Wer sich immer noch fragt, was halbwüchsige Mädchen in Scharen in die Twilight-Filme treibt, sollte sich ohne Scheuklappen die fünfte und letzte Folge anschauen. Zwar ist die Handlung weitgehend eine Spiegelung von Film 4.1., in dem die Werwölfe rumheulten, weil Bella ein Vampir-Balg zur Welt brachte. Im Finale nun reist die Beißer-Elite der Volturi aus ihren Palästen in Volterra an die verschneite Pazifikküste, um – aufgrund nicht weiter interessierender vampirischer Prinzipien – das Kind und die aufsässigen Westcoast-Blutsauger in einem Aufwasch zu vernichten. Mit einem als "Bobby Ewings Traum" bekannt gewordenen erzählerischen Kniff wandelt sich der wüste Showdown zum "Happy Ever After".

Das eigentliche Ereignis ist nicht der Schlagabtausch zwischen reaktionären und liberalen Vampiren, sondern Bellas Metamorphose zur Superfrau, hinter der ihre Mitspieler verblassen. Der ohnehin nichtssagende Robert Pattinson zieht sich auf die Rolle des romantischen Lovers und Kümmerers zurück, Wolfi Lautner reißt sich nach gefühlten drei Minuten das Hemd vom Hardbody und spielt Babysitter für Bellas Tochter. Das wars.

Nun, da Bella nicht mehr ständig gerettet werden muss, darf Kristen Stewart beweisen, dass sie mehr kann, als einen Schmollmund ziehen und ihre Haare zu schnicken. Die schmale Person verkörpert die Wandlung vom fragilen Teenie im Hoodie zur heißen Braut mit einer sinnlichen Grandezza, die Stephenie Meyers Prüderie Lügen straft.

Denn es ist ja nicht nur so, dass Bella im Sinne einer Spießerinnen-Fantasie alles kriegt: den tollen Typ, das schnuckelige Haus, die Kleiderkammer voller Designerroben, das Wunderkind, unbegrenzte Mittel von irgendwoher. Der Vampirbiss in Teil 4 hat ihr auch ewige Jugend verliehen. Das Haar wallt wie in einer Werbung für Volumenhaarspray, der pickelfreie Teint ist von gefotoshopter Porzellanhaftigkeit. Der hypnotisierende Blick, cool und feurig zugleich, hervorgerufen durch rote, Pailletten besetzte Kontaktlinsen, erinnert an die von Belladonna geweiteten Pupillen von Renaissance-Schönheiten.

Was äußerlich an die devoten Stepford Wives-Automaten erinnert, verkehrt sich durch Bellas animalische Ausstrahlung ins Gegenteil. Ihre geschärften Sinne und neuen Superkräfte sorgen nicht nur für titanischen Sex, sondern lassen sie die testosteronstrotzenden Cullen-Jungs im Armdrücken besiegen. Ihr mentaler Schutzschild hält gar Volturi-Obermacker Aro, vom Waliser Michael Sheen wie gehabt mit schmieriger Kinderschänder-Attitüde gespielt, auf Distanz. Superschön, supercool und superstark: wenn das kein Identifikationsangebot für die pubertär gebeutelte Zielgruppe ist!

Dass das zarte Reh es faustdick hinter den Öhrchen hat, bewies nicht erst die "Twipokalypse", Stewarts Affäre mit Rupert Sanders, dem Regisseur des gepimpten Märchenfilms Snow White and the Huntsman, der das Traumpaar Pattinson /Stewart zu entzweien drohte. Kristen Stewart begann ihre Karriere bereits mit acht Jahren, fand schnell Arbeit in hochklassigen Produktionen und fiel zum Beispiel als Tochter von Jodie Foster im Thriller Panic Room (2002) auf.

Erotischen Jagdinstinkt bewies sie erstmals im Aussteigerdrama Into the Wild (2006), in dem sie als stille Fünfzehnjährige den Filmhelden zäh belagert – und ihn mit ihren verschleierten Katzenaugen so ins Schwitzen bringt wie später nur Edelvampir Edward. Der Nachwuchsstar, in den USA in Charakterrollen vielgelobt, war hierzulande außerdem in zwei ungewöhnlichen Independent-Filmen zu sehen, die im Zuge des Twilight -Hypes ins deutsche Kino fanden, aber fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit liefen. Schon im Südstaatenroadmovie Das gelbe Segel , in dem sie eine 15-jährige Streunerin spielt, ist ihr Augenaufschlag waffenscheinpflichtig. In Willkommen bei den Rileys mimt sie eine blutjunge Hure, die von einem tatkräftigen Handwerker – James Gandolfini – ganz ohne Hintergedanken väterlich unter die Fittiche genommen wird. Schließlich ist sie in der Verfilmung des legendären Beat-Epos On the Road als 16-jährige Ehefrau von Dean Moriarty ein steter Quell der Inspiration für Sal Paradise aka Jack Kerouac . Als zügelloser und oft nackiger Man-eater Marylou streift sie die Twilight -Prüderie radikal ab.

Stewarts Angesagtheit ist umso erstaunlicher, als sie im Kreise anderer Jungschauspielerinnen wie ein Mauerblümchen wirkt. Sie ist die kleine Stille auf der Party, die stets mit dem begehrtesten Junggesellen nach Hause geht. Weniger vulgär als die Konkurrenz im Brünettenfach, Megan Fox , die sich auf die Präsentation sekundärer Geschlechtsmerkmale kapriziert hat (und als Vampir in Jennifer's Body floppte), femininer als der draufgängerische Tomboy Ellen Page (Juno), ist Kristen Stewart eine Kinoheldin vorrangig für weibliche Fans. Als solche spielt sie mit ihrer abwechselnd kratzbürstigen, verletzlichen und sinnlichen Ausstrahlung bisher in ihrer eigenen Liga. Nun hat ihr der Regisseur Bill Condon in Bis(s) zum Ende der Nacht 2 eine Szene beschert, die in die Annalen der Filmgeschichte eingehen dürfte. Auf der Jagd nach Blut lässt er die junge Dame in einen Puma beißen. Lebe wild und gefährlich!