Raabs "Absolute Mehrheit"Eine Leerstunde in Fernseh-Emokratie

In seiner neuen Show zeigt Stefan Raab Politikern, was Performance ist. Um Inhalt geht es ihm nicht, nur um den Spaß des Moderators und seine Lust an der Unkorrektheit. von Maximilian Probst

Wenn man sich nach Vorbildern für den Entertainer Stefan Raab umschaut, müsste man eigentlich auf die Figur des Extremsportlers stoßen. So wie der Extremsportler sinnfrei Meere durchpaddelt, auf einem Bein durchs Gebirge hopst oder sich aus stratosphärischen Höhen stürzt, aus dem einzigen Grund, weil es ihn kickt, weil er das braucht, und weil sich ein Publikum schon finden wird, das dazu applaudiert, so und nicht anders bestreitet Raab, der Extremspaßer, seine Fernsehshows. Abend für Abend durchwandert er auf ProSieben bestgelaunt die weitesten Wüsten der Balla-Balla-Spielchen, Abend für Abend seilt er sich hinab in die tiefsten Tiefen der Gaga-Konversationen. Immer hat Raab Spaß. Seit dem gestrigen Abend auch mit der Politik.

Absolute Mehrheit heißt seine neue Show, in der ganz wie bei Jauch-Illner-und-wie-sie-alle-heißen ein paar mehr oder minder prominente Gäste über ein mehr oder minder prominentes politisches Thema sich die Köpfe heiß reden. Bei Raab gab es dazu vorher noch viel Gerede über die Gästeliste, das mit dem Wort Kasperletheater mild umschrieben ist: Der Grünen-Politiker Volker Beck wurde wieder ausgeladen, angeblich auf Anregung von CDU-Umweltminister Peter Altmaier , der wiederum diesen Vorwurf als so unangemessen empfand, dass er sich entschloss, der Sendung fernzubleiben.

Anzeige

Das ergab eine recht glanzlose Runde: Thomas Oppermann , parlamentarischer Geschäftsführer der SPD , Jan van Aken von der Linkspartei , von der CDU Michael Fuchs, als bekanntestes Gesicht FDPler Wolfgang Kubicki . Vertreter der Grünen oder der Piraten waren nicht dabei, dafür aber die unbekannte Internet-Unternehmerin Verena Delius, die wohl über die Quote hinaus dafür stehen sollte, dass auch das Volk ein Wörtchen mitzureden hat in der Politik.

Offener Wettkampf

Der Clou von Raabs Polit-Talk ist aber vielleicht weniger die Gästeschar, als sein freigelegter Wettkampf-Charakter: Die Diskussion wird in mehrere Runden unterteilt, und in jeder Runde stimmt das Fernsehpublikum ab, wer von den Diskutanten hinausfliegt, nicht aus der Show, aber aus dem Streit um die absolute Mehrheit. Wer die in der letzten Runde erringt, geht mit 100.000 Euro nach Hause.

Ein ziemlich billiges Kalkül. Der Zuschauer soll mitfiebern, fast wie bei den großen Wahlparties. Nach jeder Runde hechelt Raab aus dem Gesprächskreis des halbkreisförmigen Sofas hinüber zum Pult von Peter Limbourg, Politikchef bei ProSieben, der die Ergebnisse präsentiert. Dann wachsen die altbekannten Balken auf dem Bildschirm. Für die einen heißt es juchee, für die anderen ohweh. Emotionen. Das ist es, was die Zuschauer wollen, das hat Raab über die Jahre gelernt. Und so wird seine Sendung dann auch zu einer Lehrstunde über die Emokratie.

Top wäre es natürlich geworden, hätte es Tränen gegeben. Die hat uns der CDU-Mann Fuchs leider nicht gegönnt, als er gleich nach der ersten Runde rausflog. Warum er kaum Stimmen bekommen hat? Weil er fast nie gelächelt hat, im Unterschied zu allen anderen sehr zugeknöpft mit einem Schlips da saß, und nicht verstanden hat, wie man überspitzt, pointiert, polemisiert. Er saß einfach nur da und wollte ganz normal reden. Das geht natürlich überhaupt nicht.

An Kubicki zog niemand vorbei

Weitaus besser schlug sich Jan van Aken. Der hatte neulich schon mal à la Raab den Bundestag aufgemischt, als er Martin Lindner von der FDP vorwarf, er kraule sich jedesmal die Eier, wenn eine Frau rede. Solch einen Schenkelklopfer (der ihm wahrscheinlich die Einladung zur Sendung eingebracht hat), konnte Aken bei Raab zwar nicht unterbringen. Aber sehr gut kam seine suggestive Art an, sich immer direkt ans Publikum zu wenden, den Blick nicht auf sein Gesprächsgegenüber, sondern stets in die Kamera gerichtet. Mit ein paar zusätzlichen Kraftmeiereien (immer erst den Gegner niederstrecken, bevor man seinen eigenen Standpunkt bringt), hätte er es fast geschafft, das gesamte Feld der Konkurrenten hinter sich zu lassen.

Nur an Wolfgang Kubicki war kein Vorbeikommen. Der Schleswig-Holsteiner sah einfach zu gut aus, lässig, mit übergeschlagenen Beinen, und einer Windbräune im Gesicht, als sei er direkt aus Sylt nach Köln eingeflogen worden. Punkten konnte Kubicki auch mit einem kleinen Flirt am Rande, inklusive Küsschen und Umarmung, saß er doch direkt neben der "attraktiven jungen Unternehmerin", um die Worte zu zitieren, mit der Raab Verena Delius zu Beginn der Sendung in die Männerrunde einführt hatte. Für die absolute Mehrheit hat allerdings auch das nicht gereicht. Und so wird die Geldsumme jetzt der nächsten Sendung draufgeschlagen.

Leserkommentare
  1. Das war zu erwarten, dass gab es.

    Mehr kann er nicht. Punkt.

    33 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...hätte mich das doch sehr gewundert.

    Maybrit Illner, Günther Jauch oder Frank Plasberg. Gut und gerne könnte ich noch einige weitere Polit-talk-moderatoren aufzählen und das einzige, was sich unterscheiden würde, wären die Vor- und Zunamen. All diese Moderatoren verfolgen letztlich ein ähnliches und allzu bekanntes Diskussionskonzept. Ein Art der Diskussion, welche das Fernsehprogramm fast schon übersättigt. Der Zuschauer kann sich an fast jedem Wochentag eine andere Sendung ansehen und erlebt letztlich immer wieder dieselben Charaktere mit den selben Meinungen. Und seien wir ganz ehrlich: Stefan Raab der Entertainer war erfrischend. Das seine Jokes und Floskeln abundzu unter der Gürtelliene landeten störte Wolfgang Kubicki auch nur die erste Viertelstunde. Wer eine Diskussionsrunde à la Plasberg etc. erwartet hätte, der schätzt Pro7 und Stefan Raab sehr schlecht ein. Gestern Abend mussten sich zum ersten Mal im Deutschen Fernsehen vier Politiker Frechheiten gefallen lassen, mit diesen umgehen und auf dieser Grundlage argumentieren. Für Herrn Fuchs war dies sicherlich eine vollkommen neue Welt. Was wohl auch seinen letzten Platz erklären dürfte. - Keine Frage: es war nicht überragend, aber (!) es war etwas Neues. Erfrischender, leidenschaftlicher und nicht so steif, wie so vieles andere!

  2. Die meisten Anrufe konnte Herr Kubicki für sich einheimsen, nicht nur, weil er "einfach zu gut" aussah usw., sondern weil er (jedenfalls in der kurzen Zeit, in der ich mir diesen Quatsch angetan habe), keine Partei vertreten hat, sondern nur sich selbst einschließlich aller politischen Fast-Food-Positionen, die von allen gemocht werden, die aber nichts mit der FDP zu tun haben.
    Gewählt wurde, wie in solchen Shows üblich, der beste Selbstdarsteller und nicht irgendein inhaltlicher Standpunkt.

    Was mich ansonsten bei solchen Sendungen immer wieder überrascht ist a) die Freigiebigkeit der "Geiz-ist-geil" Nation, die pro Anruf für diesen sinnlosen Quatsch (mind.) 50 Cent zum Fenster rausschmeißt (und gleichzeitig über die GEZ Gebühr jammert) und b) die grenzenlose Naivität der Zuschauer, die tatsächlich glauben, solche Balken mit Prozentzahlen würden das Verhältnis der realen Telefonanrufe korrekt wiedergeben. Das bleibt schlicht intransparent (weil es niemand überprüfen kann - man kann nur an den guten Willen der Redakteure glauben und bei einem Privatfernsehen, wo es ausschließlich um Quote und hohe Einnahmen geht, fällt das ziemlich schwer) und ist daher ständig dem Vorwurf der Manipulation ausgesetzt.
    Aber wer freiwillig Werbefernsehen mit redaktionellen Unterbrechungen schaut, will wahrscheinlich betrogen werden bzw. zumindest seine Naivität voll ausleben.

    31 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AndreD
    • 12. November 2012 14:14 Uhr

    Sie schreiben: "Die meisten Anrufe konnte Herr Kubicki für sich einheimsen, nicht nur, weil er "einfach zu gut" aussah usw., sondern weil er (jedenfalls in der kurzen Zeit, in der ich mir diesen Quatsch angetan habe), keine Partei vertreten hat, sondern nur sich selbst einschließlich aller politischen Fast-Food-Positionen, die von allen gemocht werden, die aber nichts mit der FDP zu tun haben."

    Das ist doch gerade das Erfrischende, dass endlich mal andere Meinungen eingebracht werden!

    Sie schreiben weiter: "b) die grenzenlose Naivität der Zuschauer, die tatsächlich glauben, solche Balken mit Prozentzahlen würden das Verhältnis der realen Telefonanrufe korrekt wiedergeben."

    Woher das Misstrauen? Verschwörungstheorie? Ich glaube nicht, dass Pro7 als Teil der Axel Sringer-AG ein Interesse daran hat, einen Vertreter der Linken gut dastehen zu lassen.

    Sie schreiben: "Aber wer freiwillig Werbefernsehen mit redaktionellen Unterbrechungen schaut, will wahrscheinlich betrogen werden bzw. zumindest seine Naivität voll ausleben."

    Wer freiwillig WillJauchusw schaut, der glaubt doch nicht wirklich, dass er Meinungsaustausch sieht, oder?

  3. lässt sich schwerlich bestreiten. Einschränkend muss aber auch gesagt werden, dass die sonstigen Polittalks auch nicht gerade niveauvoll und erkenntnisfördernd sind. Journalistisch ist Illner noch eine halbwegs passable Ausnahme. Jauch z. B. geht gar nicht!

    9 Leserempfehlungen
  4. die Eingaben von Herrn Kubicki die eigentlich überhaupt nicht zum aktuellen Bild der FDP paßten.

    Eine langweilige Unterhaltungssendung deren Fortsetzung ich mir nicht anschauen werde.

    Herr Raab kann besser Schlagerkontest, bei dem ist keine Tiefe erforderlich.

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Stefan Raab | Wolfgang Kubicki | CDU | FDP | Die Linke | SPD
Service