Es sind fiese Typen wie du und ich, die Pierre Schoeller da Männchen machen lässt, derselbe Pierre Schoeller, der in seinem Spielfilm-Erstling " Versailles " (2008) den Glanz der Macht noch ganz aus der Außenseiterperspektive betrachtete, wie eine unfassbar fremde, märchenhaft entrückte Welt. In seinem hochintelligenten Politfilm "L’exercice de l’état" (etwa: staatliches Handeln), wie "Der Aufsteiger" im französischen Original scheinbar abstrakter und viel treffender heißt, ergründet er, so undenunziatorisch wie unsentimental, die Binnenstrukturen eines Regierungsapparats. Macht macht krank, so könnte eine der nahezu medizinischen Diagnosen lauten, die aus dieser präzisen Analyse politischen Alltags hervorgehen. Macht geht über Leichen, das sowieso, und die Machtinhaber sind als Erste dran.

Das Faszinierendste: Schoeller braucht keinerlei genreüblichen Politthriller-Plot für seine aufregende Story, auch keine schlüssellochgeile Schlüsselfilmspannung, auch keinerlei Biopic-Promis, der Blick auf die Mechanismen menschlichen Funktionierens genügt. Der Blick vor allem in die bodenlose Psyche eines Otto Normalministers, den Olivier Gourmet – die zurückhaltende Größe der Filme der Dardenne-Brüder – hier wunderbar lärmend gibt, nur ab und zu von jähem, irritiertem Entsetzen über sich selbst erfasst. Dazu Michel Blanc als Strippenzieher Gilles: sein brillant kühles, nur formal nachgeordnetes Pendant. Und ein vorzüglich besetztes Ensemble von Leuten, die die Maschine namens Minister ölen, am Laufen halten, vor sich hertreiben, alles eins.

Und dann ist da Kuypers, der andere. Der Mann fürs Stille, noch einmal bekommt der Chauffeur eine Hauptrolle in Saint-Jeans schnellem Leben, und ab geht’s zur klandestinen Jungfernfahrt auf ein kurz vor der Eröffnung stehendes Autobahnteilstück. Noch so eine irre Eingebung des von seiner Macht berauschten, groß gewordenen kleinen Mannes, noch so eine Grenzverletzung inklusive Blackout, diesmal bei helllichtem Tag. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht auch diese Sache noch dem Vorankommen des Ministers dienlich wäre.

Erschienen im Tagesspiegel.