Komödie "Ruby Sparks"Zahm wie eine Männerfantasie

Ein Autor schreibt über seine Traumfrau – da steht sie vor ihm. "Ruby Sparks" spielt munter durch, was wir anrichten, wenn wir unsere Liebsten wie Romanfiguren behandeln. von Andreas Scheiner

Woody Allen, heißt es, schreibe seine Geschichten seit Menschengedenken auf der schönen deutschen Reiseschreibmaschine Olympia SM 3 De Luxe. Aufmerksame Zuschauer werden erkennen, dass sich Calvin (Paul Dano), der unterkühlte Jungschriftsteller, von dem Ruby Sparks handelt, ebenfalls für das Gerät entschieden hat, wenn auch, um präzise zu sein, für das Nachfolgemodell SM 9 De Luxe. Bestimmt möchte der Film mit der Wahl der Schreibmaschine etwas sagen. Vermutlich, dass dieser Calvin ein kleiner Woody Allen ist.

Calvin ist schmächtig und sehr bleich. Sein Haar ist dünn, auch trägt er eine markante Brille und fläzt gerne auf der Couch seines Therapeuten (Elliot Gould). Denn Calvin kann nicht gut mit Menschen. Er war 19, als ihm ein Bestseller glückte, der die Kritiker "J. D. Salinger!" jubeln ließ. In einer Szene zerkaut Calvins Hund, ein süßer Border Terrier namens Scotty (nach F. Scott Fitzgerald), eine Taschenbuchausgabe des Fänger im Roggen . Will heißen: Calvin hat zu beißen an seinem frühen Erfolg. Der Mann ist mittlerweile Ende zwanzig und bläst Trübsal in seiner großen Wohnung. Der zweite Roman will einfach nicht werden. Eine üble Schreibblockade hat den Jungautor befallen. Bis der Seelenklempner Calvin auf die Idee bringt, über die mysteriöse Frau zu schreiben, die diesen regelmäßig in seinen Träumen aufsucht.

Anzeige

Und nun wird’s meschugge: Kaum ist die Traumfrau, eine freche Rothaarige mit fliederfarbenen Strümpfen, zu Papier gebracht, steht sie quicklebendig und nur halbbekleidet in Calvins Wohnzimmer und sagt: "Wo warst du? Ich hab dich gestern vermisst im Bett."

Calvin verkriecht sich unter dem Schreibtisch.

Er glaubt zu halluzinieren, die Anzeichen dafür, dass die Frau, sie heißt Ruby (gespielt von der Drehbuchautorin Zoe Kazan), kein Hirngespinst ist, verdichten sich jedoch. Calvin findet sogar heraus, dass er mit jedem Wort, welches er in seine Olympia haut, Rubys Verhalten steuern kann.

Die Kinowoche auf ZEIT ONLINE

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts dieser Woche

The look of love (Großbritannien; Regie: Michael Winterbottom)
Chroniken der Unterwelt – City of Bones (USA; Regie: Harald Zwart)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Vergangene Filmwoche

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts vergangenen beiden Wochen:

Feuchtgebiete (Deutschland; Regie: David Wnendt)
Kid-Thing (USA; Regie: David Zellner
Apple Stories (Deutschland; Regie: Rasmus Gerlach)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Ihre Rezension

Haben Sie diesen Film bereits gesehen? Wie hat er Ihnen gefallen? Oder hat Sie in letzter Zeit ein anderer Film besonders beeindruckt oder enttäuscht? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihre Filmrezension. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen. In unseren Leserartikel-FAQ erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen sollten.

Die Idee von einem Autor, der sich mit seiner literarischen Schöpfung konfrontiert sieht, ist ein hübsches Negativ von Stranger Than Fiction , wo ein Mann feststellen muss, dass er eine Romanfigur ist. Zugleich erinnert die Prämisse an einen Streich von Charlie Kaufman ( Adaptation , Being John Malkovich ). Doch dem wenig zimperlichen Kaufman wäre für Calvin wahrscheinlich mehr Humbug in den Sinn gekommen, den der mit seiner Traumfrau-Marionette hätte anstellen können. Und einem Woody Allen sicherlich Versauteres.

Die Drehbuchdebütantin Zoe Kazan konzentriert sich eher aufs Romantische. Sie spielt eine zugespitzte Variante dessen durch, was wir verbrechen, wenn wir unsere Liebsten wie willfährige Romanfiguren herumschubsen und zurechtmodellieren. Der Film lebt von der quirligen Inszenierung, wobei Kameramann Matthew Libatique ( Black Swan ) schon mal zur Handkamera greift, um das Tempo zu steigern. Regie führten Valerie Faris und Jonathan Dayton, jenes Ehepaar, das uns schon die goldige Little Miss Sunshine geschenkt hat. Offensichtlich verstehen sich die zwei auf Herzerwärmendes.
 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. pygmalion hat schon häufig gelungen unterhalten. mal sehen ob 2012 dem stoff etwas neues hinzufügt.

    2 Leserempfehlungen
    • keibe
    • 26. November 2012 21:18 Uhr

    beschreibt er doch in profanen und doch so wissenden Worten; etwa:

    "Calvin verkriecht sich unter dem Schreibtisch."

    die Seelenlage des heutigen, modernen Mannes. ;-)

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte John Malkovich | Komödie | Olympia
Service