Castingshow "Alles für die Kunst" : Du bekommst heute leider kein Bild
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Ganz ohne Drama geht es auch bei der Arte-Castingshow nicht

Das Konzept des Künstlers wird anschaulich in den Gesprächen mit Jury und Mentoren herausgearbeitet. Das Publikum erfährt, dass Dua mit seiner Beschränkung auf das DIN A4-Format erforschen will, wie Normen den Alltag und das Empfinden prägen. Die Dokumentation dieser Kunstgespräche macht die Arbeiten der Künstler greifbarer. Gleichzeitig zeigt sich, welchen Einfluss Galeristen, Kritiker und Sammler auf Künstler haben.

So ganz ohne Drama funktioniert aber auch eine Kunst-Castingshow bei Arte nicht. So verweigert sich die französische Künstlerin Alice Mulliez schon der ersten Gruppenaufgabe, ein Selbstporträt anzufertigen. Sie möchte ihre eigene Person nicht inszenieren. "In meiner Kunst geht es nicht um mich.” Stattdessen baut sie einen "Rezept-Tisch”, auf den sie Essensmodelle aus Schwämmen und anderen gefundenen Materialien stellt. Die Jury ist nicht begeistert, verhält sich aber wesentlich humaner als in den klassischen Castingshows der privaten Sender. Niemand muss gehen, wenn die Arbeit der Jury nicht gefällt.

Drei der Künstler brechen trotzdem freiwillig ab. Die bedeutet nicht, dass das Konzept von Alles für die Kunst gescheitert ist. Es zeigt vielmehr, dass die Kunst die Grenzen eines Casting-Formats sprengen kann. Und das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht.

Alles für die Kunst, arte, sonntags, 15:35 Uhr

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Kommentare

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Der Galeristenmarkt ist ohnehin eine dubiose Castingshow

Der Sinn einer solchen "Casting Show" für zeitgenössische Kunst ist anzuzweifeln, da wir ohnehin eine Inflation junger Künstler erleben, die jährlich von den Kunsthochschulen ausgespuckt werden, ausgespuckt im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach der Akademie stehen die meisten zunächst ratlos vor einer riesigen Zukunftsprojektion, in der sie als Geld verdienende bildende Künstler vorkommen sollen. Wie viele Künstler verkraftet die Gesellschaft, wie viele Künstler benötigt der Kunstmarkt als Ressource für sein wahnsinniges oft wirklich unverständliches Renditetreiben. Der Künstlerreport über die Situation der Künstler aller Disziplinen und Stilarten zeigt seit Jahren deutlich, dass es nur sehr wenige schaffen, ihren Lebensunterhalt durch ihre künstlerische Arbeit zu sichern, die meisten müssen Nebenjobs annehmen, um zu überleben, viele schmeissen schon sehr früh das Handtuch und viele Frauen, die an den Akademien in der Mehrzahl sind, retten sich nach ersten Frustrationen in eine Ehe. Auf den einschlägigen Kunstmessen werden Jahr für Jahr von "ambitionierten" Galeristen junge, scheinbar Erfolg und Rendite versprechende Artisten vorgestellt, von denen die meisten binnen kürzester Zeit nichts mehr zu hören ist. Es braucht kein Casting-Format für Kunst in den Medien und gerade arte sollte wissen, wie es um die Nachwuchskünstler bestellt ist. Damit ist keinem geholfen und mancher Superstar für eine Saison landet morgen in prekären Verhältnissen. Augen auf vor der Berufswahl.

money money

Studiere an einer Kunstakademie und kann das nur bestätigen (abgesehen davon, dass die Frauen in die Ehe gehen.. die meisten wollen eigentlich garnicht heiraten).
Es werden heutzutage einfach viel zu viele Künstler produziert. Und dann, unserer derzeitigen Gesellschaft entsprechend, kurz genutzt und noch schneller verbraucht. Ausreichend Nachschub ist ja vorhanden, es geht ja eh nur noch darum möglichst effektiv Kapital aus ihnen zu schlagen.

Wenn ich das so lese...

... verstehe ich, warum in der Szene gern nach einem bedingungslosen Grundeinkommen gerufen wird. Sicher bringt es mehr Spass, ein paar Gegenstände zu arrangieren, und dies als bedeutungsvoll und wertvoll einzuordnen. Besser als Möbel schleppen oder Taxifahren. Sicher kann eine von Fördermitteln verwöhnte Branche sich stets eine noch schönere Welt vorstellen. Und es kann nerven, auf die tatsächliche Wertschätzung der Mitmenschen angewiesen zu sein.

Ich glaube aber nicht, dass eine aus erzwungenen Abgaben finanzierte Variante von populären Casting-Shows es schafft, eine Bevölkerungsgruppe, die sich gern über den Dingen sieht, populärer zu machen. Das sieht mir ganz danach aus, als wollten ein paar Theoretiker ihre empirisch hergeleiteten Empfindungen per finanzierten Fernsehen der Bevölkerung überzustülpen. Aber mal sehen, was daraus wird.

Manche Mechanismen

dieser Castingshow erinnern durchaus an die Kunstwelt: Der Zwang, als Person eine möglichst gute Show hin zu legen und die Tendenz, "Sieger" zu küren und dabei den Rest der Teilnehmer auszugrenzen, egal, wie ihre Arbeit aussieht. Das ist sehr marktkonform.

Dabei wird leider vergessen, dass es sich bei Kunst ebenso wie bei Wissenschaft um einen geistigen Prozess handelt, um eine Erweiterung des Blickwinkels und eine Auseinandersetzung mit der Welt, die in ihrem Kern nichts mit Vermarktung von Personen und mit Rendite zu tun haben.
Aber vielleicht sehen wir bald auch Fernsehformate, in denen Geistes- oder Naturwissenschaftler in einer Viertelstunde ihr Wissen vor Publikum zum besten geben.

Ich finde es erstaunlich, dass ausgerechnet der Sender ARTE, der sich als Kultursender versteht, Kunst in einem Format à la "Deutschland sucht den Superstar" präsentiert. Darin zeigt sich eine Kunst- und Kulturauffassung, die nicht mehr über das Format von RTL hinaus geht.