Europäischer Filmpreis 2012: Pathetische Huren, kühl inszenierte Dramen
Bernardo Bertolucci kalauert, Helen Mirren ist gerührt und Michael Haneke räumt ab. Doch beim Europäischen Filmpreis brillierte vor allem Anke Engelke. Von Wenke Husmann
Thank You, Merci, Gracie, Dankeschön! Das meistgehörte Wort während der Verleihung der Europäischen Filmpreise 2012 hätte am Ende unbedingt auch einmal Anke Engelke gelten sollen, weil sie zuverlässig jedes Pathos verhindert hat. Am Samstagabend moderierte sie die Awards zum vierten Mal, und sie schenkte der stets von einer gewissen Steifheit bedrohten Gala ihren burschikosen Charme und vor allem wieder viel Witz. Man kann nur hoffen, dass ihre 90-Sekunden-Clips, die sie im Laufe des Abends zu sechs der 48 nominierten Filme einspielte, zeitnah auf Youtube zu sehen sein werden.
Nachdem sie noch etwas konventionell einen Gruß von Valletta nach Hollywood geschickt hatte („Die Hauptstadt des Films ist nicht L.A.!“), führte sie zügig durch die ersten Preise: Zunächst erhielt die schwedische Produzentin Helena Danielsson den Koproduzenten-Preis. Nur zu folgerichtig, diese Auszeichnung als allererstes vorzunehmen, schließlich geht jedem Film ein kräftezehrendes und wenig glamouröses Fundraising voraus.
Tudor Giurgiu erhielt den Kurzfilmpreis und Tomas Lunak den Preis für seinen schwarz-weißen Animationsfilm Alois Nebel. Als schönste Entdeckung galt der Europäischen Filmakademie der holländische Film Kauwboy, der darüberhinaus auch den Preis des jungen Publikums erhielt.
- Auszeichnungen I
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Bester europäischer Film:
Liebe (Amour), Frankreich/Deutschland/ Österreich
Drehbuch & Regie: Michael Haneke
Produktion: Margaret Menegoz, Stefan Arndt, Veit Heiduschka & Michael KatzEuropäischer Regisseur 2012:
Michael Haneke für Liebe (Amour)Europäische Schauspielerin 2012:
Emmanuelle Riva in Liebe (Amour)Europäischer Schauspieler 2012:
Jean-Louis Trintignant in Liebe (Amour) - II
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Europäisches Drehbuch 2012:
Tobias Lindholm & Thomas Vinterberg für Jagten (The Hunt)Carlo di Palma Europäischer Kamerapreis 2012:
Sean Bobbitt für ShameEuropäischer Schnitt 2012:
Joe Walker für ShameEuropäisches Szenenbild 2012:
Maria Djurkovic für Dame König As Spion (Tinker Tailor Soldier Spy)Europäische Filmmusik 2012:
Alberto Iglesias für Dame König As Spion (Tinker Tailor Soldier Spy)European Film Academy Dokumentarfilm 2012 – Prix Arte:
Winternomaden, Schweiz
Regie: Manuel von Stürler
Buch: Claude Muret & Manuel von Stürler
Produzenten: Elisabeth Garbar & Heinz DillEuropäische Entdeckung 2012:
Kauwboy, Niederlande
Regie: Boudewijn Koole
Buch: Boudewijn Koole & Jolein Laarman
Produziert von: Jan van der Zanden & Wilant Boekelman - III
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European Film Academy Animationsfilm 2012:
Alois Nebel, Tschechische Republik/Deutschland/Slowakei
Regie: Tomáš LuňákEuropeam Film Academy Kurzfilm 2012:
Superman, Spiderman Sau Batman (Superman, Spiderman or Batman), Rumänien
Regie: Tudor GiurgiuKoproduktionspreis Prix Eurimages 2012:
Helena DanielssonPreis für ein Lebenswerk 2012:
Bernardo BertolucciEuropäischer Beitrag zum Weltkino 2012:
Dame Helen MirrenPublikumspreis - Bester europäischer Film 2012:
Hasta la vista (Come as you are)
Regie: Geoffrey Enthoven
Drehbuch: Pierre de Clercq
mit Robrecht van den Thoren, Gilles de Schryver, Tom Audenaert, Isabelle de Hertogh
Als bester Dokumentarfilm wurde Winternomaden ausgezeichnet, ein Film über zwei Schweizer Schäfer, dessen sympathischer Regisseur Manuel von Stürler während seiner Dankesrede bekannte, stets befürchtet zu haben, dass so viele Schafe den Zuschauern den Schlaf in die Augen treiben könnten. Seine Sorge erwies sich als unbegründet.
Dazwischen ließ Engelke Filmschaffende wie Michael Haneke, Ken Loach, Julie Delpie oder Volker Schlöndorff über das Kino, seine Bedeutung und Zukunft philosophieren, und brachte beispielsweise Fatih Akin dazu, den dunklen Kinosaal mit der Höhle aus dem erkenntnistheoretischen Gleichnis von Platon zu vergleichen.
Engelke scherzt, fällt vom Fahrrad und leckt an Handpuppe
Sie scherzte über Europa („Was eint uns eigentlich – abgesehen vom Eurovison-Song-Contest und Ikea?“), fiel vom Fahrrad (in ihrem Clip zum deutschen Beitrag Barbara), leckte einer Mads Mikkelsen-Handpuppe übers Gesicht (für Die Jagd), erfand einen Live-Act mit 50 Folies Bergères-Tänzerinnen und fünf nackten Tigern und schwächelte nur kurz, als sie über die Hauptdarstellerin des Sextourismus-Dramas Paradies: Liebe, Margarete Tiesel, gleich drei Mal denselben Freud'schen Versprecher-Gag über deren Brüste brachte.
Einen ersten emotionalen Höhepunkt erlebte die Veranstaltung dann mit der Ehrung von Helen Mirren für ihr Wirken im Weltkino. Schön wie immer, diesmal in einer wahrhaft damenhaften schwarz-goldenen Robe schritt die britische Schauspielerin auf die Bühne und sprach: „Thank you for honouring, that I’m a fucking whore, too.“ Womit sie sich in eine Reihe zu den ganz Großen gestellt wissen wollte: Jeanne Moreau, Hanna Schygulla, Claudia Cardinale und Anna Magnani. Alles prachtvolle Huren in den Augen der Dame Mirren.
Anschließend erzählte sie von ihrem allerersten Kinobesuch. Es war ein Provinzsaal, in den sie sich vor dem Regen geflüchtet hatte und in dem es nach Urin, Bier und Tabak roch und üblicherweise Arthouse-Filme oder Pornos gezeigt wurden. An dem Tag, an dem sie dort ihre Liebe zum Film entdeckte, lief L’avventura von Michelangelo Antonioni. Und während sie sich daran erinnert, zagt Helen Mirrens Stimme tatsächlich ein wenig vor Tränen und kurz schimmert doch Pathos auf. Das Publikum applaudierte gewaltig.






´werde wohl nie verstehen, was an ihr so lustig, ja gar allen ernstes "humorvoll" sein soll; ich empfinde alles, was von ihr kommt in jeder Hinsicht - als nur reichlich bemüht.
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