Politfilm aus FrankreichFiese Typen wie du und ich

Wer sich elegant verbiegt, steht immer gut da. Oder? Pierre Schoellers Polit-Thriller "Der Aufsteiger" funktioniert als brillante Analyse der Macht - hoch unterhaltsam und aufregend unspektakulär. von Jan Schulz-Ojala

Die Aufsteiger Michel Blanc

Gilles (Michel Blanc) ist nur der Stabschef seines Ministers. Aber er hält die Fäden der Macht in der Hand.  |  © Credit Kool Film

Mitten in diesem klaren, bösen, mitreißenden Film gibt es eine Szene, in der alle Nervosität der handelnden – oder eher: getriebenen – Figuren eigentümlich zur Ruhe kommt. Irgendwas ist schiefgelaufen mit der sogenannten privaten Abendplanung des Verkehrsministers Bertrand Saint-Jean, den alle bloß SaintJean nennen, und in seiner Handy-Namenssäule findet sich auch niemand, den er mal eben kontakten könnte; da fällt ihm auf dem Rücksitz des Dienstwagens ein, stattdessen bei seinem Chauffeur vorbeizuschauen. Echtes Leben sozusagen, Besuch beim Wahlvolk, Solidarität mit der Unterschicht – richtig, hatte man diesen schweigsamen Martin Kuypers nicht gerade bei irgendeiner PR-Aktion rausgeholt für ein paar Vertretungsmonate aus der Dauerarbeitslosigkeit? Und die Kante – Rückfahrt schließlich garantiert – könnte man sich bei der Gelegenheit auch gleich noch geben.

Also zu Kuypers. Der lebt mit seiner Frau Josepha im Wohnwagen neben einer grässlich einstaubenden Baustelle, der schon länger ein paar zehntausend Euro zum Eigenheim fehlen. Saint-Jean macht Baustellenbesichtigung, das kennt er vom Job, macht einen auf leutselig, das kennt er vom Job, und dann, benebelt von trügerischer Augenblickswärme, stürzt er sich in ein Komasaufen mit Josepha (wunderbar funkelnd aggressiv: Anne Azoulay), und Josepha gewinnt. Und ganz tief in der Nacht ist der sturzeinsame, sturzbesoffene Saint-Jean ganz das arme Würstchen, das er ist. Ganz der schlaffe Körper, den Kuypers (Sylvain Deblé) schultert und vorsichtig abkippt vor einem fernen, feinen Zuhause.

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Überhaupt, es gibt weder Tag noch Nacht, weder öffentlich noch privat, jeder Dualismus ist geschreddert in SaintJeans Leben, das der Karriere gehört: Nachts wird er in den Hubschrauber gescheucht, um bei einem Busunfall mit toten und verletzten Schülern in verschneiten Ardennenwäldern medienwirksam Anteilnahme zu heucheln, und andernnachts schmiedet er mit seinem Stabschef Gilles im Büro Pläne, wie er aus der dummen Sache mit der Privatisierung der Bahnhöfe wieder rauskommt. Er war dagegen, jaja, das soziale Gewissen, oder hat er das am Rande eines übermüdet gegebenen Interviews bloß so rausgequatscht, jedenfalls war der Finanzminister eben dafür und der Premier leider auch. Das muss der Anfänger Saint-Jean erst lernen, wie man erst Ja sagt und fast im selben Atemzug Nein. Wie man sich so elegant verbiegt, dass man erst recht geradeheraus rüberkommt. Aber das schafft er schon, diese Lektion in Subordination.

Es sind fiese Typen wie du und ich, die Pierre Schoeller da Männchen machen lässt, derselbe Pierre Schoeller, der in seinem Spielfilm-Erstling " Versailles " (2008) den Glanz der Macht noch ganz aus der Außenseiterperspektive betrachtete, wie eine unfassbar fremde, märchenhaft entrückte Welt. In seinem hochintelligenten Politfilm "L’exercice de l’état" (etwa: staatliches Handeln), wie "Der Aufsteiger" im französischen Original scheinbar abstrakter und viel treffender heißt, ergründet er, so undenunziatorisch wie unsentimental, die Binnenstrukturen eines Regierungsapparats. Macht macht krank, so könnte eine der nahezu medizinischen Diagnosen lauten, die aus dieser präzisen Analyse politischen Alltags hervorgehen. Macht geht über Leichen, das sowieso, und die Machtinhaber sind als Erste dran.

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Das Faszinierendste: Schoeller braucht keinerlei genreüblichen Politthriller-Plot für seine aufregende Story, auch keine schlüssellochgeile Schlüsselfilmspannung, auch keinerlei Biopic-Promis, der Blick auf die Mechanismen menschlichen Funktionierens genügt. Der Blick vor allem in die bodenlose Psyche eines Otto Normalministers, den Olivier Gourmet – die zurückhaltende Größe der Filme der Dardenne-Brüder – hier wunderbar lärmend gibt, nur ab und zu von jähem, irritiertem Entsetzen über sich selbst erfasst. Dazu Michel Blanc als Strippenzieher Gilles: sein brillant kühles, nur formal nachgeordnetes Pendant. Und ein vorzüglich besetztes Ensemble von Leuten, die die Maschine namens Minister ölen, am Laufen halten, vor sich hertreiben, alles eins.

Und dann ist da Kuypers, der andere. Der Mann fürs Stille, noch einmal bekommt der Chauffeur eine Hauptrolle in Saint-Jeans schnellem Leben, und ab geht’s zur klandestinen Jungfernfahrt auf ein kurz vor der Eröffnung stehendes Autobahnteilstück. Noch so eine irre Eingebung des von seiner Macht berauschten, groß gewordenen kleinen Mannes, noch so eine Grenzverletzung inklusive Blackout, diesmal bei helllichtem Tag. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch diese Sache noch dem Vorankommen des Ministers dienlich wäre.

Erschienen im Tagesspiegel.

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Leserkommentare
  1. der Nähe. Die machen dann (wenn sie sich ertappt glauben) auf Kumpel; und dann kommt dieses "vereinnahmende" Gesäusel: "Typen wie du und ich ...." lach lach. Die ganze seelische Armut dieser Teufel springt einen dann an ... und so was hat MACHT ! Es kann nicht besser werden.

    2 Leserempfehlungen
    • ludna
    • 24. November 2012 13:28 Uhr

    wie die BBC Serie "Yes, Minister", nur als Thrille.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In dem Zusammenhang unbedingt erwähnenswert: "In the Loop"!

  2. 3. Macht

    ist nur ein negativ konnotierter Begriff als impersoneller Sündenbock; Eine allgemeingültige Entschuldigung für den (ungebildeten, oder lieblos aufgewachsenen) Menschen und seinen Zerstörungshang, seine Necrophilie.

    Die MACHT der besten Demokratie existiert auf Anerkennung und Akzeptanz. Sie zeugt von Biophilie.
    Dies verdeutlicht doch, dass "die Macht" erst im Gegenüber des vermeintlichen Machtinhabers konstruiert und realisiert wird.

    Ich wünschte mir Filme, die soetwas verdeutlichen.
    A la Monthy Python vielleicht.
    Man stelle sich den psychologisch emotionalen propagandisten Goebbels im Berliner Sportpalast vor,
    "..wollt ihr den dodalen ..." und die Menge lacht.
    Wo man lacht, reduziert sich "ausübende" Macht auf Menschen vom Typ Mitläufer. Erfüllungsgehilfen. Identitätslose Menschen.

    Wo Man(n) lacht, ist schluß mit Macht.
    Sie wird erst dann wieder möglich, wenn Anerkennung und Akzeptanz "herrscht". (Ja, Herrschen kann positiv konnotiert sein :)
    Dazu ist Bildung Not_wendig.
    Eine lachende Bildung schafft lachende Identitäten.
    Biophilie = lachende Bildung = lachende Identitäten = Demokratie = Biophilie.
    :P

    Na denn, liebe Filmemacher. Ich möchte so gern mal wieder ins Kino ;)

    Eine Leserempfehlung
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    Sie schreiben dass..".Ich wünschte mir Filme, die soetwas verdeutlichen.
    A la Monthy Python vielleicht".
    Man stelle sich den psychologisch emotionalen propagandisten Goebbels im Berliner Sportpalast vor,

    Alles was Sie schreiben liest sich ja wunderbar wissenschaftlich verbrämt.
    Sogar mit Erklärung für die Dummköpfe unter den Lesern.
    Sind Sie noch bei Verstand ?

    Monthy Python vs. Sportpalast incl. Goebbels.

    Etwas abwegig...

    Wie wärs denn mit einem Comic ?

    "..wollt ihr den dodalen ..." und die Menge lacht."

    Aber das macht politische Macht ja aus - sie wird einem von anderen Übertragen; ohne das Heer an fanatisierten Menschen wäre Goebbels nur eine Witzfigur gewesen.

    Falls sie immer noch was unterhaltsames in der Richtung schauen möchten, so ist - wenn auch sicher keine Komödie - die Serie "Game of Thrones" (oder noch besser die Buchvorlage) recht sehenswert; die Auseinanderdröselung von Machtverhältnissen und -Strukturen ist (neben sehr viel Sex und Gewalt) ein Hauptthema dieser Serie und recht gut ausgearbeitet.

  3. Die Beschreibung hört sich an, wie das Thema von "The Ides of March" mit Phillip Seymour-Hofman als Wahlkampfmanager des Präsidenten. Ein guter Film. Werde mir diesen mal zum Vergleich anschauen.

  4. In dem Zusammenhang unbedingt erwähnenswert: "In the Loop"!

    Antwort auf "Klingt ein bisschen "
  5. Sie schreiben dass..".Ich wünschte mir Filme, die soetwas verdeutlichen.
    A la Monthy Python vielleicht".
    Man stelle sich den psychologisch emotionalen propagandisten Goebbels im Berliner Sportpalast vor,

    Alles was Sie schreiben liest sich ja wunderbar wissenschaftlich verbrämt.
    Sogar mit Erklärung für die Dummköpfe unter den Lesern.
    Sind Sie noch bei Verstand ?

    Monthy Python vs. Sportpalast incl. Goebbels.

    Etwas abwegig...

    Wie wärs denn mit einem Comic ?

    Antwort auf "Macht"
  6. "..wollt ihr den dodalen ..." und die Menge lacht."

    Aber das macht politische Macht ja aus - sie wird einem von anderen Übertragen; ohne das Heer an fanatisierten Menschen wäre Goebbels nur eine Witzfigur gewesen.

    Falls sie immer noch was unterhaltsames in der Richtung schauen möchten, so ist - wenn auch sicher keine Komödie - die Serie "Game of Thrones" (oder noch besser die Buchvorlage) recht sehenswert; die Auseinanderdröselung von Machtverhältnissen und -Strukturen ist (neben sehr viel Sex und Gewalt) ein Hauptthema dieser Serie und recht gut ausgearbeitet.

    Antwort auf "Macht"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..mal schauen, danke!

  7. Ein sehr seltsamer Fall.
    Ich kommentiere meinen Beitrag.
    Es gibt Beiträge die man sacken lassen sollte.
    Ist hiermit geschehen.
    Fazit ist, dass meine Replik bzgl. der voran gegangenen Beiträge butterweich ausfiel.
    Empfohlen werden Klamotten aus der Filmgeschichte die sich aus der Sicht von Psychopaten ergeben.

    Sind die sich hier verewigten Foristen dessen bewusst dass das, was im dritten, etwas verkürzten 1000 jährigen Reich ablief, nicht geeignet ist Satire aufzurufen. Eltern, Verwandte, Geschwister...
    verschwunden.
    Ein zerstörtes Land, bewohnt von physisch kaputten Menschen.
    Zerrissen bis in die letzte Faser.
    Und hier tauchen Typen auf, die glauben dass mit einem Comic die Geschichte zurechtgerückt werden kann.

    Nie habe ich die Gnade der frühen Geburt mehr genossen.

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    Sind Sie noch bei Verstand ?

    Ich denke ja. Was genau lässt Sie zweifeln?

    Wie wärs denn mit einem Comic ?

    Eher nicht, weil Comics in der Regel Fortsetzungen haben.

    Und hier tauchen Typen auf, die glauben dass mit einem Comic die Geschichte zurechtgerückt werden kann.

    Offensichtlich haben Sie meinen Kommentar vollkommen mißverstanden, weshalb ich mich bei Ihnen entschuldige.
    Im historischen Geschehen und dessen Beurteilung bin ich voll und ganz bei Ihnen. Mitnichten ging es mir um die Verniedlichung unsagbarer Geschehnisse.
    Aber nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass wir hier in der Rubrik Film, genauer gesagt Politfilm kommentieren.
    Dies bedeutet, dass, welches Geschehen auch immer, aus anderen Perspektiven Betrachtung finden DARF und MUSS.
    Wäre dies nicht so, zwängen wir uns absichtlich in sogenannte Tunnelblicke hinein, welche solch unsagbaren Geschichtsmomente doch erst Realität werden ließen.
    Und genau hierin dürfen Sie den Sinn meines Kommentars verorten. Pluralität, Antizyklisch, Gegensätzlichkeit ...
    Vielleicht verdeutlicht es der folgende, unvergessene Film-Ausschnitt besser.

    Und Monty Python Group ist einfach Kult.
    Es ging also nicht um A vs. B.

    Bitte keinen Tunnelblick ;)

    PS: Und sorry für die späte Antwort :)

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