Online-TalkshowsGraswurzel-Talkkultur lässt Fernsehen alt aussehen

Die immer gleichen Gäste? Abgedroschene Themen? TV-Talkshows sind von gestern. Im Internet entstehen längst alternative Formate, interessant und interaktiv. von 

Bildschirm, Bildschirm an der Wand, was ist die beste Talkshow im ganzen Land? Stefan Raabs Absolute Mehrheit ist es, das wissen wir seit vergangener Woche , offenbar nicht. Statt bissigem Polit-Talk servierte der Entertainer nur die nächste Portion halbgaren Meinungsbreis und das neuste Symptom einer kränkelnden deutschen Talkshowkultur, in der Abend für Abend die scheinbar immergleichen Gäste ihre Meinung wahlweise nach Parteibuch oder zur Selbstvermarktung feilbieten. Vielleicht hat der Kabarettist Georg Schramm Recht, wenn er fragt : Wieso schalten wir eigentlich noch Talkshows ein, wenn doch niemand mehr etwas zu sagen hat?

Dabei gibt es Alternativen zu den Gesprächsrunden im Fernsehen. Seit einiger Zeit wächst im Internet eine Form der Graswurzel-Talkkultur heran, die weder illustre Gäste benötigt, noch fernsehtaugliche Themen bedienen muss.

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Eines dieser jungen Formate ist das Digitale Quartett . Geradezu bezeichnend ist es als Reaktion auf eine TV-Talkshow entstanden. Als Anfang September der Internetkritiker Manfred Spitzer bei Günther Jauch seine Thesen von der "digitalen Demenz" vorstellte, entschlossen sich der Radiomoderator Daniel Fiene , die Journalistin Franziska Bluhm und der Unternehmensberater Thomas Knüwer zu einer Nachbetrachtung. Per Videochat diskutierten sie mit weiteren kurzentschlossenen Gästen über Jauchs Sendung und schufen damit gleich die Grundlage ihrer eigenen Diskussionsrunde.

Eine Alternative zum TV-Programm

Inzwischen trifft sich das Digitale Quartett immer montagabends in wechselnder Besetzung, um über aktuelle Themen aus den Bereichen Internet und Netzpolitik zu diskutieren. Mal geht es um die Zukunft von Apps, mal um die Kundenpolitik der Deutschen Bahn und auch mal ganz allgemein um die Wahl in den USA . Bis zu 3.000 Menschen sehen sich mittlerweile die Aufzeichnung in der Woche nach der Sendung auf YouTube an. Das klingt nicht nach viel, ist gemessen an dem jungen Format aber durchaus ein Erfolg. Und es wirft Fragen für die Zukunft auf: Sind Videochats vielleicht gar die besseren Talkshows ?

So weit würde Daniel Fiene vom Digitalen Quartett noch nicht gehen. "Wir wollen nicht sagen, dass wir besser sind, aber wir haben zumindest ein Alternativprogramm im Angebot." Fiene sieht  im Talkshow-Bereich eine ähnliche Entwicklung wie bei Podcasts , wo es bereits zahlreiche unterschiedliche und sehr spezifische Formate gibt, die jeweils eine andere Zielgruppe bedienen. Der Vorteil läge demnach in der thematischen Breite. Statt abgedroschener Gespräche und Gästen mit Dauerkarte könnten Online-Talkrunden zusätzliche Standpunkte und Gegenstimmen einfangen. Das eingeschränkte Themenspektrum wäre kein Hindernis, sondern eine Chance, weil es den Weg für zusätzliche Formate neben dem TV-Programm ebnet.

Wer sendet, braucht eine Erlaubnis

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist auch Google zu verdanken. Seit August ist die sogenannte Hangout-on-Air -Funktion auch in Deutschland freigeschaltet, womit bis zu zehn Google+ Nutzer gleichzeitig per Videoschaltung vor Publikum diskutieren können. Waren komplexe Videochats lange Zeit nur mühsam möglich, werden sie langsam zum Alltagswerkzeug. Entsprechend viele experimentieren mit der Technik: Fußballblogs nutzen inzwischen Hang-Outs , Boulevardmedien, Bezahlsender und auch die Öffentlich-Rechtlichen: In unregelmäßigen Abständen diskutiert etwa das Aktuelle Sportstudio des ZDF mit Bloggern und Fans über die Sendung .

Doch der eigene Live Talk im Internet kommt nicht ohne Risiko. Denn wer für mehr als 500 Leute sendet, benötigt eigentlich eine Sendelizenz. Die Münchner Isarrunde , die bereits seit 2009 regelmäßig online über Netzthemen diskutiert, wurde deshalb im Juli als erste deutsche YouTube-Sendung als Fernsehsender lizensiert. Andere Live-Formate bewegen sich dagegen in einer rechtlichen Grauzone.

"Auf der einen Seite formiert sich eine technologische Revolution und auf der anderen Seite wiehert immer noch der altersschwache Amtsschimmel," schreibt Gunnar Sohn im Magazin The European . Er hat selbst Erfahrungen mit den Landesmedienanstalten gesammelt, als er Ende August das erste virtuelle Bloggercamp mit ins Leben rief, eine Konferenz, die über einen Tag verteilt in mehreren vorher angekündigten Panels den Internet- und Medienwandel behandelt. Ende November wird die nächste Ausgabe stattfinden. Die Macher sind vom Potenzial der Hang-Outs überzeugt. Und auch davon, dass sich Videochats in den nächsten Jahren rasant weiterentwickeln.

Leserkommentare
    • ruggero
    • 22. November 2012 12:01 Uhr

    Die ewig gleichen Runden von profilierungssüchtigen Promis, die sich gegenseitig das Wortabschneiden und die oft hilflos dazwischen sitzenden Moderatorinnen, die dem Zuschauer fast jeden Wochentag angeboten werden oder den eingeschlafenen Herrn Jauch schauen wir schon lange nicht mehr an. Erfrischend ist ab und zu Herr Lanz, obwohl auch der immer wieder mal derartige Knallchargen einlädt, daß wir auch da abschalten.

    Wenn das Volk kein Interesse mehr zeigt und die Einschaltquote sind solche Sendereihen schnell verschwunden und werden vielleicht sogar duerch intelligente Unterhaltung ersetzt.

    Die hier im Artikel dargestellten neuen Möglichkeiten im Internet gefallen mir weniger. Ich sitze den ganzen Tag am PC und bin ständig online. Abends will ich weg vom Schreibtisch.

    • bond24
    • 22. November 2012 12:52 Uhr

    Apple TV wäre hier gut. Weg vom Schreibtisch und auf das Sofa mit dem ipad oder Iphone als Fernbedienung.

  1. Die klassische TV-Talkshow ist eine Mischung aus Selbstdarstellung der Talker, Information über ein Thema und Unterhaltung für das Publikum. Aktuell hat man den Eindruck, dass der Unterhaltungswert für die Zuschauer ständig sinkt. Das hat mit dem Überangebot an Talk-Runden zu tun, aber auch damit, dass die Themen sich häufig wiederholen und die Selbstdarstellung der einzelnen Talker langweilig wird, wenn man sie zu häufig sieht, weil man sie und ihre Meinung schon zu kennen glaubt. Wenn man die Talk-Runde in ein anderes Medium setzt, wird es erst einmal besser. Das neue Medium ist interessanter, weil es eben neu ist, die Talker sind interessanter, weil man sie nicht schon kennt, und die Themenvielfalt kann größer werden, weil man nicht wegen der Einschaltquote auf die größte Zielgrupe abstellen muss. Das gilt aber nur so lange, bis der Kommerz diesen Bereich erfasst. Denn dann kommt es wieder auf Verbreitung und Reichweite an. Sehr wahrscheinlich bildet sich dann eine Gruppe von erfolgreichen Berufstalkern heraus, und nicht jedes Thema ist mehr gut, weil man viele Zuschauer braucht. Und das Problem des Überangebotes kann noch schlimmer werden. Es ist daher fraglich, ob sich diese Neuerung langfristig halten wird oder ob ein neues Nischenprodukt entsteht, wogegen ja nichts sprechen würde.

  2. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese. (Groucho Marx)

  3. Die beste haben wir wieder vergessen :)
    Michel von Tell - beste Gäste, beste Themen , meiste Zuschauer :)
    http://www.youtube.com/us...

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