Serie "Sons of Anarchy"Hamlet auf der Harley

Wie erklärt sich der Erfolg der amerikanischen Biker-Serie "Sons of Anarchy"? It's Shakespeare, Baby! von 

Sonnenuntergang, ein breiter Männerrücken in schwarzer Lederjacke, das Knattern der Harley, ein endloser Highway. Mit diesem Bild beginnt die Serie Sons of Anarchy , die jetzt in Deutschland startet. Es ist eine uramerikanische Szenerie, der Motorradfahrer, die moderne Variante des Cowboys, des lonely rangers . Filmisch haben ihn Dennis Hopper und Peter Fonda in Easy Rider verewigt. Sie waren die Gesetzlosen, die sich auf ihren schweren Maschinen gegen die Gesellschaft stemmten und ihren Traum nach Freiheit mit dem Leben bezahlten.

Erstaunlich, dass bisher niemand auf die Idee gekommen war, einen Motorradclub ins Zentrum einer Serie zu rücken. Kurt Sutter, Erfinder der Sons of Anarchy , hat einen guten Riecher bewiesen. Denn an kaum einer sozialen Gruppe lässt sich der Bruch zwischen dem amerikanischen Traum und der amerikanischen Realität so sinnfällig illustrieren wie an einer Rockergang.

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Sutters totenkopftragender Club Sons of Anarchy ist ein Kind der Siebziger, gegründet im sonnigen Kalifornien , in der Kleinstadt Charming. Doch von der Easy-Rider-Mentalität ist heute bis auf die "Anarchie" im Clubnamen nichts geblieben. Der Hippie-Gedanke ist der streng hierarchischen Struktur eines kapitalistisch orientierten Kleinstadt-Mobs gewichen. Die Biker spielen ihre Rolle der guten bösen Jungs, die irgendwie für Ordnung sorgen und harte Drogen von der Stadt fernhalten. Im Gegenzug verlangen sie, dass die örtliche Polizei bei ihren Waffenschiebergeschäften beide Augen zudrückt.

In den USA sind die Sons of Anarchy enorm erfolgreich, derzeit wird die sechste Staffel produziert. Die Serie passt in das gegenwärtige Amerika der Rezession und Desillusion, Helden sucht man hier vergeblich. Der harte Kern der "Sons" ist ein ziemlich trister Club alter Männer. Der Vietnam-Veteran Piney Winston trägt einen Sauerstoffschlauch in der Nase, der fettleibige Robert Munson verdient sich ein Zubrot als Elvis-Imitator, der Rest der Truppe besteht aus relativ unterbelichteten Gestalten aus dem white-trash -Milieu. Die Neulinge, p rospects , werden so lange gedemütigt, bis sie irgendwann den Sprung zum Mitglied geschafft haben und selbst nach unten treten können. Frauen kommen im Club nur als Serviererinnen vor, die den Motorradjungs jederzeit zu Willen sind.

Wer denkt hier nicht an Brad Pitt? Charlie Hunnam spielt die Hauptrolle des Jax Teller in "Sons of Anarchy"

Wer denkt hier nicht an Brad Pitt? Charlie Hunnam spielt die Hauptrolle des Jax Teller in "Sons of Anarchy"   |  © Jason Merritt/Getty Images

Zusammengehalten wird der Club von Clay Morrow (Ron Perlman), der ein strenges Regiment führt und sein Chapter gegen die rassistischen Rednecks verteidigt, gegen Agenten des ATF (der Abteilung zur Bekämpfung des Alkohol-, Tabak- und Schusswaffenschmuggels) und den mexikanischen Konkurrenzclub Mayans. Sein Stiefsohn Jax Teller (Charlie Hunnam) ist der Hoffnungsträger des Clubs und soll als Clays Nachfolger aufgebaut werden. Doch es wäre keine gute Story, wenn der junge Held nicht ins Zweifeln geriete und schon in der ersten Folge feststellen müsste, dass etwas faul ist im Staate Kalifornien.

Jax entdeckt ein Manuskript seines verstorbenen Vaters, des Gründers der Sons of Anarchy und erfährt, dass sein Vater den Niedergang des Clubs zu einer ordinären Verbrecherorganisation schon früh vorhergesehen und kritisiert hat. Die Lektüre und die Tatsache, dass er selbst gerade Vater geworden ist, bringen den jungen Mann dazu, die Heiligkeit seines Clubs zu hinterfragen.

Die Stimme des Vaters aus dem Jenseits, die Mutter, die den neuen "König" geheiratet hat – hier klingt unverkennbar das Hamletmotiv an. Und natürlich ahnt man bereits in der ersten Folge, dass Jax' Vater nicht eines natürlichen Todes gestorben sein wird. Doch Sutter baut seine Serie klug genug auf, um Geheimnisse lange unter der Decke zu hüten und die Grundspannung zu halten.

Leserkommentare
  1. für die interessante Berichterstattung. Die Amis sind halt immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten :-)

    • Rocky12
    • 06. November 2012 16:29 Uhr

    ....heißt immer noch Ron Perlman! ;-)

    Vielen Dank für den Hinweis. Die Redaktion/kvk

  2. absolute Anti-Mainstream-Serie mit hervorragender Besetzung. Die Protagonisten werden perfekt in das Rocker-Klischee verpackt und stellen eben nicht Pseudogutmenschen wie in vielen anderen Serien dar. Für mich einer der besten Neuentdeckungen 2012. Kann man nur weiterempfehlen!

    • MSUASP
    • 06. November 2012 16:49 Uhr

    Ich schaue die Serie seit etwa anderthalb Jahren regelmäßig und bin bis auf die heute Abend in den USA erscheinende Folge auf dem neuesten stand.
    Es macht Spaß der Entwicklung der Charaktere zu folgen, die Besetzung ist gut und von der Ausstattung können deutsche Serien nur träumen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Das es diese Serie endlich im deutschen Fernsehen gibt, leider mal wieder sehr spät und auf einem Privatsender.

  4. "ziemlich trister Club alter Männer"

    Nichts gegen gute Serien, aber zu bedenken gilt, dass es vielleicht auch die gewalttätigen Hintergründe (Menschenhandel, Zwangsprostitution, Drogenhandel, Erpressung, Schutzgeld via Türsteher etc.) von "Motorradclubs" (die hier ja als bildhaftes Vorbild dienen und nicht den freizeit-orientiereten Zweiradfans entsprechen) etwas übersehen oder mitunter durch die Verharmlosung und das "saubere" Outlaw-Image verschwiegen werden. Dazu dient ja auch das Vietnam-Veteranen-Ding und der oft gelobte "Zusammenhalt" dieser Bruderschaften...

    Aber nun ist wohl auch in den Feuilletons eine Sehnsucht der Darstellung der wirtschaftlichen Rezession in Form einer "Anti-Serie" erkennbar oder wie? Eine verklärte Motorradwelt erscheint fast wie Shakespeare? Massenerfolg und Auszeichnungen von Schauspielern (in einer wirtschaftlich erfolgreichen Serie) als Gütemerkmal?

    Also kein Gemecker, nur ne Anmerkung...

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Alle von studentD beschriebenen gewalttätigen Hintergründe von Rockerbanden werden in dieser Serie thematisiert und gezeigt, incl. korrupter Cops und entsprechender Sprache. Da ich auch schon einige Teile im Original gesehen haben, kann ich mir jedoch nicht wirklich vorstellen, dass trotzt spätem Sendetermin die Szenen und Dialoge 1-zu-1 gezeigt werden. Bin mal gespannt.

  5. Alle von studentD beschriebenen gewalttätigen Hintergründe von Rockerbanden werden in dieser Serie thematisiert und gezeigt, incl. korrupter Cops und entsprechender Sprache. Da ich auch schon einige Teile im Original gesehen haben, kann ich mir jedoch nicht wirklich vorstellen, dass trotzt spätem Sendetermin die Szenen und Dialoge 1-zu-1 gezeigt werden. Bin mal gespannt.

    • Sheaf
    • 06. November 2012 17:57 Uhr

    Sie weisen in Ihrer Korrektur darauf hin das der Darsteller Ron Perlman und nicht Ron Pearlman heißt. In diesem Artikel heißt er jetzt gar, Jon Pearlman. Etwas mehr Sorgfalt, meine Damen und Herren, kann man doch wohl von so einem renommierten Blatt wie dem Ihren wohl verlangen, oder?:-)

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Brad Pitt | Dennis Hopper | USA | Kalifornien
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