Castingshow "Alles für die Kunst" : Du bekommst heute leider kein Bild

Arte traut sich an eine Künstler-Castingshow. "Alles für die Kunst" sucht nicht den Superstar, sondern will ein realistisches Bild des Kunstbetriebs zeigen.
Eine Künstlerin (li.) versucht, Christiane zu Salm (re.) und Peter Raue von ihrem Werk zu überzeugen. © ZDF/Michael Sombetzki

Ein Trauerzug aus getrockneten Heuschrecken, eine Wand voller identischer Wecker, eine Landschaft aus Rieselzucker. Die Finalisten von Alles für die Kunst stehen vor ihren Werken und müssen sich vor der Jury verteidigen. "Was ist daran Kunst?" "Haben Sie nicht Angst vor der Nähe zu Francis Bacon?" "Ist das relevant, was Sie tun?"

So sieht eine Castingshow auf Arte aus. Sieben Nachwuchskünstler aus Deutschland, Frankreich und Belgien müssen unter Zeitdruck Auftragsarbeiten anfertigen und diese vor einer Jury verteidigen. Als Mentoren bekommen sie Künstler wie Norbert Bisky und Kunstsammler wie Christiane zu Salm und Peter Raue an die Seite gestellt. Die Kandidaten, die bis zum Schluss durchhalten, dürfen ihre Kunst im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe präsentieren.

Es ist zunächst ein irritierender Gedanke: eine Castingshow für bildende Künstler. Denn verwehrt sich nicht gerade die Kunstwelt banaler Unterhaltung? Kann man künstlerische Fragen in so einem Format behandeln, ohne oberflächlich zu werden?

Man kann. Alles für die Kunst ist eine intelligente Adaption des Casting-Formats. Im Gegensatz zu Popstars oder Deutschland sucht den Superstar stellt die Sendung nicht die Kandidaten, sondern deren Arbeit in den Vordergrund. Arte sucht gerade nicht den Künstler-Superstar, sondern will sieben Nachwuchskünstler einem größeren Publikum präsentieren.

Der Fokus von Alles für die Kunst liegt auf den großen Fragen der zeitgenössischen Kunstwelt. In den sechs Folgen, die sonntagnachmittags auf arte laufen, stellen die Künstler jeweils eine Frage ins Zentrum ihrer Arbeit. Was ist ein Werk? Welche Rolle hat der Künstler in der Gesellschaft? Und kommt Kunst noch immer von Können?

Die Art und Weise, wie die Künstler bei ihrer Arbeit gezeigt werden, räumt mit einigen Klischees über den Kunstbetrieb auf. So wird zum Beispiel der romantische Mythos des genialen Einfalls entzaubert. Alle Kandidaten verbindet nämlich eine äußerst systematische Arbeitsweise. Sie wirken eher wie Forscher fremdartiger Wissenschaften.

Der Finalist Ismael Dua aus Berlin etwa arrangiert alle seine Werke im DIN A4-Format. Die Materialien für seine Konzeptkunst wechseln von Werk zu Werk, das Format bleibt. Für seine erste Aufgabe, ein Selbstporträt, montiert er sieben dieser Materialblätter zu einer Skulptur. Jedes der DIN A4-Blätter symbolisiert einen Aspekt seiner künstlerischen Persönlichkeit. Das Oberste repräsentiert sein Gesicht und ist aus verbogenem Spiegelplastik. Für Dua ist es der Narrenspiegel, den er mit seiner Kunst der Gesellschaft vorhalten will. 

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Der Galeristenmarkt ist ohnehin eine dubiose Castingshow

Der Sinn einer solchen "Casting Show" für zeitgenössische Kunst ist anzuzweifeln, da wir ohnehin eine Inflation junger Künstler erleben, die jährlich von den Kunsthochschulen ausgespuckt werden, ausgespuckt im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach der Akademie stehen die meisten zunächst ratlos vor einer riesigen Zukunftsprojektion, in der sie als Geld verdienende bildende Künstler vorkommen sollen. Wie viele Künstler verkraftet die Gesellschaft, wie viele Künstler benötigt der Kunstmarkt als Ressource für sein wahnsinniges oft wirklich unverständliches Renditetreiben. Der Künstlerreport über die Situation der Künstler aller Disziplinen und Stilarten zeigt seit Jahren deutlich, dass es nur sehr wenige schaffen, ihren Lebensunterhalt durch ihre künstlerische Arbeit zu sichern, die meisten müssen Nebenjobs annehmen, um zu überleben, viele schmeissen schon sehr früh das Handtuch und viele Frauen, die an den Akademien in der Mehrzahl sind, retten sich nach ersten Frustrationen in eine Ehe. Auf den einschlägigen Kunstmessen werden Jahr für Jahr von "ambitionierten" Galeristen junge, scheinbar Erfolg und Rendite versprechende Artisten vorgestellt, von denen die meisten binnen kürzester Zeit nichts mehr zu hören ist. Es braucht kein Casting-Format für Kunst in den Medien und gerade arte sollte wissen, wie es um die Nachwuchskünstler bestellt ist. Damit ist keinem geholfen und mancher Superstar für eine Saison landet morgen in prekären Verhältnissen. Augen auf vor der Berufswahl.

money money

Studiere an einer Kunstakademie und kann das nur bestätigen (abgesehen davon, dass die Frauen in die Ehe gehen.. die meisten wollen eigentlich garnicht heiraten).
Es werden heutzutage einfach viel zu viele Künstler produziert. Und dann, unserer derzeitigen Gesellschaft entsprechend, kurz genutzt und noch schneller verbraucht. Ausreichend Nachschub ist ja vorhanden, es geht ja eh nur noch darum möglichst effektiv Kapital aus ihnen zu schlagen.

Wenn ich das so lese...

... verstehe ich, warum in der Szene gern nach einem bedingungslosen Grundeinkommen gerufen wird. Sicher bringt es mehr Spass, ein paar Gegenstände zu arrangieren, und dies als bedeutungsvoll und wertvoll einzuordnen. Besser als Möbel schleppen oder Taxifahren. Sicher kann eine von Fördermitteln verwöhnte Branche sich stets eine noch schönere Welt vorstellen. Und es kann nerven, auf die tatsächliche Wertschätzung der Mitmenschen angewiesen zu sein.

Ich glaube aber nicht, dass eine aus erzwungenen Abgaben finanzierte Variante von populären Casting-Shows es schafft, eine Bevölkerungsgruppe, die sich gern über den Dingen sieht, populärer zu machen. Das sieht mir ganz danach aus, als wollten ein paar Theoretiker ihre empirisch hergeleiteten Empfindungen per finanzierten Fernsehen der Bevölkerung überzustülpen. Aber mal sehen, was daraus wird.

Manche Mechanismen

dieser Castingshow erinnern durchaus an die Kunstwelt: Der Zwang, als Person eine möglichst gute Show hin zu legen und die Tendenz, "Sieger" zu küren und dabei den Rest der Teilnehmer auszugrenzen, egal, wie ihre Arbeit aussieht. Das ist sehr marktkonform.

Dabei wird leider vergessen, dass es sich bei Kunst ebenso wie bei Wissenschaft um einen geistigen Prozess handelt, um eine Erweiterung des Blickwinkels und eine Auseinandersetzung mit der Welt, die in ihrem Kern nichts mit Vermarktung von Personen und mit Rendite zu tun haben.
Aber vielleicht sehen wir bald auch Fernsehformate, in denen Geistes- oder Naturwissenschaftler in einer Viertelstunde ihr Wissen vor Publikum zum besten geben.

Ich finde es erstaunlich, dass ausgerechnet der Sender ARTE, der sich als Kultursender versteht, Kunst in einem Format à la "Deutschland sucht den Superstar" präsentiert. Darin zeigt sich eine Kunst- und Kulturauffassung, die nicht mehr über das Format von RTL hinaus geht.