Musical "Rocky"Eine Boxfilmlegende als Glücksfall

Kann aus der maulfaulen Boxfilmlegende Rocky ein Musical-Held werden? Die Hamburger Inszenierung ist ein unwahrscheinlicher Glücksfall, findet Kai Müller. von Kai Müller

Rocky hat alles dafür getan, Weltmeister zu werden. Er hat im Kühlhaus auf Rinderhälften eingedroschen, er hat rohe Eier getrunken, ist morgens um vier durch die Winterkälte seiner Heimatstadt Philadelphia gerannt, hat sich verhöhnen lassen und Blut gespuckt. Nur singen musste er bisher nicht.

Von Boxern sagt man, dass sie lieber alles andere geworden wären als Boxer, wenn sie nur irgendein nützliches Talent besessen hätten. Und obwohl einige Champions große Poeten geworden sind, mangelt es ihrem Dasein doch sehr an der passenden Harmonie. Boxer sind eben nur ihre Körper, wie Wolf Wondratschek meint. Alles dreht sich darum, dass dieser Körper Schläge einstecken und stark genug sein muss, welche auszuteilen. Ihn nach einer solchen Tortur mit einem Handtuch über der Schulter vor seinem Spind sitzen und ein Lied über sein Unglück singen zu sehen ist einfach nur lächerlich. Oder etwa nicht?

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Dass Rocky, der tumbe Kämpfer, eine Seite hat, die so viel emotionale Extravaganz zulassen würde, entsprang vermutlich nur einer vagen Vorstellung, als vor sieben Jahren die Arbeiten zu einer Musicalversion von Rocky begannen. Wie sollte ein vom Leben abgeschlagener Bursche wie dieser Rocky Balboa, mit dem der in Hollywood abgeschlagene Schauspieler Sylvester Stallone die Figur seines Lebens geschaffen hatte, der kaum einen Satz geradeheraus sprechen konnte, der seine Hände tief in den Hosentaschen vergrub und mit seiner schiefen Visage wie der geborene Verlierer aussah, wie sollte aus dem ein Sänger werden?

Rocky, das Musical, jedenfalls ist ein kleiner Glücksfall. Es immer machen zu wollen, war ja nur die eine Sache. Die andere, schwierigere, bestand darin, es mit einem Mythos aufzunehmen, dessen Ursprünge längst verblasst waren im grellen Licht der symbolischen Überhöhung. Aber die Macher sind sich dessen bewusst geblieben. Sie inszenieren ihre geistreiche, eben nicht für den New Yorker Broadway, sondern für die Hamburger Reeperbahn konzipierte Show in dem Wissen, dass es Wichtigeres gibt als Showeffekte. Dass sich unweit des TUI Operettenhauses die Ritze befindet, das berüchtigte Boxer-Lokal, in dem "Der schöne René" Weller verkehrte. Und dass es noch immer Knochenbrecher wie Rocky in dem Amüsierviertel gibt, die als Boxer angefangen haben, Geldeintreiber wurden und als Schläger enden.

Als sich Sylvester Stallone selbst – so viel sei vorweggenommen – am Abend der Medienpremiere einem begeisterten Publikum zeigte, sagte er: "This is not about me", das Stück handele nicht von ihm, "it’s about the Rocky in all of us. You always want the best for yourself." Das klang natürlich wunderbar amerikanisch. Der Rocky in jedem. Und wollen wir nicht alle nur das Beste für uns erreichen? Jep, klar.

Aber da ist das Problem, dass in Hamburg nicht einer so sehr an den amerikanischen Traum glauben würde, wie Rocky das fünf Kinofilme lang getan hat. Dass jeder Mensch eine Chance verdient hat – wer glaubt das schon in der "unbarmherzigen und uneinsichtigen Welt eines kleinen, feinen Sozialstaats", in dem nach Wondratscheks Worten noch jeder Rocky kleingemacht worden ist? Ob er nun Richard "der Prinz von Homburg" Grupe oder Graciano "Rocky" Rocchigiani heißt? Rocky, die Musical-Figur, muss die Sympathie der Deutschen anders erringen.

Mich hat er mit seinem ersten Song gekriegt. Rocky, gespielt von Drew Sarich, der Stallones eigenwilligen Körperschwung wunderbar nachahmt, hat da bereits einen ersten Fight überstanden. Hat einen Gegner bezwungen, den der Chef des Box-Gyms, Mickey, seiner für unwürdig hält. Rocky steht also mal wieder ohne Anerkennung da, und bald auch ohne Spind, denn Mickey wird ihn vor die Tür setzen. Und was tut Rocky? Er singt den beiden Schildkröten zu Hause ein tölpelhaftes, herrliches Lied über seinen Stolz. Es mündet in der Zeile: "Die Nase hält noch."

Leserkommentare
    • UP
    • 19. November 2012 19:38 Uhr

    Glückwunsch Hamburg, erneut ein sehr unterhaltsames Musical als moderne Version dieses Film-Klassikers in die Hanse-Metropole geholt zu haben. Von der Londoner Version des Musicals hört man viel Gutes... Ich freue mich sehr darauf!!!

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