Filmfestival RomViele Nackte, aber kaum Neues

Junge Menschen beim Reden, Vögeln und Skateboarden: Regisseur Larry Clark filmt, was er immer filmt, und gewinnt damit den Hauptpreis des höhepunktarmen Festivals in Rom. von Sebastian Handke

Der Regisseur Larry Clark erhielt den Hauptpreis des Filmfests für seinen Film "Marfa Girl".

Der Regisseur Larry Clark erhielt den Hauptpreis des Filmfests für seinen Film "Marfa Girl".  |  © Elisabetta Villa/Getty Images

Sieben Jahre geht das nun schon so. Roms neues Filmfest macht dem alten in Venedig Konkurrenz, mal mehr, mal weniger offen. Anfangs fuhr man Venedig noch mit Aplomb in die Parade, später eher verhalten. Denn schon im dritten Jahr wurde Roms Cinemafest vom neu gewählten Bürgermeister Gianni Alemanno aus politischer Ranküne fast ruiniert. Seither hat es zu kämpfen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Doch alles scheint wieder offen seit Marco Müller in diesem Jahr als Festivalleiter von Venedig nach Rom wechselte. Kein Zweifel: Das Film-Establishment in Rom will Venedig das Wasser abgraben. Wird nun ausgerechnet Müller, mit seinen 34 Jahren Erfahrung und exzellenten Verbindungen, zur Schlüsselfigur?

Er hatte nur vier Monate Zeit. Zu wenig, um das Festival umzukrempeln. Müller hat es dennoch drastisch entschlackt und Gewohnheiten aus Venedig mitgebracht. Die Überraschungsfilme etwa. In Rom waren es jetzt Johnny Tos Drugwar und Back to 1942 von Feng Xiaogang, ein gewaltiges Epos über eine vergessene Hungersnot, die während des Zweiten Weltkriegs drei Millionen Menschen das Leben kostete. Xiaogang gelang der Film erst im vierten Anlauf, viele Jahre lang scheiterte er an Chinas Zensur. Nun wird 1942 dort in 8.000 Kinos starten. Doch die Geschichte zweier Familien, die auf der Flucht vor dem Hunger fast vollständig ausgelöscht werden, rührt erstaunlich wenig und der nordchinesische Humor, dessen der Regisseur sich rühmt, bleibt dem Uneingeweihten verborgen.

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1942 ist leider typisch für diesen Jahrgang: Wenig Feuer, viel Mittelmaß. Leuchtende Augen unter den Akkreditierten gab es nach Bullet to the Head von Walter Hill, ein B-Movie mit Sylvester Stallone . In den ersten beiden Jahren hatten noch Martin Scorsese und Francis Ford Coppola ihre Filme in Rom uraufführen lassen.

Auch Festivalveteranen wie Larry Clark ( Kids ) enttäuschten. Clark kann zwar nichts dafür, dass sein einst radikaler Stil tausendfach kopiert wurde. Aber es reicht dann eben nicht, wenn er sich für Marfa Girl nur einen neuen Ort sucht – auch wenn dieser Ort, das Grenzland zwischen USA und Mexiko, eine interessante Wahl ist. Das Licht ist anders, ansonsten wie gehabt: Junge Menschen beim Reden, Vögeln und Skateboardfahren. Marfa Girl wirkt nicht authentisch, sondern halbherzig und halbfertig. Er gewann trotzdem den Hauptpreis.

Es wurde überhaupt viel kopuliert. Wer sich nach Marfa Girl noch Peter Greenaways Goltzius and the Pelican Company und Alexey Fedorchenkos Celestial Wives Of Meadow Mari ansah, dürfte gut drei Dutzend nackte Menschen beobachtet haben bei körperlicher Betätigung zum Zwecke des Vergnügens.

Greenaways Filme finden ja kaum noch außerhalb seiner Gemeinde statt; auch er wiederholt sich allzu oft. Goltzuis aber, über eine Theatergruppe im 16. Jahrhundert, deren Aufführung erotischer Bibel-Szenen am Hofe des Markgrafen von Elsass aus dem Ruder läuft, ist herrlich anspielungsreich, ironisch, schön anzusehen.

Fedorchenko bezeichnet seinen Film als das Dekameron der Mari, eine finnisch-urgische Volksgruppe, die einst in den Ural flüchtete, um der Christianisierung zu entgehen. In 22 erotischen Frauenportraits führt uns der russische Filmemacher ihre eigentümliche Welt vor Augen: Ein mal schillerndes, mal geheimnisvolles, mal ausgelassenes Mosaik aus Liebe, Tod und heidnischer Magie.

Goltzius und Celestial Wives gehörten zu den wenigen Filmen, die einlösten, was man sich von Marco Müller verspricht: cineastisches Vergnügen. Müller hatte dafür im Maxxi, dem 2010 eröffneten Museum für Gegenwartskunst, die neue Nebenreihe "Cinemaxxi" eingerichtet.

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unpassende Vergleiche. Danke. Die Redaktion/kvk

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