FamilientragikomödieWilde Affäre, familientauglich geschrumpft

In "Die Tochter meines besten Freundes" gibt Hugh Laurie den Familienvater, der sich in die Tochter der Nachbarsfamilie verknallt. Das ist leider kein bisschen wild und nur selten komisch. von Birgit Roschy

Im Hotel Mama ist es doch am schönsten. Vanessa Walling, die nach ihrem Grafikstudium in ihr Elternhaus zurückgezogen ist, um in Ruhe ein Bewerbungsportfolio zusammenzustellen, hat es sich wieder in ihrem Kinderzimmer gemütlich gemacht. Zwischen der Familie Walling und den über der Straße wohnenden Ostroffs herrscht nicht nur ein freundschaftliches, sondern ein geradezu symbiotisches Verhältnis. Seit jeher joggen die Väter Terry und David allen Krisen gemeinsam davon, während die Mütter Paige und Carol gemeinsam über ihre Gatten ablästern. Das könnte ewig so weitergehen, würde nicht auch Ostroff-Tochter Nina nach fünf Jahren Großstadt-Partyleben mit eingeklemmtem Schwanz in die kuschelige Suburb in New Jersey zurückkehren. Ihr Verlobter hat sie betrogen, nun ist die kleine Sirene auf der Suche nach einer starken Männerschulter. Die findet sie nicht, wie von Mama Carol erhofft, im strebsamen Walling-Sohn Toby, sondern in dessen Vater David.

Gut, die Ehe von Paige und David bestand ohnehin nur noch aus resigniertem Anknurren. Doch durch die generationenübergreifende Liaison zwischen Nina und David wird zwei ausgesprochen netten Familien quasi das Rückgrat gebrochen: Das hat jede Menge dramaturgisches Potenzial, zumal mit einem Klasse-Ensemble, in dem die schnittige Catherine Keener und der sarkastische Hugh Laurie aufeinandertreffen. Letzterer wird interessanterweise erneut von seiner Co-Partnerin aus Dr. House, Leighton Meester, verführt.

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Nun muss man von einer Vorort-Tragikomödie nicht gleich eine tiefgründige Mittelklasse-Abrechnung à la American Beauty erwarten. Doch Regisseur Julian Farino, der bisher für das Fernsehen gearbeitet hat, inszeniert das peinsame Hin und Her zwischen den Familienmitgliedern, die sich mit der Situation zu arrangieren und ihr angestrengt aus dem Weg zu gehen versuchen, meist so oberflächlich wie eine TV-Soap. Schon ästhetisch reicht die Vorort-Idylle mit ihren gepflegten Rasenflächen nie über einen Immobilien-Prospekt hinaus. Und inhaltlich traut sich die Tragikomödie nicht ans Eingemachte, sieht man von ein paar kessen Witzen über "alte Eier" ab.

Die Charaktere bleiben zu flach, um über gelegentlichen Dialogwitz hinaus zu interessieren. In einer eindimensionalen Karikatur wird beispielsweise Keener als hysterische Matrone vorgeführt, die sich ganzjährig an Weihnachtsdeko und Sternsinger-Proben austobt und dann energiegeladen in Charity macht. Dabei will dieses Seitensprung-Dramolett auch ein Film über die Schwierigkeit erwachsenen Handelns sein. Doch die unfokussierte Schilderung zeigt weder, was die Wallings entzweite, noch kommt die scheußliche Situation von Vanessa angemessen zum Tragen, die, nach dem Auszug von Mama, zeitweise unter einem Dach mit Papas Geliebter wohnen muss. Für die Stubenhockerin Vanessa ist die flippige Nina eine Schlampe, die ihr einst den Schwarm ausspannte und nun mit dieser unerhörten Affäre Vanessas Familie zerstört.

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Andererseits: welche Affäre? Die Darstellung unehelicher Glut wird so gnadenlos entschärft, dass die Turteltäubchen wie Vater und Tochter wirken. Dass sich Mr. Walling und die 20 Jahre jüngere Nina auch mal brünstig die Kleider vom Leibe reißen, bekommt in diesem für das Familienpublikum bestimmten Geplänkel bestimmt keiner zu sehen. Stattdessen zieht die mit dem Charme einer Schlingpflanze ausgestattete Nina ihr Schnütchen und wird dabei von David mit traurigem Dackelblick angestiert. Die größte Überraschung dieses harmlosen Feiertagsfilms ist deshalb Hugh Laurie, der wie unter Valium einen verliebten Softie spielt: Einen so zahnlosen Auftritt hätte man Dr. House gar nicht zugetraut.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Film | Filmrezension | Kino | Komödie | Hugh Laurie
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