr wieder Pornos?"
    Es ist ein vollkommen unanstrengendes Ritual, das regelmäßig zu witzigen Diskussionen und Unterhaltungen führt. Ziemlich lockere Sache also.

    4 Leserempfehlungen
  2. Dann kamen Filme von bekannten Regisseuren, wie Michael Winterbottom oder Lars von Trier.

    Ich glaube, das hatte irgendwas mit den Zulassungskriterien zu tun.

  3. 3. Tja...

    ...Pornos aus 60/70er Jahren ?
    Schwer behaarte Männer mit Backen und/oder Scnurrbärten, die sich nackt, mit Halbschuhen (???) ins Bett zu einer Partnerin begeben, die Pickel auf dem Hintern und schmutzige Füsse (dreckiger Studiofussboden?)hat. Umrahmt von einer Kulisse, wo man meint, daß jederzeit "Didi" Hallervorden hervorspringt (Palipalim!!). Das ist Situationskomik pur ! Dazu kommt, daß das Ausbleiben von Erotik mit der allseits berühmten Hammondorgel noch verstärkt wird. Ein Brüller auf jeder Party !

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Infamia
    • 29. Oktober 2012 14:40 Uhr

    Sie meinten nicht zufällig John Holmes? :)

    • Sauzahn
    • 29. Oktober 2012 22:53 Uhr

    (Das sind diese immer zu kurzen, hellblaunen Frotteesocken mit den drei unterschiedlichen Farbkringeln oben.)

  4. Gisborne. perfekt analysiert, pflichte ich völlig bei. speziell bei der Orgelmusik :-)

    Eine Leserempfehlung
  5. ...eigentlich "plötzlich"? Das Pornfilmfestival gibt es doch schon ewig und drei Tage. Gab's diesen Monat noch zu wenig neue Trends?

  6. für diese aufmunternde Beschreibung von möglichem gemeinsamen Spaß :-)

    meine Mutter sagte dazu immer vor über dreißig Jahren:

    Appetit holt man sich zum Beispiel auch im Kino, doch gespeist wird zuhause.

    • Infamia
    • 29. Oktober 2012 14:40 Uhr

    Sie meinten nicht zufällig John Holmes? :)

    Antwort auf "Tja..."
  7. Antwort auf "Tja..."

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