"The Untold History of the USA"Die Geschichte mal eben zurechtrücken

Der Regisseur Oliver Stone will mit einer TV-Serie den Überlegenheitsmythos der Amerikaner zerlegen. Dafür macht "The Untold History of the USA" die Falschen zu Helden. von 

Der Autor und Regisseur Oliver Stone bei einer Filmpremiere im Juni 2012

Der Autor und Regisseur Oliver Stone bei einer Filmpremiere im Juni 2012  |  © Reuters/Danny Moloshok

Oliver Stone hatte nie Scheu, sich an große Themen zu wagen. Er machte Filme über den Mord an John F. Kennedy (JFK) , über Vietnam ( Platoon , Zwischen Himmel und Hölle) , die Wall Street und die Anschläge des 11. September ( World Trade Center) . Nun hat sich der Regisseur nichts weniger vorgenommen, als die wirklich wahre amerikanische Geschichte zu erzählen. Gemeinsam mit Peter Kuznick, Geschichtsprofessor an der American University in Washington , schrieb Stone das fast 800 Seiten starke Buch The Untold History of the USA – und produzierte dazu eine gleichnamige, zehnteilige Serie für den Premiumkanal Showtime, die am späten Montagabend anlief.

Die Serie beginnt dramatisch mit der Entwicklung der Atombombe in der Wüste von New Mexico, die später über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurde. In der klassischen amerikanischen Geschichtsschreibung war der Atomangriff angeblich nötig, um Japan zur Kapitulation zu zwingen und so Millionen von US-Soldaten zu retten. Keineswegs, meinen Stone und Kuznick: US-Präsident Harry S. Truman habe die beiden Bomben auf Japan geworfen, um Stalin zu zeigen, das die USA vor keiner Grausamkeit zurückschrecken würden. Überhaupt, so erzählt es die erste Folge von The Untold History, sei Truman ein kurzsichtiger, schwächlicher Sadist gewesen, getrieben von lebenslangen Minderwertigkeitskomplexen, die ihm sein brutaler Vater eingepflanzt habe.

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Schon damit berühren die Autoren ein Tabu. Für viele Amerikaner ist der Zweite Weltkrieg der einzige "gute Krieg", der ihnen geblieben ist. Korea, Vietnam und Irak waren kostspielige Desaster, der Erste Weltkrieg interessiert nur noch Historiker. Die beiden legen den Finger auch in andere Wunden, etwa die Kollaboration von amerikanischen Industriekonzernen wie Ford , General Motors, IBM und Standard Oil mit den deutschen Nationalsozialisten. "Krieg ist Geschäftemacherei", sagte Stone dazu bei der Vorstellung des Buchs zur Serie am vergangenen Samstag. Er zitiert damit Smedley Butler, einen hochdekorierten US-General, der schon 1935 in seinem Buch War is a Racket vor dem warnte, was man heute den "militärisch-industriellen Komplex" nennt.

Den Mythos des American Exceptionalism dekonstruieren

Die Autoren haben durchaus persönliche Motive für ihre historische Intervention: Seine Kinder würden in der Schule Falsches über die Geschichte der Welt lernen, so Stone. Kuznick ergänzt, dass viele seiner Studenten glaubten, im Vietnamkrieg seien nur 100.000 Vietnamesen umgekommen – tatsächlich waren es 3,8 Millionen. Auch heute werde Geschichte täglich umgeschrieben, wenn es etwa derzeit in den Medien heiße, Petraeus sei der General , der den Irakkrieg gewonnen hat.

Aber den beiden Kritikern geht es um mehr als Pädagogik. Stone und Kuznick wollen mit The Untold History of the USA den Mythos des American Exceptionalism dekonstruieren. Zwar sei Amerika nicht das einzige Land, das seine Geschichte verherrliche. "Aber nur Amerika hat die Macht, anderen Ländern seine Fantasien aufzuzwingen", so Stone. Mit mehr als 800 Militärbasen in Übersee kontrolliere Amerika die Welt militärisch vom Weltraum aus "wie Gott im Himmel".

© Gallery Books 2012

Die Version der Wahrheit, die die beiden erzählen, hört sich in der Konsequenz allerdings häufig an wie die Geschichtsstunde eines DKP-Lehrers. Es werden 27 Millionen russische Tote im Zweiten Weltkrieg erwähnt, nicht aber, dass diese Zahl auch Millionen von zwangsrekrutierten Nicht-Russen und Menschen einschließt, die Stalin in Gulags ermorden ließ. Auch ist von sechs Millionen deutschen Opfern die Rede, statt von zehn bis zwölf Millionen. Die im Krieg gefallenen Österreicher rechnet die Serie gar zu den Alliierten.

Überhaupt ist Stalin für die Autoren der Held des Zweiten Weltkriegs. Seine Kriegsverbrechen kehren sie entweder unter den Teppich oder entschuldigen sie; angefangen mit dem Hitler-Stalin-Pakt bis zur sowjetischen Invasion Polens. Stone versteigt sich zu der These, Stalin habe niemals die Absicht gehabt, Osteuropa zu besetzen. Historisches Fotomaterial von heldenhaften Sowjetsoldaten, ratternde Maschinen-Gewehre und Schostakowitsch-Musik lassen The Untold History of the USA gelegentlich wie ein DDR-Propagandafilm wirken.

Leserkommentare
  1. sie können doch als Autor dieses Artikel Stone doch nicht einerseits eine einseitge Darstellung vorwerfen wenn sie genau das Selbe tun.
    Es ist durchaus streitbar ob es nötig war die Bomben abzuwerfen oder nicht.

    "Aber letztlich will die Stalin-Verehrung der beiden Autoren vor allem den Antikommunismus von Joe McCarthy bis Ronald Reagan revidieren."

    Sie behaupten also das Oliver Stone in seinem Herzen ein tiefer Kommunist ist und den Massenmörder Stalin tief verehrt ? Da haben die Fakten in Stones Serie aber deutlich mehr Seriösität als die Aussage. Sie verspielen ihre Glaubwürdigkeit wenn sie so tun als wenn im WKII von den Alliierten massive Propaganda eingesetzt worden ist. Während des Krieges und auch danach. DEr Vorlauf des Irakkrieges ? Ich bitte sie. Es wurde schon immer massiv gelogen und manipuliert, nur heute ist es eben nicht mehr so einfach zu verstecken, im Zeitalter des Internets und der Smartphones.

    "Es werden 27 Millionen russische Tote im Zweiten Weltkrieg erwähnt, nicht aber, dass diese Zahl auch Millionen von zwangsrekrutierten Nicht-Russen einschließt, die Stalin in Gulags ermorden ließ."

    Ich glaube weiterhin nicht, dass es der beste WEg ist Stone zu entkräften in dem sie Zahlen über Todesopfer gegeneinander aufrechnen. Es gab nie immer nur gut und böse. Der gute Westen gegen den Bösen Osten. Stone regt die Diskussion an. So wie auch mit dem JFK Film .Ich halte das für gut und wichtig da er sehr viele Menschen erreicht.

  2. Ok. Gebe zu ich hab mich verlesen.

  3. Es gibt ein paar Indizien, die nicht gerade für Truman sprechen.

    1. VOR den Bomben gab es Kapitulationsverhandlungen in denen durchkam, dass die einzige ernsthafte Bedingung die Erhaltung des Kaisertums war (sicher damit Japan sein Gesicht formal wahren konnte). Und NACH den Bomben durften die Japaner den Tenno behalten.
    2. In Trumans Tagebüchern aus der Zeit spielt das Motiv "Rettung von Soldatenleben" eine untergeordnete Rolle neben "Rache für Pearl Harbor" und "Einschüchterung der Sowjets".
    3. Die Zahlen, wie viele amerikanische Soldaten bei einer Invasion draufgegangen wären wurden damals bei einigen hunderttausend veranschlagt. In den Jahren danach (als der Horror der Bomben ersichtlich wurde) ist diese Zahl urplötzlich auf Millionen angestiegen.

    Antwort auf "Stone"
  4. Bereits vor den Atombomben wurde die Forderung nach Kapitulation des Tenno aufgegeben. In der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli 1945 steht nur noch die Forderung nach Kapitulation der japanischen Streitkräfte.
    Die Japaner haben durchaus nicht gleich nach der ersten Atombombe kapituliert sondern erst ein paar Tage später nach der zweiten. Und zwar in Bezugnahme auf die Potsdamer Erklärung.

    Es ist sowieso unklar ob die Japaner überhaupt alleine wegen der Atombomben kapituliert haben, denn zur gleichen Zeit ist auch noch Russland in den Krieg mit Japan eingetreten.

    Harry S. Truman stand unter Zeitdruck denn Stalin war dabei weite Teile Asiens unter kommunistischen Einfluss zu bringen. Als Folge davon sind China und Nordkorea bis heute kommunistisch. Auch der Koreakrieg war schon in den letzten Tagen des 2 Weltkriegs vorgezeichnet.

    Eine Invasion Japans mit anschliessendem Bodenkrieg hätte sich noch einige Monate hingezogen in denen Stalin freie Hand gehabt hätte.

    Zudem hätten die USA Truppen aus Europa abziehen müssen um in Japan einen Bodenkrieg zu führen. Wer hätte dann Stalin daran gehindert bis Paris zu marschieren? Oder wer hätte Stalin daran gehindert sich mehr als die Kurilen Inseln von Japan anzueignen?

    Truman hatte viel weniger Spielraum als die meisten Leute glauben. Und der einzige Trumpf den er in der Hand hatte waren zwei Atombomben.

    Ich denke nicht das es angebracht ist die Geschichte auf persönliche Motive Trumans zu vereinfachen.

    • jabee
    • 16. November 2012 15:41 Uhr

    Leider ist dem Autor hier ein Fehler unterlaufen. Bei der Aufzählung geht es um die Länder, die mehr oder weniger identische Opferzahlen hatten und nicht zu welcher Seite sie gehörten. Unter anderem wird auch Italien mit aufgezählt.

    • vdploeg
    • 17. Oktober 2013 17:12 Uhr

    Die Serie ist frei im Web zu sehen und eine sensationelle Doku. Man sollte weniger spekulieren als sie sehen.
    Der A-Bombenabwurf war natürlich ein Verbrechen gegen die Menschheit. Japan wollte den Tenno behalten, was sie letztendlich durften und was den Amis auch klar war, aber dennoch warfen sie die Bomben (in zwei Städten, die vom Krieg relativ verschont gewesen blieben, damit man jungfräuliches Terrain hatte um die Wirkung zu sehen). Bevor Japan überhaupt klar war (keine Kommunikation) fiel schon die zweite. Anderer Typ, man wollte halt beide ausprobieren.
    In der Serie geht es doch v. a. darum zu spekulieren, wie sich die USA mit Wallace als Vize, der nach dem Tod Roosevelts Präsident geworden wäre, entwickelt hätte. Hätte dann auch dieser Absolutismus des Kommunistenhass, Aufrüstung bis zum Abwinken bei gleichzeitiger Rückführung sozialer Programme stattgefunden? Wären die USA trotzdem so aggressiv geworden und hätten in Iran, Irak, Vietnam, Laos, Kambodscha, Mittel-und Südamerika etc. pp. eingegriffen und menschenverachtende Diktatoren unterstützt um sich gegen die Gefahr des Kommunismus zu "schützen", die sie teilweise selbst provoziert und kreeiert haben.
    Kurz, was wären die USA heute für ein Land? Der alles überwachende Hegemon oder eine freie soziale und funktionierende Demokratie?
    Stalins Gulags spielen bei dieser Überlegung überhaupt keine Rolle. Stone weiss auch dass die existierten, aber es ist die Untold History of US und nicht of the world.

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  • Schlagworte Geschichte | Oliver Stone | Ford | Harry S. Truman | Ronald Reagan | Alliierte
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