Raabs Polit-ShowEin willkommenes Element der Mitbestimmung

Stefan Raabs Show "Absolute Mehrheit" hat schon vor der Premiere den Politikbetrieb aufgerüttelt. Das zeigt, dass diese Show notwendig ist, kommentiert Carolin Ströbele. von 

Jetzt hat sich also auch noch der Bundestagspräsident zu Wort gemeldet. Die neue Politshow Absolute Mehrheit von Stefan Raab sei "absoluter Unfug", sagte Norbert Lammert dem Westfalen-Blatt . "Wer Geld für Meinungen aussetzt, bestellt Meinungen für Geld."

In Raabs Show, die am Sonntagabend auf ProSieben Premiere hat, sollen die Zuschauer per Telefon und SMS abstimmen, welcher Talkgast – vor allem Politiker – sie am meisten überzeugt. Erreicht einer der Gäste in der Finalrunde mehr als 50 Prozent der Anrufe – die titelgebende "absolute Mehrheit" – gewinnt er 100.000 Euro.

Doch Vorsicht: Hier wird keineswegs Meinung für Geld bestellt. Denn jeder Fernsehzuschauer tippt immer noch selbst in sein Telefon und hat im Normalfall kein Interesse daran, die Nebeneinkünfte der Herren Altmaier, Beck oder Oppermann aufzustocken.

Auch der Vorwurf, dass hier Menschen Geld dafür bekommen, wenn sie ihre Meinung über ein politisches Thema möglichst plakativ kundtun, fällt schnell in sich zusammen. Schließlich ist das – salopp gesprochen – die Berufsbeschreibung eines Politikers. Und niemand wird wohl ernsthaft behaupten, dass ein Abgeordneter wegen des Preisgeldes in die Show gehen wird.

Carolin Ströbele
Carolin Ströbele

Carolin Ströbele leitet die Ressorts Kultur, Lebensart und Reise bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier

Raab hat mit seinen Sendungen zum Eurovision Song Contest bewiesen, dass er das Element der Mitbestimmung in ein Unterhaltungsformat integrieren kann. Es ist ihm deshalb zuzutrauen, dass er seine Professionalität in der neuen Sendung ebenso ausspielen wird, auch wenn es dort um die Energiewende geht statt um rhythmisches Klopfen.

Es ist ein leidiger Reflex, von Fernsehzuschauern – noch dazu von denen von ProSieben – immer nur stumpfe, voraussehbare Reaktionen zu erwarten. Doch es ist gar nicht ausgemacht, dass die Raab-Zuschauer immer die krawalligste Meinung goutieren und blindlings dem Diskutanten folgen werden, der am meisten auf den Tisch haut.

Eine der Ursachen für die Politikverdrossenheit ist doch, dass niemand mehr das Auf-den-Tisch-Hauen der üblichen Jauch-Will-Beckmann-Maischberger-Plasberg-Illner-Garde ernst nimmt. Das mediale Poltern ist schon längst kein Aufreger mehr. Natürlich kann Raabs Konzept trotzdem auf großer Linie scheitern. Aber der Entertainer hat zumindest den Mut, gegen die öffentlich-rechtliche "Talkshow-Mehrheit" anzustänkern.

Günther Jauch , dessen Sendung sonntags künftig parallel zu Raabs Absoluter Mehrheit läuft, sollte sich also freuen. Es wird am 11. November sicher viele Wechsel-Gucker geben, die beide Shows vergleichen. Wer aber die Wechselwähler nicht im Auge behält, das lehrt die Politik der vergangenen Jahre, der kann einpacken.

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Leserkommentare
  1. Auch wenn der Entertainmentfaktor bei mir aufstößt, bin ich auf die Sendung gespannt.

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    Sehe ich auch so. Die bekannten Polittalkshows nerven mich mittlerweile extrem an. Immer die gleichen Gäste. Ganz ehrlich, zu 10 verschiedenen Themen können doch nicht immer zwei identische Gäste vorhanden sein, oder?

    Eine Abwechslung wird das so lange sein, bis klar wird, dass wie z. B. bei "Wetten dass..." immer die Kinderwette Wettkönig wird.

    Massengeschmack ist nicht nur bei politischen Detailfragen leicht ausrechenbar. Raab macht sich hier einen Spaß daraus, die direkte Demokratie vorzuführen.

    Ich meine, besser Raab macht das, bevor es "in echt" und womöglich bei tatsächlich wichtigen Fragen ausprobiert wird.

    • hairy
    • 09. November 2012 15:20 Uhr

    Notwendig? Schwerlich. Wird die Sendung die Politik verändern? Schwerlich. Wird man die Meinung der anrufenden Zuschauer als meinungsforschungsrelevant bezeichnen können? Schwerlich.

  2. Mich hat die Argumentation nicht überzeugt.

    Der gesamte Kontext, die Art der direkten ›Belohnung‹ für besonders tolle (ober nett präsentierte) Ansichten, die Illusion, dass Demokratie etwas bequemes, ein Spektakel ist und der Moderator, dem ich keineswegs politische Ambitionen zutrauen möchte. All dies passt weder zusammen, noch sind es die Zutaten für gehaltvolle politsche Aussagen.

    Es bleibt fade Unterhaltung mit starken Aufmerksamkeitsbedürfnis.

    Die Verweigerung eines Fernsehers erweist sich immer wieder als gute Entscheidung.

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    Merke:
    Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion zum Thema Fernsehen nähert sich die Wahrscheinlichkeit für die Aussage "Fernsehen ist sowieso Schrott und ich habe selbst schon seit Jahrzehnten keinen Fernseher mehr" dem Wert Eins an.

    Hier hat es immerhin bis zum dritten Kommentar gereicht, Hut ab.

    Ich schlage in Anlehnung an Godwin's Law hierfür die Bezeichnung Gottschalk's Law vor (englisch aussprechen, damit es kein Deppenapostroph ist).

    Allerdings kann ich mir nicht helfen: das Fernsehprogramm ist so überaus provokant und diskussionsfördernd, dass es Menschen wie mich zuverlässig aufs Neue zu derartigen Aussagen hinreißen lässt…
    Glücklicherweise sind diejenigen Kommentatoren, die unsereins auf inhaltliche Wiederholungen hinweist, ebenso zuverlässig zur Stelle.

    Im Übrigen freue ich mich auf die Vorstellung von solchen Sendeformaten, die mein verloren gegangenes Vertrauen wiederherstellen.

  3. braucht kein Mensch wirklich.

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive und differenzierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ds

  5. Die zentrale Ursache für Politikverdrossenheit ist, dass Politiker völlig unangemessen nach ihren Qualitäten als Showstars beurteilt werden. Verdrossenheit muss sich da zwangsläufig einstellen, weil sie den Job nicht können und auch nicht können müssen.
    Politiker machen Gesetze, keine Unterhaltung. Dass die Kulissen der Unterhaltungsindustrie inzwischen auch die politische Bühne dominieren, ist die eigentliche Ursache der Politikverdrossenheit. Und Raabs Sendung ist offenbar der momentane Höhepunkt dieser beklagenswerten Entwicklung.

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    Hätte ich etwas zu sagen, würde Ihr Kommentar eine Redaktionsempfehlung erhalten.
    Politik ist ein anstrengendes Geschäft. Auch wenn das manche, wie es in den Kommentaren hier auf ZEITOnline oft zum Ausdruck kommt, nicht so zu sehen scheinen. Aber Oberflächlichkeit, Show, Kritik um jeden Preis und gegen alles, dafür keine EIGENEN Meinungen und nicht einmal ein Ansatz für Lösungen, bleiben mir hoffentlich fremd.

    # Politiker machen Gesetze, keine Unterhaltung. Dass die Kulissen der Unterhaltungsindustrie inzwischen auch die politische Bühne dominieren, ist die eigentliche Ursache der Politikverdrossenheit. Und Raabs Sendung ist offenbar der momentane Höhepunkt dieser beklagenswerten Entwicklung. #

    Politik ist die Unterhaltungsabteilung der herrschenden Klasse.
    Wie die Abstimmung zum ESM und Fiskalpakt gezeigt hat, möchte die mehrheit der aktuellen Volksvertreter auch gar nichts politisch gestalten; "der Markt" bzw. informelle Klüngelrunden und Lobbyisten können das sicher auch viel besser.
    Was natürlich nicht heißt, dass die Abgeordneten nutzlos wären, nein, sie sind die Schauspieler des gegenwärtigen Demokratietheaters zur Unterhaltung des Pöbel.

    • Nest
    • 10. November 2012 16:54 Uhr

    Der Raab hat keine Angst, Leute vor den Kopf zu stoßen.
    Das lässt mich hoffen, dass er die beteiligten Politiker nicht mit den windelweichen Allgemeinplätzen davonkommen lässt, wie es in anderen Talkshows Sitte ist.
    Wenn ihm das gelingt, hat er der politischen Kultur schon einen Dienst erwiesen.

    • S0T86
    • 09. November 2012 15:38 Uhr

    Es steht zu erwarten, dass die Sendung das Twitterpendant zu den seriösen und differenzierten politischen Beiträgen wird (zu denen ich Jauch und co gar nicht zähle). Kurz, prägnant auf die Pauke. Das differenzierte politische Argument wird gar nicht mehr erwartet, weil es sich nicht "verkauft".

    Ich hätte gerne mehr politische Bildung, statt reduzierte Formate für den gelangweilten Konsumbürger.

  6. und Einnahmenträchtiger Quote.
    Ich glaube nicht, dass da komplexe, schwierige Themen sachlich rüberkommen.
    Die Söders und Westerwelles werden sich da inszenieren - fürs Geld vielleicht auch Hinterbänkler, die sich im Dschungelcamp noch geniert hätten - , komplizierte Sachverhalte werden auf grelle bis hochglänzende Schlaglichter und -worte entstellend und irreführend reduziert werden und das Publikum wird im wesentlichen nach dem Sankt-Florians-Prinzip abstimmen.
    Welcher ernsthafte Bürger hat schon Zeit und Phlegma, sich das, aufgeblasen mit Werbetrailern, anzutun?

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    Redaktion

    Lieber Spökenkieker,

    lassen wir die Runde doch erst mal diskutieren, bevor wir ihnen vorab jede Qualität absprechen. Vielleicht kann man sich von einem Stefan Raab mehr kritische Nachfragen erwarten als von manch anderem Talkshow-Kollegen.

    Grüße, Carolin Ströbele

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