Volker Schlöndorff"Europa ist ein Geflecht von Geschichten"

Am Sonnabend wird der 25. Europäische Filmpreis verliehen. Ein Krisengespräch mit Volker Schlöndorff über den Zustand des Kontinents und seine Filmkultur. von Christiane Peitz

Frage: Herr Schlöndorff , Verstehen Sie sich als europäischer Filmemacher?

Volker Schlöndorff: Spätestens im Ausland, ja, vor allem in Amerika . Aus der Ferne verschwinden die Unterschiede, außerdem habe ich mein Handwerk ja in Frankreich gelernt. Auf unserem Kontinent gibt es Großbritannien mit seiner weltweit immer noch einheitlichen angelsächsischen Kulturtradition, dem Erbe des Commonwealth. Der uneinheitliche Rest, das ist Europa . Colm Tóibín, der irische Drehbuchautor, mit dem ich gerade an einem Montauk -Film arbeite, sagt: Europa ist mehr als der Euro, mehr als der Friede nach vielen Kriegen, es ist das Geflecht von Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen. Don Quichote, Don Juan, Hamlet, Grimms Märchen – sie sind übrigens das weltweit einflussreichste deutsche Buch, bis heute.

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Frage: Am Sonnabend werden zum 25. Mal die Europäischen Filmpreise vergeben, beim Festakt mit 1.000 Gästen in Malta . Das Publikum sieht außer Hollywood aber immer mehr einheimische Produktionen. Gibt es den europäischen Film überhaupt noch?

Volker Schlöndorff

Vor einer Woche wurde Volker Schlöndorff, 73, für ein Debüt ausgezeichnet: Das Meer am Morgen, sein erster reiner TV-Spielfilm, gewann in Baden-Baden den Fernsehfilmpreis. Schlöndorff, der seine Karriere in Paris als Regieassistent von Louis Malle begann, gehört zum Vorstand der 1988 gegründeten Europäischen Filmakademie mit Sitz in Berlin. Zu seinen gut 30 Filmproduktionen seit Der junge Törleß (1966) gehören Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Die Fälschung, Tod eines Handlungsreisenden, Homo faber, Die Stille nach dem Schuss, Der neunte Tag und Strajk – Die Heldin von Danzig. Und natürlich Die Blechtrommel, für die er 1980 den Auslands-Oscar gewann.

Schlöndorff: Die Globalisierung hat zu einer Regionalisierung der Kultur geführt, das ist nicht neu. Vor lauter Verlorenheitsgefühl klammert man sich an das, was einem am nächsten ist. Deshalb sind die einheimischen Filme wichtiger geworden. Aber es gibt noch etwas anderes: Normale Wähler mit gesundem Menschenverstand bekennen sich mittlerweile zu Europa, obwohl die Euro-Krise sie womöglich Geld kostet. Man ist gegen Brüssel , vielleicht auch gegen den Euro, aber für Europa. Der Begriff hat sich zu meiner Überraschung eingebürgert. Nur für die Kulturprodukte zu diesem kulturellen Bewusstsein, für die Filme und Bücher interessiert sich kaum jemand. Deshalb ist es wichtig, einmal im Jahr ein Ermutigungsfest für das europäische Kino zu veranstalten.

Frage: Bernard Henri Lévy sagte kürzlich im FAZ -Interview : "Europas Seele ist in Gefahr." Kann das Kino da etwas ausrichten?

Schlöndorff: Der europäische Film kann nicht besser sein als der Gesamtzustand von Europa: Wir sind zerrissen, unsicher, ängstlich, gewiss nicht im Aufbruch oder gar beim Durchbruch zu neuen Ufern. Die Künste spiegeln das. Aber es stimmt auch, dass angesichts des Auseinanderdriftens der europäischen Länder nicht der Film die Politik braucht, sondern die Politik den Film und überhaupt die Kultur, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen.

Frage: Als die Europäische Filmakademie 1988 im Berliner Hotel Kempinski gegründet wurde, gab es dieses Gefühl noch. Ingmar Bergman war dabei, den ersten Filmpreis – er hieß damals noch Felix – gewann der Pole Krysztof Kieslowski. Was hat aus dieser Zeit überdauert?

Schlöndorff: Seine eigentliche Blütezeit hatte das europäische Kino schon nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Rossellini, Buñuel, Antonioni, Fellini, bald darauf Godard, Truffaut, Fassbinder und vielen anderen. Wenn es heute um unsere Selbstverständigung geht, darum, wie wir leben wollen, spielt das europäische Kino leider nicht die Rolle, die es spielen könnte. Immerhin gibt es den harten Kern der Altmeister, Pedro Almodóvar, Kaurismäki, Ken Loach oder den für Liebe nominierten Michael Haneke mit seiner bewunderungswürdigen Sturheit. Da dreht er einen ergreifenden Film über zwei alte Leute in einer Pariser Wohnung und braucht zwölf Millionen Euro dafür! Wegen der Genauigkeit, mit der er tagelang an einer Szene arbeitet, bis sie vollkommen ist.

Frage: Es gibt auch jüngere Phänomene wie die tollen griechischen Low-Budget-Filme, die ohne Fördergelder entstehen.

Schlöndorff: Oder das rumänische Filmwunder, oder Filme aus der Türkei , die zumindest auf den Festivals laufen. Die kleineren Länder und die an den Außenrändern fühlen sowieso europäischer als die großen. Klar, das europäische Kino hat großartige Regisseure, Lars von Trier, aber auch Susanne Bier, Fatih Akin, Andreas Dresen oder Christian Petzold , dessen Barbara dieses Jahr nominiert ist. Nur mündet nichts davon in breitere Fahrwasser, in eine Bewegung. Was auch am dramatischen Kinosterben in manchen Ländern liegt. In Italien gibt es selbst in Unistädten wie Bologna oder Florenz kaum noch Kinos. Allein in diesem Jahr wurden dort landesweit 60 Häuser geschlossen.

Leserkommentare
    • tb
    • 30. November 2012 15:15 Uhr

    Bertrand Tavernier sagte einmal zu mir: Warum machst du nicht die Filme, die du selber sehen willst?

    Ich fürchte, damit ist zumindest die Misere des deutschen Films klar umrissen.

    Eine Leserempfehlung
    • FranL.
    • 30. November 2012 19:53 Uhr

    Volker Schlöndorff ist bestenfalls Mittelmaß. An einen Faßbender, einen Werner Herzog, gar Truffaut oder Goddard kann er nicht das Wasser reichen.

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