Volker Schlöndorff"Europa ist ein Geflecht von Geschichten"
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"Ist Lachen in Europa verboten?"

Frage: Gleichzeitig gibt es aber auch den europaweiten Kassenschlager Ziemlich beste Freunde . Die Komödie über einen Multimillionär im Rollstuhl und seinen schwarzafrikanischen Krankenpfleger ist ebenfalls ein Favorit bei den Eurofilmpreisen. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Schlöndorff:Frankreich ist das einzige europäische Land mit einer gesunden Filmkultur. Ich bin dieses Jahr mit Das Meer am Morgen durch die Städte getourt, war in Besançon, Tour, Compiègne, Nantes, Pessac, Lussac und habe das wieder erlebt. Da wird in Talkshows zur besten Sendezeit leidenschaftlich über Filme diskutiert und im Fernsehen gibt es Quotenregelungen zum Schutz für das Kino. Die Leute haben nichts dagegen: Die Stärkung der Filmbranche als Bewusstseinsindustrie geschieht im Konsens mit dem Publikum. Und die Multiplexe sind mit Arthouse-Sälen ausgestattet, das Publikum mischt sich. Das wäre in Deutschland undenkbar. Kein Wunder, dass ein so erfolgreicher europäischer Film aus Frankreich kommt. Allein in Deutschland hatte Ziemlich beste Freunde 8,8 Millionen Zuschauer.

Frage: Können die übrigen Europäer etwas von Frankreich lernen?

Schlöndorff: Dass man Kunst und Kommerz nicht so strikt trennen sollte. Ein Regisseur wie François Ozon dreht junge Filme mit den Stars des alten Kinos, mit Catherine Deneuve, Fanny Ardant, Jeanne Moreau oder Charlotte Rampling . Hierzulande hat nur Fassbinder das versucht. Wir anderen haben uns von den Produzenten des Unterhaltungskinos abgewendet, das war vielleicht der Sündenfall. Es gibt Fotos aus jüngeren Jahren, auf denen man sehen kann, wie ich förmlich Angst habe, von Horst Wendlandt umarmt zu werden. Diese Angst, die eigene Unabhängigkeit und künstlerische Unschuld zu verlieren, ist eine europäische Konstante. Eher bräuchten wir etwas von dem populären Charme der Wunderbaren Welt der Amélie .

Frage: Aus Brüssel gibt es immerhin Fördermaßnahmen für den europäischen Film. Liegt es an der Vermarktung oder daran, dass es so wenig Erzählkino und vor allem verkappte Sozialreportagen gibt?

Schlöndorff: Wieso schließt das eine das andere aus? Ist Lachen in Europa verboten? Bertrand Tavernier sagte einmal zu mir: Warum machst du nicht die Filme, die du selber sehen willst? Vielleicht hätte ich mir das mehr zu Herzen nehmen sollen.

Frage: Wie wird die Stimmung morgen in Malta sein? Trotzig? Voller Selbstmitleid?

Schlöndorff: Nein, auch wenn das Publikum immer disparater wird, die Zunft ist keineswegs wehleidig. 2011 lernte ich bei der Gala in Berlin das Team von The Artist kennen – nach The King’s Speech war das ja der zweite "europäische" Oscar-Gewinner: lauter enthusiastische Leute, darunter der Enkel von Claude Berri. Jedes Jahr gibt es neue, junge Filmschaffende, die erstaunt registrieren, welcher Familie sie angehören. Ohne die Anstrengungen der bescheiden ausgestatteten Akademie gäbe es womöglich noch weniger europäisches Gemeinschaftsgefühl. Also spielen wir weiter Sisyphos und hoffen darauf, dass der Stein irgendwann doch oben liegen bleibt.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • tb
    • 30. November 2012 15:15 Uhr

    Bertrand Tavernier sagte einmal zu mir: Warum machst du nicht die Filme, die du selber sehen willst?

    Ich fürchte, damit ist zumindest die Misere des deutschen Films klar umrissen.

    Eine Leserempfehlung
    • FranL.
    • 30. November 2012 19:53 Uhr

    Volker Schlöndorff ist bestenfalls Mittelmaß. An einen Faßbender, einen Werner Herzog, gar Truffaut oder Goddard kann er nicht das Wasser reichen.

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