Film "Lincoln"Die Legende vom guten Präsidenten

Steven Spielberg hat die letzten Wochen Abraham Lincolns verfilmt. Das Epos zeigt einen unfassbar einnehmenden Mann und verweist damit auch auf moderne US-Präsidenten. von 

Der 16. Präsident der Vereinigten Staaten war bekanntlich ein ganz besonderer. Es sind vor allem zwei Großtaten gewesen, die Abraham Lincoln unvergessen machten: Mit dem Ende des Bürgerkrieges und der Wiederherstellung der Union bei gleichzeitiger Abschaffung der Sklaverei brachte er sein Land auf den Weg, zur Großmacht der Zukunft zu werden. Kaum jemand hatte Lincoln diesen Kraftakt seinerzeit zugetraut.

Der Bürgerkrieg war die tiefste Krise, die die Vereinigten Staaten jemals durchgemacht haben, und Steven Spielberg serviert uns die letzten vier Monate dieser Phase bis zu Lincolns Ermordung im April 1865 in einem abendfüllenden Epos von zwei Stunden und 29 Minuten. Gleich vorweg: Es lohnt sich diesen Film zu sehen. Dabei wird fast nur gesprochen, weite Strecken ähneln einem Theaterstück. Es wird verhandelt, geplant, überredet, taktiert und es werden Reden gehalten, denn im erzählerischen Zentrum des Films steht eine Kongressabstimmung, der 13. Verfassungszusatz, der die Sklaverei abschaffen sollte. Schlachtszenen aus dem Bürgerkrieg sind dagegen nur wenige zu sehen.

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Spielbergs Film zeigt uns Abraham Lincoln als starken Kommunikator. Immer bedächtig, viel mit Kunstpausen arbeitend, mit einer eher hohen, aber angenehmen Stimme versehen, dabei gleichzeitig so bestimmt und durchsetzungsfähig wie warmherzig und humorvoll. Daniel Day-Lewis spielt diesen Lincoln großartig. Auch die Nebenrollen sind stark besetzt: sein Außenminister, Freund und Ex-Gegner William Seward von David Strathairn, Lincolns psychisch angeschlagene Frau Mary von Sally Fields und der Sklavereigegner und Kongressabgeordnete Thaddeus Stevens von Tommy Lee Jones.

Außenminister Seward warnt Lincoln gleich zu Beginn, dass er entweder den Krieg beenden oder die Sklaverei abschaffen könne, beides sei unmöglich. Der Präsident aber will beides, und dieser feste Vorsatz durchzieht den gesamten Film. Auf seinem Weg zur Verwirklichung dieses Traums erlebt der Zuschauer Lincoln als einen äußerst sympathischen Menschen. Er spricht viel in Gleichnissen und immer wieder schafft er es, durch Anekdoten und Bonmots angespannte Situationen zu entschärfen.

Am Ende wird allerdings auch dieser Präsident nicht ohne Tricksereien auskommen: Zahlreiche Südstaaten-Politiker im Kongress müssen mit Jobs gekauft werden. Zur Durchsetzung ihrer Ziele bedienen sich Lincoln und Seward verschlagener Hinterzimmer-Lobbyisten, auch diese grandios gespielt von James Spader, John Hawkes und Tim Blake Nelson. So wird die Einheit der USA am Ende also mittels Korruption hergestellt – der Zweck heiligt auch beim ehrenhaften Lincoln die Mittel.

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Drehbuchautor Tony Kushner hat aus einem kleinen Teil der Lincoln-Monographie der Historikerin und Autorin Doris Kearn eine ausgesprochen dichte Filmgeschichte gemacht, die einen historischen Moment nach dem nächsten zu beschreiben scheint. Das ist bewegend, macht es auf die Dauer aber auch etwas anstrengend. Man muss wohl US-Amerikaner sein, um die ewige Legendenhaftigkeit nicht als störend zu empfinden. Vielleicht ist es aber auch ein sehr deutscher Reflex, das Pathos des Films zu bekritteln.

Steffen Richter
Steffen Richter

Steffen Richter ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Vor einem sei noch gewarnt: wer sich mit der Historie und Hintergründen des amerikanischen Bürgerkrieges nicht auskennt und auch nicht weiß, welche Bedeutung die Sklaverei und die Südstaaten einst hatten, wird manches in dem Film verpassen. Auch das politische System der USA muss man in seinen Grundzügen einigermaßen verstanden haben.

Doch wer sich nur eine Viertelstunde über das Thema vorab genehmigt, wird mit mehr Verständnis für die USA aus dem Film kommen. Vor allem wird er noch besser begreifen, warum US-Präsidenten vom Schlage Bill Clintons und Barack Obamas so unfassbar einnehmend sein können. Eine Eigenschaft, die wir von deutschen Politikern nicht mehr kennen.

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Leserkommentare
  1. Redaktion

    ... ist geändert. Viele Grüße, Steffen Richter

  2. Sehr geehrter Herr Richter,

    wie wäre es mit dieser Bildunterschrift:

    Abraham Lincoln wird von Oscarpreisträger Daniel Day-Lewis gespielt, der für diese Rolle erneut nominiert wurde.

    Herzlich

    RL

  3. Ist so eine freundlichere Darstellung von Verstorbenen nicht sowieso genereller Usus? In Deutschland haben wir da Adenauer, der wohl auch ein ganz schönes Ekel sein konnte, und Willy Brandt, als Weiberheld. Lebendigerweise passiert das alles gerade mit Helmut Schmidt, der zu Amtszeiten doch auch nicht sonderlich beliebt war. Und wenn wir wieder in die USA gehen, erinnere ich an die Artikel über Bush jr., bei dem spekuliert wird er könne in den Geschichtsbüchern besser wegkommen, da er Amerika verteidigt hat.
    Nun ja! Ein interessantes Thema.

    Ich denke, dass Lincoln bei den Oscars gut wegkommen wird. Trotzdem überraschen mich die Kritiken. Ich hoffe ja wirklich der Film hält was er laut diesen verspricht und wird eine ordentliche Hinterzimmer-Schau. Den Trailer empfand ich irgendwie ganz schön pathethisch (im negativen Sinne), sodass aber das Endergebnis sich vielleicht sehen lassen mag ("Life of Pi" z.B. hat auch einen grausamen Trailer und soll ein Meisterwerk sein).

    Antwort auf "Stimmt"
  4. sich den Film ja auch einfach illegal downloaden.;) So kurz vor den Oscars sind bestimmt so einige Screeners im Umlauf.

    Antwort auf "Achtung Spoileralarm!"
    • negve
    • 21. Januar 2013 22:31 Uhr
    13. Lincoln

    Schnick Schnack.

    Daniel Day-Lewis hat wieder mal ein Glanzstück abgeliefert. Man weiss nicht, ob man ihn fürchten oder bewundern soll.

    • Chris79
    • 21. Januar 2013 23:20 Uhr

    Besagte Historikerin heisst Doris Kearns Goodwin (anstatt Kearn). Die ist in den USA fast jede Woche in den Talkshows am Sonntag morgen zu sehen, genießt also eine gewisse Popularität. Das Buch dazu ist "Team of Rivals."

    http://en.wikipedia.org/w...

    Ansonsten eine sehr angemessene Rezension. Mir stoßen solche Hagiographien amerikanischer Präsidenten auch eher übel auf.

  5. 15. weia...

    Die Rede heißt "Gettysburg Address", hat nichts mit Ghetty zu tun, sondern mit einer kleinen Straßenkreuzung in Penn..

    Die Rede war stillitisch schon damals einfach großartig, wenn man sich die Umstände ansieht unter denen sie gehalten wurde.

    Vor Abe sprach jemand an die zwei Stunden.
    Warum sollte der Präsident nochmal eine längere Zeit sprechen, es war wohl schon alles gesagt.

    Seine Frau wollte auch nicht, dass Lincoln nach Gettysburg fuh, obwohl es nur knappe 145 km sind, also selbst damals mit dem Zug und mit der Kutsche in 1,5 - 2 Tagen zu schaffen.

    Antwort auf "interessant"
  6. dass Hitler schon viel früher, als geahnt, über den Jordan ;-) geschickt wurde ;-)

    @Mary fragt. Danke für den Tipp.

    Antwort auf "interessant"

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