Film "In ihrem Haus"Wenn du schreibst, dass du begehrst, musst du begehren

Ein literarisch begabter Schüler und sein voyeuristisch veranlagter Lehrer gehen eine unheimliche Mesalliance ein in François Ozons neuem Thriller "In ihrem Haus". von Birgit Roschy

Claude (Ernst Umhauer) und Esther (Emmanuelle Seigner)

Claude (Ernst Umhauer) und Esther (Emmanuelle Seigner)  |  © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

"Pizza und Handy!", stöhnt Lehrer Germain, denn mehr fällt seinen pubertierenden Schülern während der Klassenarbeit zum Thema Freizeit kaum ein. Nur einer unter den Aufsätzen "Wie ich mein letztes Wochenende verbracht habe" fällt aus der Reihe. Der stille Hinterbänkler Claude beschreibt, wie er das Haus seines Klassenkameraden Raphaël beobachtet und wie es ihm gelingt, sich mit Mathematik-Nachhilfestunden für Raphaël Zugang zu dessen Familie zu verschaffen.

Germain, schockiert über den Voyeurismus und die abfällige Tonart des Textes, nimmt den 16-Jährigen ins Gebet – und ist doch angefixt von dessen leicht perverser Schreibe, die mit einem frechen "Fortsetzung folgt" endet. Tatsächlich legt ihm der zarte Jüngling wenig später ungefragt den nächsten Bericht über sein fortschreitendes Einnisten in die Familie vor. Germain weist ihn nicht zurück, sondern beginnt, ihn zu korrigieren. Damit treibt er das Früchtchen, das zweifellos Schreibtalent besitzt, im Namen der Literatur zu weiteren Aktionen.

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François Ozon ist das Wunderkind unter den französischen Filmemachern, das jedes Register – Musical, Psychothriller, Komödie – virtuos beherrscht. Bekannt wurde er in Deutschland mit dem Filmdrama Tropfen auf heiße Steine , einer großartigen Version eines Theaterstücks von Rainer Werner Fassbinder .

In seiner neuen Tragikomödie verhalten sich Realität und Fiktion wie kommunizierende Röhren. Die Machart erinnert an seinen doppelbödigen Erfolgsfilm Swimming Pool , ist aber mit ihrem auf leisen Pfoten daherkommenden Terror noch ausgebuffter.

Der begabte Claude, ebenso süchtig nach dem Feedback seines Mentors wie dieser nach Claudes Life-Fortsetzungsroman, nimmt sich Germains Privatlektionen zu Herzen. Ganz im Sinne der im französischen Unterricht so beliebten exercices de style belehrt Germain seinen Schüler nicht nur über Grammatik und Stilistik, sondern krittelt auch am Inhalt herum, verlangt etwa, dass Claude "den inneren Konflikt der Figuren" fassbarer machen solle. Folgerichtig versucht Claude die latenten Probleme dieser äußerst durchschnittlichen Familie zu "dramatisieren". Er macht sich etwa Liebkind bei Raphaëls Vater und erweckt die Eifersucht seines Klassenkameraden. Und er versucht, angeregt von Germains Lektüre-Empfehlungen, dessen Maman näher zu kommen, die "den typischen Duft einer Frau aus dem Mittelstand" verströmt, wie er schreibt.

Ist die reizende Esther (Emmanuelle Seigner), die melancholisch in Wohnzeitschriften blättert und stolz auf ihre Paul-Klee-Drucke ist (ob eine Mittelklasse-Hausfrau Klee-Bilder aufhängt, ist ein vieldiskutiertes Thema zwischen Germain und Claude), eine zweite Madame Bovary ? Oder entspringt der leidenschaftliche Kuss, den Claude mit ihr tauscht, nur seiner romanesken Fantasie? Man geht eben nicht ungestraft auf ein Lycée Gustave Flaubert. Unweigerlich werden auch Germain und seine Mitleserin, Gattin Jeanne, in Claudes literarischen Mahlstrom hineingezogen; der Zuschauer sowieso.

Leserkommentare
  1. ...klingt sehr interessant. Gute Rezension.

    • Zenbote
    • 28. November 2012 23:48 Uhr

    Ich finde es gehört zum guten Stil den Originaltitel anzugeben, sofern es sich nicht um eine deutsche Produktion handelt.

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  • Schlagworte Film | Rainer Werner Fassbinder | Patricia Highsmith | Woody Allen
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