Venedig-DokumentationIn einem Traum gibt es kein echtes Leben

Kann man unter den massentouristischen Bedingungen in Venedig überhaupt noch selbstbestimmt leben? Der Film "Das Venedig-Prinzip" zeigt den Ausverkauf der Stadt. von 

Zwei alte Frauen unterhalten sich, hinter ihnen, zwischen zwei Häusern, schimmert die Lagune von Venedig . Ein Lotsenboot fährt vorbei. Dann ist die Lücke zwischen den Häusern plötzlich nicht mehr sichtbar: Der Rumpf des Kreuzfahrtschiffes MSC Magnifica zerschneidet die Sicht.

"Schlimm", sagt Tudy Sammartini, als sie das Schiff in der Ferne sieht. "Ich musste im Erdgeschoss die Bilder festkleben, damit sie bei den Vibrationen nicht herunterfallen." Geboren 1931 hat sie viele Bücher über Venedig geschrieben. Sie ist eine der Protagonisten, die der Regisseur Andreas Pichler in seinem Dokumentarfilm Das Venedig-Prinzip begleitet. Er vergleicht darin das Venedig, das in den Touristen-Träumen vorherrscht, mit dem Alltag der Stadt. Vor allem aber stellt er die Frage: Ist wirkliches Stadtleben unter massentouristischen Bedingungen überhaupt noch möglich?

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In Venedig leben 58.800 Menschen. Genauso viele Touristen kommen jeden Tag. Mit steigender Tendenz. Schon jetzt muss die Stadt mehr Kreuzfahrtgäste verkraften als New York . Das Produkt Venedig setzt 1,5 Milliarden Euro pro Jahr um, heißt es im Film. Was für die Einwohner bleibt, ist Bitterkeit: "So viele Leute", sagt ein Mann angesichts der Ströme von Touristen, "wo wollt ihr nur alle pinkeln?" Die Antwort gibt er nach kurzem Schweigen selbst: "Statt Hochwasser haben wir Hochpisse!"


Pichler setzt sich und den Zuschauer dem aus, was wohl jeder als Stereotypen von Venedig im Kopf hat: singenden Gondolieri, dem Karneval, dem Markusplatz, Cafés, dem Inneren der Palazzi. Und jedes Mal schafft er es, diese Klischees kritisch zu spiegeln – in Bildern ebenso wie in den Zitaten seiner Protagonisten. Denn keiner von ihnen erscheint vollends glücklich mit dem Wandel der vergangenen Jahrzehnte. Und doch ergeben sie sich eher in Resignation als in den Kampf gegen Venedigs Status als Disneyland.

Da ist der Mann, der viele Palazzi von innen kennt, weil er Umzüge organisiert. Glücklich sei, wem ein Haus gehöre, meint er. Er habe mindestens 100 Wohnungen ausgeräumt, die dann zu Bed & Breakfast-Unterkünften umgebaut wurden. Andere wurden an ausländische Investoren verkauft oder an Reiche, die einmal im Jahr kommen, die Fenster öffnen und dann wieder weg sind. Ihm selbst sei gekündigt worden. Per Anwalt versuche er nun, "noch ein paar Monate herauszuschinden".

Ein normales Stadtleben in Venedig scheint kaum mehr möglich, denn Venedig wird zu einer Schlafstadt. Erst wenn die Touristen weg sind, machen sich Alteingesessene wie Tudy Sammartini auf den Weg. Zum Markusplatz geht sie, "wenn er endlich leer ist": nachts um zwei Uhr. Das ist auch die Uhrzeit, zu der die Lokale den Venezianern gehören und junge Männer gegen den Ausverkauf ihrer Stadt rappen. Dementsprechend komisch wirkt es, wie eine Stadtführerin Touristen erklärt: "Ein Campo ist ein öffentlicher Platz, auf dem sich die Bevölkerung traf." Jetzt tut sie es nicht mehr. Öffentliche Plätze sind vielfach zur Kulisse geworden. "Als Reiseleiterin versuche ich, seriöse Informationen zu geben", sagt die Stadtführerin. "Aber ich spüre auch, die Leute wollen hier ihr Traumbild von Venedig immer wieder bestätigt bekommen."

Überhaupt die Bilder: Als Metathema tauchen sie in Pichlers Film immer wieder auf, als touristisches Jagdobjekt schlechthin, als Instrument, mit dessen Hilfe Menschen ihren Vorstellungen nachreisen in der Hoffnung, sie in der Wirklichkeit bestätigt zu bekommen. Wie prägen Bilder in Filmen und auf Postkarten den Traum von Venedig? Und sind es nicht gerade diese vorgefertigten Bilder, nach denen Touristen suchen? Ein Mann steht an einer Ecke, um den Hals ein Schild: "I am Venetian but I have no hotel no gondole no souvenirshop." Für ein Foto verlangt der Mann einen Euro.

Ein Sänger sagt, die meisten Touristen kämen in Gruppen. Er nennt sie "Take-away-Touristen": Sie machen Fotos und merken erst beim Betrachten, wo sie eigentlich waren. Er selbst sei wie "eine Jukebox", der Live-Soundtrack in den Kanälen. Ein Mann fragt, wieso die Touristen überhaupt kämen – "vielleicht fühlen sie sich wie Statisten in einem Film", mutmaßt er dann.

So wie eine Frau, die sich in einem Geschäft für den Ball der Dogen einkleidet und von der Verkäuferin theatralisch gesagt bekommt, sie sehe aus wie Caterina Cornaro, die einzige Königin von Venedig. Adelige, Modedesigner, Industrielle, Menschen aus der Hochfinanz besuchen den Ball, und ohne "die wunderbare Stadt Venedig" wäre, so die Verkäuferin, "das alles nicht möglich".

Leserkommentare
  1. Wie wäre denn die Arbeitssituation in Venedig ohne die 60.000 Touristen? Wie viele der 58.800 Einwohner (Venedig Altstadt oder gesamt-Venedig?) könnten noch dort leben? Alternativszenarien kann man sich in anderen durchaus pikturesken Döfchen in Italien ansehen.

    Klar hat der Tourismus eine hässliche Fratze. Generell wäre es vermutlich um Venedig besser bestellt, wenn man eine höhere "Kurtaxe" erheben würde um mit weniger Touristen das gleiche zu verdienen. Eventuell kann man diese Kurtaxe ja auch als Monats- oder Jahrespauschale erheben damit die Touristen mehr Tage als "Schnäppchen" wahrnehmen.
    Aber die Zeit der Medici ist vorbei. Leider für die Venezianer, zum Glück für Resteuropa.

    Eine Leserempfehlung
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    Nicht nur Venedig ist von Tourismus betroffen. York in England oder Heidelberg in Deutschland haben ähnliche Probleme, nur in einer etwas weniger grotesken Skala.

    In York (ca. 100 000 EW) hat die Stadtverwaltung in den 1990er Jahren den Turnaround geschafft, Wohnen in der Altstadt zu ermöglichen; die Zahl der Altstadtbewohner verdoppelte oder verdreifachte sich zwischen 1990 und 2000. In Heidelberg (ca. 150 000 EW) oder Marburg (ca. 80 000 EW)bemüht sich die Stadtverwaltung um einen tragbaren Kompromiss zwischen Studenten, Bewohnern und Touristen.
    Auch Venedig hat eine Universität und Studenten, die zu einem 'normaleren' Stadtleben beitragen können.

    • Nero11
    • 04. Dezember 2012 22:57 Uhr

    Die Gegend um Venedig ist die industriereichste Gegend Italiens und eine der industriereichsten Gegenden Euopas. Die Leute dort würden auch ohne Massentourissmus gut klar kommen.

  2. Nicht nur Venedig ist von Tourismus betroffen. York in England oder Heidelberg in Deutschland haben ähnliche Probleme, nur in einer etwas weniger grotesken Skala.

    In York (ca. 100 000 EW) hat die Stadtverwaltung in den 1990er Jahren den Turnaround geschafft, Wohnen in der Altstadt zu ermöglichen; die Zahl der Altstadtbewohner verdoppelte oder verdreifachte sich zwischen 1990 und 2000. In Heidelberg (ca. 150 000 EW) oder Marburg (ca. 80 000 EW)bemüht sich die Stadtverwaltung um einen tragbaren Kompromiss zwischen Studenten, Bewohnern und Touristen.
    Auch Venedig hat eine Universität und Studenten, die zu einem 'normaleren' Stadtleben beitragen können.

    Antwort auf "Alternativszenario"
  3. Venedig hat sich doch freiwillig zu einer Geisterstadt bzw. einem Freilichtmuseum gewandelt.
    Touristen werden abgezockt (schlechte und ueberteuerte Hotels und Restaurants, 12€ fuer Espresso, 80€ fuer die Gondolafahrt), die Stadt mit Ramschbuden zugepflastert und fuer Kreuzfahrtschiffe geoeffnet. Wohnungen werden ohne Restriktionen an reiche Auslaender verkauft oder zu Hotels umfunktioniert.
    Geld verdienen an Touristen wollen Sie alle, dann sollen sie auch mit den Konsequenzen leben!

    8 Leserempfehlungen
    • hf50
    • 04. Dezember 2012 19:30 Uhr

    Kenne ich, da war ich, ist o.k., aber nichts Besonderes, alles naß.
    So können sich die weltgewandten, im schwimmenden Hochhaus reisenden Globetrotter später beim Small Talk gegenseitig beeindrucken.
    Und wenn die Vibrationen der motorisierten Massenunterkünfte der Stadt den Garaus machen, dann kann man wenigsten sagen, daß man dort war und in in 6 Stunden Landgang alles, aber auch wirklich alles, gesehen hat.

    • JWGRU
    • 04. Dezember 2012 21:05 Uhr

    und solange seine Bewohner ihre Stadt so behandeln, wird es schliesslich in China ala Disney kopiert und selbst geht es in der Lagune unter.
    Diese Stadt braucht eine Rundumerneuerung, bei der mindestens 50% der Bausubstanz durch moderne Architektur ersetzt wird. Damit erledigt such das Tourismusproblem, da es dann für den Massentourismus nicht mehr attraktiv ist.
    Eine komplett neue Erwerbsstruktur zB in Mode, IT und consulting muss geschaffen werden, bei der die Vorzüge Venedigs, beste Verkehrsanbindung,kurze Wege etc genutzt werden.
    Ich liebe Venedig und fahre jedes Jahr seit 15 Jahren mindestens 10 Tage hin. Aber am Markusplatz und Umgebung findet man mich nie. Da wünsche ich mir ewige aqua alta, bei der die Touristenströme feststecken und die Stadt danach so abscheulich finden, dass sie nie wieder kommen und hoffentlich auch andere davon abhalten zu kommen.
    Die Stadt braucht keine Pisser und scheusslich gekleidete und selbst dazu noch hässliche Menschen, die meinen, sie müssen, in Kurzen Hosen daher laufend, ihre wiederlichen Krampfadern jedem entgegenstrecken. Venedigs Bürgermeister schlug mal vor, dass eine Eingangskontrolle eingerichtet werden solle, wo alle ungenügend gekleideten Besucher abgewiesen werden. Das reduziere automatisch die Massen um mindestens 60-70%. Sehr guter Vorschlag.
    Ja, ich liebe Venedig aber nicht das Museum. Die Bewohner sollten sich endlich klar werden, dass vieles nicht erhaltenswert ist und schnellstens der Moderne weichen muss.

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    "50% der Bausubstanz abreissen und durch moderne Architektur ersetzen"...ein solcher Vorschlag kann nur aus Deutschland kommen, wo man architektonische Ensembles radikal zerstört und das Land zu Europas größtem Freilichtmuseum architektonischer Nachkriegsscheußlichkeiten gemacht hat.
    Venedig ist und bleibt atemberaubend schön und einzigartig, so wie es ist. Der Tourismus gehört nun einmal dazu und man findet selbst in der Hochsaison abseits der Trampelpfade fast überall ruhige Ecken. Ob allerdings Kreuzfahrtschiffe im Bacino di San Marco rumfahren müssen, ist in der Tat fragwürdig. Was Venedig zuletzt braucht, sind Ratschläge aus Deutschland.

    Vielleicht braucht Venedig auch keine Leute die anderen Leuten vorschreiben wollen wie sie sich zu kleiden haben, wie sie auszusehen haben und welche körperlichen Eigenarten wie "Krampfaderen" sie nicht haben sollen um sich dort aufzuhalten.

  4. "50% der Bausubstanz abreissen und durch moderne Architektur ersetzen"...ein solcher Vorschlag kann nur aus Deutschland kommen, wo man architektonische Ensembles radikal zerstört und das Land zu Europas größtem Freilichtmuseum architektonischer Nachkriegsscheußlichkeiten gemacht hat.
    Venedig ist und bleibt atemberaubend schön und einzigartig, so wie es ist. Der Tourismus gehört nun einmal dazu und man findet selbst in der Hochsaison abseits der Trampelpfade fast überall ruhige Ecken. Ob allerdings Kreuzfahrtschiffe im Bacino di San Marco rumfahren müssen, ist in der Tat fragwürdig. Was Venedig zuletzt braucht, sind Ratschläge aus Deutschland.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Venedig ist ein Museum"
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    • Combo
    • 04. Dezember 2012 23:28 Uhr

    in kaum einem anderen Land wird so viel Denkmalgeschützt, gepflegt und erhalten wie hierzulande. Das liegt zum einem an der dezentralen deutschen Planungskultur und zum anderen an der "Alt ist immer besser Haltung" hierzulande. Das wir so viele "Nachkriegsscheußlichkeiten" liegt eher daran das wir nach dem Krieg aus bekannten Gründen einfach viel Platz zum neu bauen hatten. Wenn sie mal in Ausland schauen dann können sie sehen wie dort mit oft mit historischen Altbauten umgegangen wird. Wenn man es ich leisten kann werden sie nämlich meist abgerissen und höchstens dann erhalten wenn sie religiöse Bedeutung haben oder touristische Einnahmen versprechen.

    Und für Venedig gilt wie für keine andere Stadt anpassen oder untergehen (Ha Ha! Der war gut, oder? Ok, eher nicht. Sehe ich ein.) Die Bausubstanz ist extrem marode, die Häuser versinken, das Lagunenwasser ist kaum noch als solches zu bezeichnen, die Stadt ist vom Tourismus überlastet und die Bewohner flüchten in das Umland. Wie damit am besten umzugehen ist kann ich zwar nicht beantworten aber eine Begrenzung der Besucherzahlen ist langfristig wohl das sinnvollste gepaart mit Sanierung wo es möglich und ökonomisch wie finanziell sinnvoll ist und Neubauten wo es nicht ist. Auch Venedig und seine Einwohner haben das Recht auf Wandel.

    • Nero11
    • 04. Dezember 2012 22:57 Uhr

    Die Gegend um Venedig ist die industriereichste Gegend Italiens und eine der industriereichsten Gegenden Euopas. Die Leute dort würden auch ohne Massentourissmus gut klar kommen.

    Antwort auf "Alternativszenario"
    • Reilly
    • 04. Dezember 2012 23:00 Uhr

    Ich wahr schon mehrmals in Venedig. Meistens, weil eine besondere Art des Konfirmandenunterrichts auf einem Campingplatz in etwa 50+ km Entfernung stattfand und es ein Tagesausflug gab. Es kommen mir zwei Erinnerungen hoch:

    1. Auf dem Markus Platz kann man Taubenfutter kaufen. Überall sind "Händler", die einem Maiskörner oder ähnliches für wenig Geld anbieten. Sobald man dieses Taubenfutter in der hand hielt, stürmten die "Ratten der Lüfte" auf einen zu um etwas davon zu ergattern. Nun muss man wissen, wie der Markus-Platz von Touristen eingenommen ist. Rings herum gibt es unzählige Cafés. Ein Konfirmand hatte die (in meinen Augen wahnsinnig komische) Idee das Futter auf eine nahegelegen Sitzgruppe mitsamt Flügel und Spieler zu werfen. Was darauf geschah kann sich wohl jeder vorstellen.
    2. Wenn man an der Rialto-Brücke steht und nach Norden blickt und sich in das Labyrinth links davon "hineintraute", konnte man so viele Interessante Orte entdecken an denen kaum ein Tourist zu finden war. Es gab Bars/Cafés an denen man in Ruhe einen Drink genießen konnte und nur Einheimische um einen herum saßen, beeindruckende Architektur, wenn auch nicht so spektakulär wie an dem Markus-Platz, und eine ganz anderes Lebensgefühl, wie an den touristenüberfüllten Orten.
    Was ich mit den Anekdoten meine: Sobald es nicht ein mal mehr Rückzugsorte für die Bevölkerung gibt, dann ist die Kommerzialisierung zu weit gegangen. Sie leben vom Tourismus, aber darunter leiden sollten sie nicht.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Disneyland | Immobilienmakler | Stadt | Venedig | New York
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