Europäischer Filmpreis 2012Pathetische Huren, kühl inszenierte Dramen
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Bertolucci wird für Lebenswerk geehrt

Die nächsten Preise ehrten vor allem zwei sehr kühl inszenierte Filme: das britische Obsessions-Drama Shame und die John le Carré-Verfilmung Dame, König, As, Spion . In Shame , dem unter die Haut gehenden Porträt eines Sexsüchtigen (nominiert: Michael Fassbender als Hauptdarsteller und Steve McQueen als Regisseur) bleibt New York, die Stadt der auch sexuell unbegrenzten Möglichkeiten, tags wie nachts in ein frostiges grüngraues Licht getaucht (ausgezeichnet: Joe Walker für den besten Schnitt und Sean Bobbitt als bester Kameramann).

Der Spionage-Thriller König, Dame, As, Spion von Tomas Alfredson spielt im London der Siebziger Jahre. So täuschend realistisch ist das Setting – jeder raucht ständig und überall, die Brillen sind übergroß, die Manieren steif – dass sowohl Alberto Iglesisas für seine Musik als auch Maria Djurkovic für das Szenenbild ausgezeichnet wurden. Darüberhinaus waren Gary Oldman als bester Darsteller, Hoyte van Hoytema als bester Kameramann und der gesamte Film für den Publikumspreis nominiert.

Ebenfalls in mehreren Kategorien als Kandidat für einen Preis vorgeschlagen, war Thomas Vinterbergs Die Jagd . In dem dänischen Film geht es um einen Erzieher, der unschuldig des Kindsmissbrauchs verdächtigt und dafür von der Dorfgemeinschaft beinahe zu Tode gehetzt wird (nominiert in dieser Rolle als bester Darsteller: Mads Mikkelsen). Das Drama, das erst kommenden März in Deutschland anlaufen wird, erhielt schließlich den Preis für das beste Drehbuch.

Die ziemlich besten Freunde Wenders und Bertolucci

Dann wurde Bernardo Bertolucci für sein Lebenswerk geehrt. Der Regisseur ist eine solche Legende, dass man sich beinahe wunderte, ihn einfach so auf Malta zu sehen. In seinem langen Leben hat er zwar vergleichsweise wenig Filme gedreht: Der letzte Tango in Paris , 1900 , Der letzte Kaiser , Himmel über der Wüste ,... Aber alle sind Bertolucci zu Meisterwerken geraten, insistierte auch der Laudator, Filmakademie-Vater Wim Wenders . Ihn zeichne alles aus, was einen europäischen Filmemacher auszuzeichnen habe: Er ist kontrovers, macht wenig Filme, liebt und fürchtet die Frauen und die Politik und hat jedes Tabu gebrochen.

Als Wenders sich daraufhin zu Bertolucci hinunterbeugte, um ihm die Hand zu schütteln, und sich das Publikum zu seiner zweiten standing ovation erhob, kalauerte der Alte nur aus seinem Rollstuhl heraus: „Jetzt sehen wir beide aus wie Ziemlich beste Freunde , Teil II.“ Das Original dieses französischen Buddy-Blockbusters war übrigens Kandidat auf einen Preis in vier Kategorien gewesen, blieb am Ende aber unbedacht.

Liebe, Liebe, Liebe

Als die Preise langsam immer noch bedeutender wurden, gab es nur noch Liebe, Liebe, Liebe. Den Preis als bester europäischer Regisseur erhielt Michael Haneke für sein ergreifendes Kammerspiel Amour/Liebe . Ganz bewusst sprach Haneke während seiner Dankesrede deutsch mit österreichischem Einschlag. Schließlich sei dies ebenfalls Ausdruck der Vielseitigkeit Europas, erklärte er und zahlte dafür, indem ihn die Übersetzerin stark kürzte.

Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva spielen in Hanekes Stück ein altes Ehepaar, das den schmerzlichen Weg von einem Schlaganfall in die Intensivpflege bis zum Tod gehen muss. Beide wurden zu Recht als beste Darsteller geehrt, mussten aber vermisst werden, weil ein Theaterengagement beziehungsweise eine fiebrige Erkältung sie am Kommen gehindert hatten.

Dann ging es noch um den besten europäischen Film des Jahres 2012. Nominiert waren Die Jagd und Shame sowie das deutsche DDR-Drama Barbara , der bereits mit dem Goldenen-Bären geehrte Film Cäsar muss sterben der Regie-Brüder Taviani, der türkische Film Once Upon a Time in Anatolia und Ziemlich beste Freunde . Die vier letztgenannten blieben am Samstag trotz Nominierungen in mehreren Kategorien am Ende gänzlich ungeehrt. Als bester Film wurde noch einmal Michael Haneke für Amour/Liebe ausgezeichnet. Diesmal dankte der ernste Regisseur gleich selbst auf englisch.

Die großen Gewinner dieser 25. Verleihung, so kann man nach zweieinhalb Stunden bilanzieren, waren Die Jagd , Shame , Dame, König, As, Spion und natürlich Amour/Liebe . Darin zeigte sich, worin die europäischen Academy-Awards den Oscars dann doch ähneln: Sie entdecken nicht, sie ehren den Erfolg.

Eine Zusammenfassung der Gala sendet arte am Sonntag, 2. Dezember, um 22:10 Uhr.

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Leserkommentare
  1. Gute Zusammenfassung mit passenden links. Danke. Nur die Übersetzerin ist keine, sie ist eine Dolmetscherin.

    • Conte
    • 02. Dezember 2012 15:10 Uhr

    Nicht um jeden Preis sollte man dem Pathos entgehen. Der Preis mit A. Engelke war zu hoch. Es ist immer zu hoch, wenn man den Ernst braucht. Die Steifheit verwechselt man hierzulande häufig mit Ernst. Deshalb gibt es zahlreiche Unterhalter, die zerreden, den guten Stil zermalmen und die Friede-Freude-Eierkuchen stets zum Lachen bringen müssen, denn sie sind die Nettozahler, die alles mit ihrer spendabel Ader unterstützen, meistens gerade das, was sie am meisten verabscheuen.

    Noch ein Wort zur Übersetzerin. Es muss eine Übersetzerin gewesen sein, denn ein Dometscher glänzt für Geistesgegenwart und Geschmeidigkeit in der Wortwahl. Übersetzer brauchen lange Anlaufzeiten. Überdies zweifeln sie oft an dem, was sie zuerst übersetzt haben und fangen von Neuem an!

    • Zack34
    • 02. Dezember 2012 16:09 Uhr
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    • edgar
    • 02. Dezember 2012 16:32 Uhr

    "ich empfinde alles, was von ihr kommt in jeder Hinsicht - als nur reichlich bemüht."

    Ihnen ist offensichtlich nicht aufgefallen, dass sie das nur spielt - oder anders ausgedrückt: Sie persifliert eben dies "Bemühte".

    • edgar
    • 02. Dezember 2012 16:32 Uhr

    "ich empfinde alles, was von ihr kommt in jeder Hinsicht - als nur reichlich bemüht."

    Ihnen ist offensichtlich nicht aufgefallen, dass sie das nur spielt - oder anders ausgedrückt: Sie persifliert eben dies "Bemühte".

    Antwort auf "Anke Engelke..."
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    • Zack34
    • 02. Dezember 2012 16:35 Uhr

    "alles" betont.

    • Zack34
    • 02. Dezember 2012 16:35 Uhr

    "alles" betont.

    Antwort auf "@3 - Zack34"
  2. hat ihre Stärken. In "Blind Date" mit Olli z.B. Dittrich lief sie zu Höchstform auf. Aber diese Gala war so unendlich peinlich, abgesehen von ein paar kurzen Momenten, dass ich es nicht fassen konnte. Ich habe mich so fremdgeschämt.
    Der Humor war so flach, die Sache mit den großen Brüsten – unsäglich. Es war die Gala des europäischen Films und nicht "Ein bunter Abend mit Anke". Wieso musste man sich Minuten lang Flachwitze anhören, während der Raum voll war mit Meister ihres Faches. Der Schwenk der Kamera offenbarte dann aber auch immer wieder: Der Applaus für die Witzchen war aüßerst bescheiden, viele der Anwesenden klatschten gar nicht.

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