Regisseur Tom Tykwer : "Mit dem deutschen Film ist es ein ewiges Auf und Ab"

Tom Tykwer hat gerade den Roman "Cloud Atlas" verfilmt. Im Interview erzählt er von seinem Faible für Horrorfilme und was er vom aktuellen deutschen Kino hält.

ZEIT ONLINE:  Herr Tykwer , lassen Sie uns mit einer großen Frage beginnen: Wie geht es dem deutschen Film?

Tom Tykwer: Das weiß ich, ehrlich gesagt, gar nicht so genau.

ZEIT ONLINE:  Sie sind einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher, waren gerade auf dem Filmfestival in Zürich , das sich als Schaufenster fürs deutschsprachige Kino etabliert. Sie müssen das doch spüren.

Tykwer: Ich bin ein bisschen desorientiert, weil ich einen Riesenberg Arbeit hatte mit Cloud Atlas . Ich habe deshalb eine Menge deutscher Filme verpasst.

ZEIT ONLINE: Aber mögen Sie das deutsche Kino überhaupt? Wir sind im Internet über eine Liste mit Ihren 30 Lieblingsfilmen gestolpert, diese ist zwar von 2007, aber es findet sich darauf nicht ein deutscher Film.

Tykwer: Bei nur 30 Filmen ist es schon hart, einen deutschen reinzunehmen. (lacht) Nein, solche Listen sind immer ein Spiel. Es macht großen Spaß, sie zusammenzustellen, aber man möchte manchmal auch provozieren, sich nicht dem Konsens anschließen. Die Liste, von der Sie sprechen, entstand, glaube ich, in einer Phase, in der ich mich wieder dem Genre-Kino zugewandt hatte.

ZEIT ONLINE: Es ist einiges an Horror dabei: Der Exorzist , S hining , Carrie ...

Tykwer: Das ist meine Prägung, diese Filme waren meine Jugend. Aber gerade kürzlich habe ich den deutschen Klassiker Unter den Brücken wieder gesehen, ein wirklich toller Film, den ich sofort in jede Top-10-Liste aufnehmen würde. Mit dem deutschen Film ist es ein ewiges Auf und Ab. Wir bringen immer wieder tolle Filme hervor, gleichzeitig kann man gegenwärtig nicht von einer Bewegung, einer Welle sprechen. In Dänemark ist das beispielsweise gelungen. Diese Welle ging natürlich von Lars von Trier aus, viele Regisseure haben sich jedoch emanzipiert und entwickelten einen eigenen Stil, eine eigene Haltung. Dänemark hat das Weltkino des vergangenen Jahrzehnts stark geprägt. Die nationale Welle hat internationale Wirkung entfacht.

ZEIT ONLINE: Aber es gab doch auch eine Deutsche Welle, den Neuen Deutschen Film , in den siebziger Jahren ...

Tykwer: ...das klingt schon fast so weit weg wie Metropolis .

ZEIT ONLINE: Wären Sie nicht gerne zwanzig Jahre früher geboren worden, um Teil dieser Strömung gewesen zu sein?

Tykwer: Ach nein, damals wurden natürlich sehr gute Filme gemacht, aber im Rückblick sieht doch alles immer ein wenig anders aus. Manches aus der damaligen Zeit ist heute nicht mehr "ansehbar". Es gab zwei, drei wirkliche Ausnahmetalente, ich bin aber gar nicht sicher, wie eng die Bindung dieser Gruppe untereinander war.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht typisch für Deutschland? In Frankreich haben sich die Mitglieder der Nouvelle Vague mit ihrer Bewegung identifiziert.

Tykwer: Ja, aber sie waren auch zerstritten untereinander. Fassbinder , Schlöndorff , Kluge oder Wenders haben sich sicherlich auch ein Stück weit miteinander identifiziert, aber es war eine lose Gruppe, die vermutlich nicht zuletzt durch eine politische Abgrenzungsperspektive zusammengehalten wurde. Die Feindbilder waren eindeutiger, das hilft. Und es gab politische Kampfmythen, die filmisch eine große Potenz hatten. Nehmen wir die politischen Filme von Reinhard Hauff . Gute Filme, finde ich, spannend, und dem Genre des Polit-Thrillers näher als dem zurückgezogenen Autorenfilm. Trotzdem ist die Welt – und das Kino – heute anders, komplexer, undurchsichtiger, und politisches Kino entsteht aus ganz anderen Voraussetzungen.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Der Deutsche ist zu beschränkt für Kino

Tykwer und Herzog sind die letzten großen deutschen Kineasten die ihr Ding durchziehen.

Schade finde ich es , dass Tykwer nicht versteht, wonach sich der Journalist offensichtlich sehnt: einen deutschen Film mit internationalen Standing.

Völlig zurecht verweist Tykwer auf das dänische Kino, deren Kompromisslosigkeit Supertypen wie Refn, Trier, Bodnia und Mikkelsen vorgebracht haben.

Und wir hier; wir haben die berühmten Filmfonds und 2 Dutzend Top-Schauspieler und was kommt raus?

Transporter die Serie auf RTL und das nächste Till-Schweiger Drama. Es ist traurig.

Deutsche Filme so viel besser geworden...

...im Verhaeltniss zu den 80ern & Anfang 90ern, wo unfassbarer Schrott gemacht wurde, wohlmoeglich auch weil man Hollywood Blockbuster machen wollte mit Europaeischen Budgets..aber da war D nicht alleine, die Franzosen haben auch brutal abgebaut in der Zeit, und so Katastrophal schlechtes herausgebracht wie 'les visiteurs'.

Und dann kam Tom Tykwer.

Und nun kommen in regelmaessigen abstaenden excellente filme daher, mit sehr eigenen Flair wie ich finde, die Deutsche Geschichten erzaehlen ( 'Nowhere in Africa''Baader Meinhof Komplex', 'Das Leben der Anderen').

Ich denke Herr Tykwer hat enorm zu dieser Entwicklung beigetragen.