Kriegsfilm "Im Nebel"Den Tod auf dem Rücken

Drei russische Partisanen, ein schicksalshafter Marsch durch den Wald. Sergei Loznitsas Weltkriegsdrama "Im Nebel" erzählt eine Geschichte von tödlicher Klarheit. von Kerstin Decker

Was heißt, der Tod sitze einem im Nacken? Wenn jemand das je im Kino gezeigt hat, dann Sergei Loznitsa in diesem kleinen, fahlen Meisterwerk des Weltabschieds, das den diesjährigen Kritikerpreis in Cannes gewann.

Sehen wir überhaupt die Gesichter der drei Männer, die da über den Platz kommen, irgendwo im Weißrussland des Jahres 1942? Oleg Mutus Kamera bleibt meist in ihrem Rücken, hält sich am Ansatz des Halses fest, heftet sich zwischen die Schulterblätter. Lauter blinde Flecke, denn so kann kein Mensch sich anschauen, jeder andere vermag es, aber nie man selber. Und irgendwann ist klar, dass das Auge der Kamera das des Todes selbst sein muss.

Anzeige

Immer wieder wird es von diesem Beobachtungsposten aus auch ins Weite sehen, etwa als es den Platz vermisst, über den die drei gehen, nicht freiwillig, man erkennt es an ihrer Haltung, den starken und doch verkrümmten Rücken. Das sind letzte, allerletzte Schritte. Vielleicht kann nur der Tod sich auf diese Weise umschauen, hier ist alles zugleich: die deutsche Besatzungsmacht neben den Unterworfenen, Arbeit und Befehl, Ruhe auch, schützende Alltäglichkeit. Aber wir sehen all das Beiläufige wie aus dem Blickwinkel der Ewigkeit in einer großen, grandiosen Plansequenz.

Und als die drei sterben, von deutscher Hand, sieht das Kameraauge, das Weltauge auf eine Ziege am Brunnen . Und nicht einmal sie blickt auf. Der Tod ist bloß ein kurzes fremdes Geräusch, es bleibt das Knarren der Seile im Wind. Aber schon sitzt er den nächsten auf dem Rücken, zwei Partisanen, die ihre erhängten Kameraden rächen wollen. Noch spüren sie ihn nicht.

Im Nebel , entstanden nach dem Roman von Wassil Bykow, besitzt von Anfang an eine Intensität, die dem, was hier geschieht, nicht ganz zu entsprechen scheint: Zwei Männer, bald drei, gehen durch den Wald, zwei Stunden und acht Minuten lang. Aber man kann diese Zeit schwerlich gebannter verbringen, denn die Waldgeher sind nie allein. Denn es ist nicht nur der Tod bei ihnen, sondern auch Schuld, Treue, Verrat. Ganz auf der Seite der Lebenden ist vielleicht nur der, der einem anderen diese Worte klar zuweisen oder verweigern kann. Ein Gerechter, ein Selbstgerechter auch. So kommt Burow (Wladislaw Abashin) zu Sushenia, dem Gleisvorsteher, Sushenia, dem Freund, Sushenia, dem Verräter. Denn wäre er keiner: Hätten die Deutschen ihn laufen lassen?

Sushenia ist die Rätselfigur des Films. Wladimir Swirskiy spielt ihn mit einem frappierenden Zugleich von Ergebenheit und Stärke, als gehöre er schon nicht mehr zu den Lebenden, nicht mehr ganz. Und las er, der Zurückgekehrte, den Verdacht nicht schon in aller Augen, nicht nur in denen des Freundes, der nun Rächer ist? Er, der Zurückgekommene, lebt schon in einer Zwischenwelt. Loznitsa mag diese Welten, vielleicht leben mehr Menschen in solchen Zwischenwelten, als wir ahnen, diese drei ohnehin.

Die Kinowoche auf ZEIT ONLINE

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts dieser Woche

The look of love (Großbritannien; Regie: Michael Winterbottom)
Chroniken der Unterwelt – City of Bones (USA; Regie: Harald Zwart)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Vergangene Filmwoche

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts vergangenen beiden Wochen:

Feuchtgebiete (Deutschland; Regie: David Wnendt)
Kid-Thing (USA; Regie: David Zellner
Apple Stories (Deutschland; Regie: Rasmus Gerlach)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Ihre Rezension

Haben Sie diesen Film bereits gesehen? Wie hat er Ihnen gefallen? Oder hat Sie in letzter Zeit ein anderer Film besonders beeindruckt oder enttäuscht? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihre Filmrezension. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen. In unseren Leserartikel-FAQ erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen sollten.

Was für eine stumme Präsenz der Gesichter, sprechend, ohne noch reden zu müssen, und wenn doch, dann nur das Nötigste. Ob Kommunikation etwas für Leute ist, die sich nicht mehr viel zu sagen haben? Ja, wortkarg ist dieser Film , karg überhaupt, doch aus Kargheit scheint in jedem Augenblick wieder Weite zu werden, so wie die Weite sich verdichtet zum Augenblick.

Es ist großartig, wie Loznitsa den Gang der drei durch die Wälder, die inneren und äußeren, verwebt. Was ist es, das Sushenia den toten Freund, der ihn doch umbringen wollte, schließlich durch den Wald tragen lässt? Diesmal hat er leibhaftig den Tod auf dem Rücken. Aber im Nebel liegt hier nichts. Die tödliche Klarheit nimmt stetig zu. Wenn der Nebel fällt, der schmutzig weiße Vorhang des Nichts, wird alles schon vorüber sein.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Derjenige der diesen Ultra-Spoiler fabriziert, und derjenige der ihn abgenickt hat, gehören für mindestens 2 Wochen zu den Teletubbies ins Gehege!

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Uxmal
    • 15. November 2012 12:48 Uhr

    ...zum Glück habe ich erst zu den Kommentaren runtergescrollt, danke für die Warnung.

    Und dann auch noch völlig nutzlos! Die Kritik wäre ganz ohne Spoiler augekommen! Ich schließe mich der Forderung an: Zwei Wochen Teletubbies, Frau Decker!

    • yellowT
    • 16. November 2012 8:34 Uhr

    Was bitte ist ein "Spoiler"?

    • Uxmal
    • 15. November 2012 12:48 Uhr

    ...zum Glück habe ich erst zu den Kommentaren runtergescrollt, danke für die Warnung.

    2 Leserempfehlungen
  2. Und dann auch noch völlig nutzlos! Die Kritik wäre ganz ohne Spoiler augekommen! Ich schließe mich der Forderung an: Zwei Wochen Teletubbies, Frau Decker!

    Eine Leserempfehlung
    • ecerium
    • 15. November 2012 15:10 Uhr

    Ich schließe mich den Kommentatoren an. Macht fast den Eindruck, als wäre es volle Absicht.

    Eine Leserempfehlung
    • yellowT
    • 16. November 2012 8:34 Uhr

    Was bitte ist ein "Spoiler"?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... ->

    http://de.wikipedia.org/w...

    Und der Spoiler in diesem Artikel verrät das Ende
    - geht also garnicht!!!

  3. ... ->

    http://de.wikipedia.org/w...

    Und der Spoiler in diesem Artikel verrät das Ende
    - geht also garnicht!!!

  4. Redaktion

    Es ist, pardon, irrelevant, ob man die Fakten kennt, die in der sehr klugen Rezension von Kerstin Decker genannt werden, oder ob man sie nicht kennt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass es tatsächlich besser ist, sie zu kennen, denn damit kann man den perversen Mechanismus von Machtausübung und Manipulation, um den es in dem Film geht, noch besser einschätzen. "Im Nebel" ist in keiner Weise ein "Who's done it", sondern eine fast mathematische Parabel auf den freien Willen und seine Grenzen.
    Darüberhinaus - dies nun doch für diejenigen, die es gerne ganz unvoreingenommen mögen - beschreibt Kerstin Decker die Eingangssequenz des Films und ein Ereignis, das nach geschätzt einem Viertel der Erzählzeit passiert. Da bleibt noch einiges übrig.
    Ich kann diesen Film nur jedem ans Herz legen, der mal wieder einen wirklich hervorragend und bis ins letzte Detail durchinszenierten Film sehen möchte. Ein Kollege schrieb treffend, es sei Action-Kino in Slow-Motion.
    Beste Grüße
    Wenke Husmann

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dass der Spoiler das Ende verraten würde habe ich aus der Kombination von den Bildern und diese Personen betreffenden 'lethalen' Textpassage geschlossen.
    Wenn in einer Rezension 2x die gleichen 3 Protagonisten abgebildet sind, gehe ich in der Regel davon aus das dies auch die Hauptcharaktere sind. Tja. Da habe ich mich geirrt.
    Und drei Viertel noch zu sehender Film ist in der Tat recht viel. Aber dieses sehr ausdrucksstarke Ereignis, bzw. diesen Fakt schon vorab serviert zu bekommen ist keineswegs irrelevant. Das zu behaupten finde ich, pardon, ein wenig arrogant. Eine Filmrezension informiert, zeigt Möglichkeiten der Interpretation, beleuchtet den Hintergrund, macht Lust...aber überlässt es letzten Endes jedem Leser/Zuschauer selbst, sich unvoreingenommen das Gesamtbild zusammenzusetzen.
    P.S.: Und ja, diesen einen streitbaren Umstand ausser acht gelassen, ist es eine gute und kluge Rezension!

    Doch eine Rezension am Erscheinungstag sollte dennoch sachte mit der Herausgabe von Spannungsmomenten sein (Im Prinzip wie ein guter Klappentext). Schließlich möchte ich als Leser den Film erst noch sehen und lediglich eine Entscheidungshilfe, ob ich den Film überhaupt sehen möchte.Eine Filmanalyse zu einem späteren Zeitpunkt ist ja nochmal was anderes. Ich schätze beide.
    Außerdem gibt es bei wirklich guten Filmen doch immer das Zweite Sehen, bei dem man vom Was auf das Wie fokussiert.
    Also bitte, liebe Mitcineasten in den Redaktionen: Stukt meine Nase weiterhin auf gute Off-Produktionen und gebt mir fundierte Analysen zur Nachlese. Aber mit's Jefühl ;-) Ich freue mich über beides.

  5. Dass der Spoiler das Ende verraten würde habe ich aus der Kombination von den Bildern und diese Personen betreffenden 'lethalen' Textpassage geschlossen.
    Wenn in einer Rezension 2x die gleichen 3 Protagonisten abgebildet sind, gehe ich in der Regel davon aus das dies auch die Hauptcharaktere sind. Tja. Da habe ich mich geirrt.
    Und drei Viertel noch zu sehender Film ist in der Tat recht viel. Aber dieses sehr ausdrucksstarke Ereignis, bzw. diesen Fakt schon vorab serviert zu bekommen ist keineswegs irrelevant. Das zu behaupten finde ich, pardon, ein wenig arrogant. Eine Filmrezension informiert, zeigt Möglichkeiten der Interpretation, beleuchtet den Hintergrund, macht Lust...aber überlässt es letzten Endes jedem Leser/Zuschauer selbst, sich unvoreingenommen das Gesamtbild zusammenzusetzen.
    P.S.: Und ja, diesen einen streitbaren Umstand ausser acht gelassen, ist es eine gute und kluge Rezension!

    Antwort auf "Liebe User"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Film | Tagesspiegel | Tod | Wald | Kommunikation | Weißrussland
Service