Film "Cäsar muss sterben"Was Shakespeare mit den Menschen macht

Das Gefängnistheaterdrama "Cäsar muss sterben" gewann den Goldenen Berlinale-Bären. Ein Besuch in der JVA Lichtenberg, wo der Film den inhaftierten Frauen gezeigt wird. von Andreas Schäfer

In einem römischen Gefängnis studiert eine Gruppe von Inhaftierten Shakespeares Drama Julius Cäsar ein und wird dabei von den Brüdern Paolo und Vittorio Taviani gefilmt. Der Film, der dabei entstand und die Theaterproduktion vom Casting über die immer intensiver werdenden Proben bis zur gefeierten Premiere zeigt, gewann auf der Berlinale 2012 den Goldenen Bären. Bevor er jetzt in die Kinos kommt, wurde er in einem Berliner Gefängnis gezeigt, im Lichtenberger Frauengefängnis. Dort sitzen vor allem Frauen mit Drogenproblematik ein, wie es im Amtsjargon heißt.

Inhaftierte sehen also in einem Multifunktionssaal mit Linoleumboden und weihnachtlich geschmückten Gummibäumen einen Film, in dem andere Inhaftierte Theater spielen. Sie selbst werden beim Filmgucken von Journalisten beobachtet, die jeden Lacher oder Kommentar im Halbdunkel mitprotokollieren, um später genügend realistische Details für ihre Geschichte zu haben. Die Suche nach dem Authentischen gebiert manchmal Ungeheuer. Immerhin führt dieses Unbehagen geradewegs ins ästhetische Zentrum des Films. Cäsar muss sterben ist alles andere als das, was man gemeinhin unter einem Dokumentarfilm versteht, und meidet jegliche Form von Gefängnisrealismus.

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Die italienischen Regisseurs-Brüder Taviani, beide inzwischen über 80, wurden 1977 mit ihrem in Cannes mit der Goldenen Palme prämierten Padre Padrone über einen sardischen Hirtenjungen weltberühmt, der sich aus dem Analphabetismus bis in ein Leben als Schriftsteller herauskämpft. Auch Die Nacht von San Lorenzo (1981), eine Geschichte aus dem italienischen Widerstand, ist entsprechend engagiertes Kino, und mit Cäsar muss sterben knüpfen sie – nach eher verstreuten Arbeiten in größeren Abständen – an die Konsequenz und die poetische Eigenwilligkeit früher Arbeiten an.

Cäsar muss sterben spielt zwar im römischen Hochsicherheitsgefängnis Rebibbia, und die Darsteller von Cäsar, Brutus und Cassius sind Mörder oder Mafiosi, aber der Film blendet den Gefängnisalltag nahezu komplett aus. Gedreht wurde im Saal, aber auch in der Bibliothek, in den Gängen und Zellen. Im engen Hof, wo die Häftlinge sonst etwas Luft schnappen können, wird Cäsar von den Abtrünnigen getötet. Die Darsteller sind beeindruckend gut, sie verschmelzen regelrecht mit den Rollen – Salvatore Striano als Brutus ist inzwischen ein professioneller Schauspieler.

Mit dieser Verschmelzung verwandeln die Tavianis auch den Lebensort der Häftlinge. Das Gefängnis, "die Hölle", wie die Tavianis es selbst nennen, wird zu einem ästhetischen Raum, der schön ist und sehr leer. Zum Zeichen dieser Verfremdung wurde das in Farbe gedrehte Material auf Schwarz-Weiß umkopiert. Selten wurden die Symmetrie eines Gefängnishofes, die Staffelung der Wände oder die Architektur von Gängen so ansprechend fotografiert wie hier. Es werden keine anderen Häftlinge gezeigt, und wenn einmal Wärter zu sehen sind, stehen sie wie freundliche Zuschauer auf einer Empore und sind auch angetan.

Nur um Shakespeare geht es – und um das, was seine Sätze mit den Menschen machen. Die Kunst ergreift den Einzelnen und siegt nicht nur über die Niederungen des Alltags, sie verdampft den Rest regelrecht, macht ihn unsichtbar. Mit diesem heiligenden Blick der Gnade schauen die Regisseure auf ihre Protagonisten, und diese danken es ihnen, indem sie die Konflikte, die während der Proben entstehen, in konzentrierter Bedächtigkeit, mit würdevollem Ernst, sozusagen auf der Höhe der Textvorlage ausfechten. Einmal fällt Giovanni Arcuri als Cäsar aus seiner Rolle und sagt seinem Mitspieler, was er von ihm hält. Um die Sache unter Männern zu klären, gehen die beiden nicht etwa kurz hinaus auf den Gang, nein, sie schreiten fürbass und davon, streiten diskret und sind zwei Minuten später wieder da. Nichts Rohes, nichts Ruppiges gelangt in den getragenen Fluss der Erzählung.

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