Deutscher KurzfilmtagDer kürzeste Tag gehört den kürzesten Filmen

In Frankreich gibt es ihn schon, nun hat auch Deutschland einen Kurzfilmtag. Mehr als 150 Vorstellungen in Kinos, U-Bahnen und Museen ehren das kleinste aller Genres. von Antonia Schanze

Schwestern und Filmemacherinnen: Martina und Monika Plura

Schwestern und Filmemacherinnen: Martina und Monika Plura  |  © P!EL media

In drei Minuten die Welt erobern, in den Himalaya reisen oder den Grüffelo treffen! Ist alles möglich, dem Kurzfilm sei Dank. Bisher fristete das Genre ein recht unterrepräsentiertes Dasein im Schatten des großen Bruders Langfilm. Nun hat der Bundesverband deutscher Kurzfilm den 21. Dezember – den kürzeste Tag des Jahres – zum offiziellen Kurzfilmtag ernannt. Dieses Jahr wird der kleine Filmerstmalsin seiner ganzen Bandbreite zelebriert. Bundesweit gibt es mehr als 150 Veranstaltungen, in Kinos, U-Bahnen,Spätverkäufen, im Naturkundemuseum , in der Eisdiele , online und im Fernsehen .

Die Idee zum Kurzfilmtag kommt ursprünglich aus Frankreich.Le jour le plus Court (Der kürzeste Tag) fand zum ersten Mal 2011 statt und übertraf gleich alle Erwartungen: 350 Städte beteiligten sich mit insgesamt 6.000 Vorstellungen. Sogar Multiplexkinos zeigten das erste Mal Kurz- und Kunstfilme. Der Initiator Eric Garandeau sagt: "Kurzfilme gibt es zuhauf, aber sie sind einfach nicht präsent genug. Dabei sind sie doch ein ganz eigenes Genre."   Ein kleines Genre zwar, aber eines, das alle großen beinhaltet: Drama, Animé, Krimi, Liebesfilm, Musikvideo, Märchen, Gedankenschnipsel, Lyrisches und Horror. 

Phänomen Kurzfilm

Grundsätzlich gilt alles unter 40 Minuten Laufzeit als Kurzfilm, wobei nach unten hin natürlich keine Grenzen bestehen. Das kürzeste Werk, das am 21. Dezember zu sehen sein wird, ist Felix von Anselm Belser. 37 Sekunden – nach einer wahren Begebenheit.

Wenn man so will, sind Kurzfilme der Anfang der kompletten Filmgeschichte. Arbeiter verlassen die Lumière-Werke lautet der Titel – der zeitgleich auch die Inhaltsangabe ist – des ersten Films der Welt. Am 28. Dezember 1895, also schon fast am offiziellen Kurzfilmtag, führten die Gebrüder Lumière ihn erstmals öffentlich vor.

Seitdem hat sich einiges geändert. Es kam die 90-Minuten-Regel, Hollywood und die Multiplex-Kinos. Der Kurzfilm wurde zum künstlerischen Nischenprodukt. "Und genau das ist das Tolle!", sagt Sylke Gottlebe, Geschäftsführerin desBundesverbands deutscher Kurzfilm.Wenn es ein eigenes Wort für "Kurzfilm-Cineastin" gäbe, dann würde es aufGottlebe zutreffen. Voller Begeisterung erzählt sie von der Innovationskraft und der Lebendigkeit des Genres: "Filmemacher können sich hier ausprobieren, neue Techniken und Erzählformen erproben. Überraschung, Eskapismus, große Gefühle, beim Kurzfilm steht einem die Welt offen."

Schaufenster und Leinwand der Filmgalerie Phase IV in Dresden

Schaufenster und Leinwand der Filmgalerie Phase IV in Dresden  |  © Phase IV

Der Kurzfilm ist tatsächlich in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Wurden 1995 rund 800 Kurzfilme produziert, sind es heute bereits 2.500 pro Jahr. Allerdings nur knapp 200 sind dann auch erfolgreich. Das bedeutet, sie laufen auf Festivals, gewinnen Preise oder gar einen Oscar. Eine der Hauptursachen für den Kurzfilmboom liegt sicher in seinem Verbreitungsmedium, dem Internet. Hier kann er seinen Heimvorteil, die Kürze, voll ausspielen. Ob auf Vimeo, als Stream oder eingebettetes Video: Das Netz fördert die Sichtbarkeit des Films. Kurzfilmklassiker wie der 9-minütige Splatterfilm Staplerfahrer Klaus sind durch das Internet überhaupt erst bekannt geworden. Während Langfilme online kaum auf legalem Weg zu konsumieren sind, kann der Kurze problemlos gesichtet, geteilt und gemailt werden.

Sylke Gottlebe stört sich allerdings daran, dass die Filmemacher durch die Gratis-Kultur im Netz nichts verdienen. "Für die Zukunft wünsche ich mir bessere Geschäftsmodelle, die den Kurzfilm als eigenständige Kunstform erkennen und entsprechend respektieren." 

Chance für den Nachwuchs

Derzeit sind Kurzfilme vor allem ein Nachwuchsmedium. "Es wäre sonst unmöglich, in der Szene auf sich aufmerksam zu machen", sagt die Filmstudentin Monika Plura. "Keine Produktionsfirma finanziert den Langfilm eines unbekannten Regisseurs. Über zehn Minuten hingegen lässt sich verhandeln." Gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Martina dreht Plura seit ihrer Kindheit Filme. Mord an Vaters Grab hieß der erste, er war sechs Minuten lang und ziemlich wackelig. Inzwischen sind 16 Jahre vergangen, die HD-Kameras haben Einzug gehalten und aus den Kindern sind Regie- und Kamerastudentinnen an der Hamburg Media School (HMS) geworden. 

Die HMS veranstaltet anlässlich des 21. Dezembers eine Kurzfilmnacht. Zu sehen ist dort unter anderem der oscarnominierte Film Raju von Max Zähle . Von den Plura-Schwestern gibt es in Hamburg außerdem den 15-Minüter Ingeborgs 83. Vier Omas machen den Kiez unsicher zu sehen. Monika Plura glaubt an die Zukunft des Kurzfilms. "Er ist das Genre unserer schnelllebigen Zeit“, sagt die Filmerin. "Man kann sie mal eben zwischendurch angucken, in der Mittagspause in eine Traumwelt abtauchen oder sich eine kleine Portion große Gefühle reinziehen."

Die jüngsten Kurzfilme, die ZEIT ONLINE in Kooperation mit den Regensburger Kurzfilmtagen zeigt, können Sie hier ansehen .

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Leserkommentare
  1. ...wird der Kurzfilm auch in Deutschland einem breiterem Publikum präsentiert. Ich würde mich freuen wenn bald auf Youtube mehr durchdachte Kurzfilme auftauchen würden. Und ein Verkaufskonzept um auch mit diesem Genre etwas Geld zu verdienen ist dank Erfindung von DVDs und Onlineshops, sowie Austellungen in Lokalitäten schon heute machbar. Und wenn die ersten Konzepte zu Abstrakt, amateurhaft oder einfach zu schlecht sind um mit ihnen Geld zu verdienen gibt es immer noch die Möglichkeit des Spendenaufrufs.

    Hier mein erster Gehversuch im Genre:
    http://punktdoppelpunkt.d...

    Der zweite Kurzflim kommt Anfang Januar:
    http://punktdoppelpunkt.d...

    Auf ein paar Kurzfilmempfehlungen der Redaktion und Kommentatoren, sowie Rückmeldungen & Bewerbungen als Schauspieler für kommende Projekte würde ich mich ausserdem sehr freuen.

  2. Vor einiger Zeit wurde man wirklich belächelt, wenn man von im Netz entdeckten Kurzfilmen schwärmte oder erzählte, dass man sich privat selbst an welchen versucht. Dieses Nischendasein fängt der Artikel wunderbar ein. Das Ganze muss auf "Außenstehende" immer wie eine Leidenschaft an Matchbox-Autos gewirkt haben, die (zwar zugegebenermaßen schweinecool, aber) klein sind und niemals mit einem richtigen, echten Sportwagen vergleichbar.
    Aber im Kurzfilm steckt wirklich viel mehr. Vielleicht ist es sogar schwieriger, einen 5-minütigen Film zu machen, der Menschen berührt als einen 90-minütigen, der natürlich viel mehr Zeit auf Charakter- und Storyentwicklung verwenden kann.

    Ich hab mit einer Gruppe von Freunden vor drei Jahren auch meine Leidenschaft an Kurzfilmen entdeckt und wir sind, wie so viele andere Kurzfilmemacher, damit auf youtube. Vielleicht findet ja jemand Gefallen daran ;)

    https://www.youtube.com/w...

  3. 3. [...]

    Entfernt, da Werbung. Die Redaktion/mak

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