3-D-Film : Vom Sinn der dritten Dimension

3-D-Technik hat im Kino häufig enttäuscht. Dabei ist sie ein zauberhaftes Werkzeug für Filmemacher, die sie zu nutzen wissen. So wie jetzt Ang Lee, kommentiert W. Husmann.

Im Kino kann das Klackern eines umfallenden Schminkdöschens dem Protagonisten Alpträume bescheren und dem Zuschauer ordentlich die Ohren öffnen. Michel Hazanavicius hatte vor einem Jahr in seinem ansonsten vollständig stummen Filmerfolg The Artist durch dieses eine banale Geräusch inszeniert, mit welch ungeheurer Wucht das auf der Leinwand Gesehene durch den Ton plötzlich noch mehr zum Geschehen wurde.

Es lohnt sich, daran zu erinnern, wenn jetzt ein Film ins Kino kommt, der eine neue Technik einsetzt, die Bestseller-Verfilmung Life of Pi in 3-D. Sicher, 3-D ist nicht mehr ganz neu. Selbst seit dem jüngsten Revival mit Avatar 2009 gab es schon Dutzende solcher Produktionen. Die allermeisten jedoch enttäuschten. Mit dem Einsatz der vorgetäuschten Dreidimensionalität erreichten sie beim Zuschauer kaum mehr als den Schreckeffekt, dass ein Geschoss durch den Kinosaal zu fliegen scheint.

Schuld daran hat aber nicht die Technik. Dass sie Beschränkungen des Darstellbaren aufhebt, ist zunächst schlicht ein Vorteil. Werner Herzog wusste ihn zu nutzen, als er für seinen Dokumentarfilm Die Höhle der vergessenen Träume unter viel Mühen die monströse 3-D-Kamera in die Grotten von Chauvet verbrachte, um zu zeigen, wie die Menschen vor 30.000 Jahren Unebenheiten des Gesteins bemalten zur trefflichen Darstellung ihrer Tiere. Oder Wim Wenders. Sein Film über die Choreografin Pina Bausch lebt von der dritten Dimension, er gestaltet Körper und ihre Bewegungen im Raum. Deren höchste kunstvolle Ausprägung, der Tanz, ist Gegenstand des Films. Pina oder Die Höhle der vergessenen Träume lediglich zweidimensional zu sehen, wäre wie bei Spiel mit das Lied vom Tod den Ton abzudrehen: verdammt schade.

Dass die Ausbeute an tollen Filmen in 3-D so gering ist, liegt an der mangelnden Innovationskraft von Regisseuren, Drehbuchautoren und möglicherweise auch Kameramännern und Schauspielern. Infolge einer neuen Technik müssen oft auch andere Techniken angepasst werden. Der Tonfilm revolutionierte nicht nur die Schauspielkunst – Stummfilmstars wirkten plötzlich so overacting wie verirrte Theatermimen –, sondern auch der Filmmusik und der Gestaltung der Topografie einer Handlung kamen neue Rollen zu. Weil es fürs schiere Verständnis zusätzlich Ton gab, brauchten sie nicht mehr nur das Erzählte zu veranschaulichen, sondern konnten neue, auch widersprüchliche Facetten ins Spiel zaubern. Die Chronologie der Erzählung wurde gestaltbarer, Handlungsstränge vielfältiger. Die filmischen Narrationen wurden komplexer. Was für ein Gewinn!

Nun hat also ein weiterer großmächtiger Regisseur, der Taiwaner Ang Lee, die Chance der Technik erkannt und zu nutzen gewusst. Er erzählt die wundersame Geschichte des Jungen Pi , der zusammen mit einem Tiger als einziger einen Schiffsuntergang überlebt hat. Hier sitzen wir also mit Pi und seinem Raubtier in einer Nussschale und sind gezwungen, uns den wirklich existenziellen Fragen des Lebens zu stellen. Mag sein, dass dem einen oder anderen Zuschauer diese Geschichte zu bedeutungsüberladen ist, die Botschaft etwas zu weltreligiös und die Inszenierung zu bombastisch. Doch in der Geschichte geht es nun mal um Transzendenz. Ang Lee sagt uns: Wir sind ein Schwebteilchen im Ozean des Seins. Und genau das bekommen wir zu spüren, wenn er um uns herum ein glasklares und grenzenloses Meer entstehen lässt, in dem wir zu verschwinden drohen. Hätte man das auch ohne 3-D ausdrücken können? Ja. Aber nicht so schön.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ang Lee hat vor allen Dingen eines bewiesen:

... daß dieses Buch tatsächlich unverfilmbar ist.

Ang Lee versucht ja, die Transzendenz des Buches auf die Leinwand zu bringen, aber das gelingt ihm am Besten im 1. (und 3.) Teil, welchen ich als den interessanteren Teil sehe, in dem die dritte Dimension aber gerade nicht unbedingt nötig ist. Und hier scheint auch das Können von Ang Lee durchzublitzen, wenn er die Kindheit des Pi auf wundervolle Weise erzählt. Konsequent wird dann, im zweiten Teil nur noch auf die 3D Sensation gesetzt, was zwar, stellenweise, beeindruckend ist, aber schnell in Langeweile umschlägt weil dem Zauber des Buches keine Jahrmarktsattraktion gerecht werden kann. Und genau hier sieht man die Grenzen des 3D-Kinos, dort wo Inhalte nicht mehr umgesetzt werden (können) und ins Pathetische und Sensationelle abgleiten um die Substanz der Geschichte erahnen zu lassen, da müssen 3D Effekte eingesetzt werden, um genau von diesem Fehlen abzulenken.

Das liegt sicherlich nicht an Ang Lee, sondern daran, daß 3D eben einfach nur ein weiterer Effekt ist und daß einem die Brille andauern auf die Nase drückt macht es dann auch nicht leichter. Die sich langsam einstellende Langeweile des Film kann dann das ständig wiederholte Meeresleuchten dann auch nicht mehr überdecken und hier sieht man auch, daß Ang Lee anscheinend die Leere erahnt hat. Am bewegendsten sind deswegen ausgerechnet die Sequenzen, der 1. und der 3. Teil des Film, in dem die Schauspieler erzählen --- ganz ohne 3D...

Seh ich nicht ganz so

Avatar war von der Story her ein absoluter Alptraum. Technisch gesehen ist Avatar aber immer noch der beste 3D Film. Was Cameron mit Hilfe der Technik da visuell inszeniert hat, ist brillant. Wer auf Story steht, dem hilft 3D nicht wirklich weiter. Wer auf die Story verzichten kann, und gerne in Bilderfluten und visuellen Reizen ertrinken will, dem hilft 3D. Ich erinnere da mal an "Enter the void". Keine Story, aber unvergleichliche Bilder. Und das ohne 3D. Eigentlich will ich nur sagen: Ein guter Film braucht nicht wirklich eine gute Story.

cheers

Hobbit

War gestern im Hobbit. Ein toller Film, aber von 3D war ich irgendwie enttäuscht. Es gab zwei, drei gute Szenen, in denen es gut gewirkt hat, aber ansonsten störte eher die Brille und der verschwommene Hintergrund. Und dafür dann vier Euro mehr...

Ganz allgemein gab es vorher auch noch 40 Minuten Werbung. Echt grausam, dafür zahlt man dann 14 Euro. Wollte dem Kino nach Jahren der Abstinenz mal wieder eine Chance geben, aber es ist in der Zwischenzeit noch schlimmer geworden. Werde nicht mehr ins Kino gehen.

Das kommt noch hinzu

Das Kino heutzutage ist einfach unerträglich, gestern saß rechts von mit eine Familie mit 2 Jungen, ca. 10 Jahre, die ständig Popcorn (fr)aßen und, bei jeder Szene kicherten und lachten. Die musste ich gleich am Anfang fragen, ob sie sich nicht etwas leiser unterhalten könnten. Dann setzen sich links neben und 2 Frauen hin, die den Film permanent mit pseudo-wissenden Kommentaren begleiteten, "gleich kommt der Wal", "dieses Leuchte, das ist ja irre", "guck mal, wie süß", "oh, der Tiger sieht aber stark aus", u.ä. Nach 30 Minuten musste ich sie fragen, ob sie sich nicht woanders unterhalten könnten, da ich gerne den Film sehen wollte. Die Junge rechts von mir, aßen dann während des GANZEN Films Popkorn und weil das Popcorn weniger wurde, mussten sie auch tiefer in die Tüte greifen und das Rascheln wurde immer lauter, bis ich dann, aber fast am Ende des Film fragte, ob sie denn nicht vielleicht etwas leiser essen könnten, worauf sie antworteten, dass sie Hunger hätten, worauf ich antwortete, dass ich gerne den Film sehen wollte, worauf sie sagten, "sie auch", worauf ich entgegnete, ich würde ihn auch gerne hören. Ich wünschte mich nach Hause aufs Sofa, das war wirklich grausam.

Kurzum, ich werde wohl auch nicht mehr ins Kino gehen oder nur dann, wenn ich sicher sein kann, daß es leer ist. Dafür 14€ zu verlangen, das grenzt schon an Betrug... ;-)

Besser, man geht nicht vor die Tür

"Das kommt noch hinzu

Das Kino heutzutage ist einfach unerträglich, [...]"

... und ausserdem kommt noch hinzu, dass die Leute draussen wunderlich werden, wenn man längere Zeit nicht das Haus verlassen hat.

Die Leute verstehen dann nicht, dass Kinderlachen und Popcorn im Kino unerhörte Gräuel sind. Und sind auch nicht dankbar, wenn man seinen Filmgenuss unterbricht, um dies seinen unreifen Sitznachbarn darzulegen.

"Ich wünschte mich nach Hause aufs Sofa, das war wirklich grausam."

Ich fühle Ihren Schmerz. Deshalb bin ich inzwischen komplett auf Heimkino, "home office" und Pizza-Lieferservice umgestiegen. Manchmal kommt eine Dame vom Amt vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, aber die lasse ich bald nicht mehr rein, die wird nämlich auch immer wunderlicher.

Kinderlachen

Am Anfang hatte ich mich über das Lachen der Kinder im Kino sehr gefreut. Zumal sie auch an den lustigen Stellen lachten. Auch als der Tiger die Ziege zerriss und wegtrug habe ich mir bei deren Lachen nichts gedacht. Aber als sie dann auch dann lachten, als die Hyäne das Zebra zerriss, als sie bei der Szene johlten, wo der Orang-Utan auf den Boden fiel und starb oder als Pi und der Löwe am verhungern waren, als sie lachten, als Pi weinte, als Pi pinkelte, als sie lachten, während der Tiger um sein Leben kämpfte oder als Pi und der Tiger am verdursten waren, da merkte ich, dass mit diesen Kindern irgendetwas anders war...

Wenigstens lachten sie etwas leiser, als ich sie fragte, ob sie etwas ruhiger sein könnten.

Kontext

Ich entnehme der Übertreibung in ihrem Kommentar, dass Sie hier ironisch den Standpunkt des Kommentators, auf den Sie antworten, entkräften wollen.

Nun, ich denke dass er teilweise Recht hat. Wenn ich in einen Film gehe, dann bezahle ich sehr viel Geld dafür, um mir eine Geschichte anzusehen. Das möchte ich dann auch genießen können. Ob da typisch kindliches Verhalten nun stört, hängt vom Film ab. Eine Komödie, bei der nicht der ganze Saal gemeinsam lacht, ist schlecht. Ein Horrofilm, bei dem sich nicht der ganze Saal zusammen erschreckt, ist auch schlecht.

Aber werden Kinder in Filme gesetzt, die nichts für sie sind, oder haben sie einfach nicht die nötige Reife dafür, dann können sie sehr schnell den Filmgenuss aller anderen zerstören. Denn wenn den Kleinen langweilig wird, dann versuchen sie sich zu beschäftigen, das ist die legitime (aber meist nicht geräuschlose)Natur eines Kindes.
Falsch Verhalten sich die Eltern, die dann nicht für einigermaßen Ruhe sorgen oder gleich von vorne herein in einen Film der kindgerecht ist, gehen.
Genauso sehe ich es auch, wenn "Erwachsene" den Film durch zu laut sind. Wenn man sich unterhalten möchte, so gehe man ins Café oder in eine Kneipe. Das ist ganz einfach Basishöflichkeit, die ich auch einfordern würde. Es scheint allerdings immer schwieriger zu werden, für eine begrenzte Zeitspanne einfach ruhig zu sein und zu schauen....

Geduldsprobe Kino

Schlecht erzogene Kinder, jugendliche die das Kino mit ihren Smartphones erhellen, usw. usf.

Dazu eine 3-D-Technik, die die Bildqualität verschlimmbessert.

Und schon kommt die nächste Technik-Innovation:

HFR 3D.

“Der Hobbit: Eine unerwartete Reise”, ist in HFR 3D gedreht.

Eine Kritik zum Thema hier:

"Der typische und sich von der Realität, die man mit seinen eigenen Augen wahrnimmt, unterscheidende Kino-Look, der den Zuschauer in die Handlung eintauchen und diese als etwas fiktives erleben lässt, fehlt hier. Der gesteigerte Realismus führt zu einem ungewollten Effekt: Man nimmt den Film weniger als das wahr, was er sein soll, sondern vielmehr als das, was er tatsächlich ist: Video-Sequenzen von Schauspielern, die auf Sets in Neuseeland herumlaufen und vor der Kamera sprechen. Statt die Illusion des Kinos zu verstärken sorgt HFR beim "Hobbit" über weite Strecken eher für eine Ablenkung von der Handlung."
http://www.areadvd.de/new...

Die anderen Kinogänger und ähnliche Probleme

Kürzlich sah ich erst Skyfall in einem Cinemaxx, danach den Hobbit in einem kleinen Kino an. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht, was meine Umgebung anging.
Im Cinemaxx war der Ton zum einen unerträglich laut, so dass es in meinen Ohren schon leicht schmerzte. Ich hätte mir am liebsten Ohropax in die Ohren gestopft. Zum anderen natürlich diese Kinogänger, die scheinbar mit offenen Mund Popcorn fressen und natürlich die Besucher, die gerne zig Euro dafür ausgeben, sich in einem abgedunkelten Raum zu unterhalten, als säßen sie in einem Café.
Anders dagegen in dem kleinen, unabhängigen Kino - gut, der neben mir hat mit vollem Körpereinsatz gehustet, was manchmal lästig war und die beiden Frauen neben ihm hatten eine Konfirmandenblase (wobei der Film schon recht lang ist), aber weder gab es störende Unterhaltungen, noch allzu schlimmes Popcorngefresse. Stattdessen trank man Wein aus einem entsprechenden Glas - das Publikum kam, um den Film zu sehen und nicht, um sich mit Cola und Popcorn dick und rund zu futtern. Ich gehe daher - wenn möglich - nur noch in die kleinen, unabhängigen Kinos. Da macht das Filmegucken noch Spaß.