Film "Ludwig II.""Ludwig II. war depressiv, aber nicht unzurechnungsfähig"

Was kann ein Film über Ludwig II. Neues erzählen? Die Regisseure Marie Noëlle und Peter Sehr über das Wittelsbacher Geheimarchiv und den Seelenzustand des Märchenkönigs von 

Sabin Tambrea als Ludwig II. in der Filmfassung von Marie Noëlle und Peter Sehr

Sabin Tambrea als Ludwig II. in der Filmfassung von Marie Noëlle und Peter Sehr  |  © Daniel Mayer/Warner Bros. Pictures 2011

ZEIT ONLINE: Was macht Ludwig II. heute noch zu einer attraktiven Kinofigur?

Marie Noëlle: Im Gegensatz zu anderen Monarchen ist Ludwig seinen Sehnsüchten gefolgt. Er hat versucht,sich vom Korsett des Königtums zu befreien und seine Stellung dafür zu nutzen, die eigenen Ideale durchzusetzen. Er war der festen Überzeugung, dass Musik und Kultur bessere Menschen aus uns machen können und wollte diese Idee in die Wirklichkeit implementieren.

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Peter Sehr: Ludwig war seiner Zeit um viele Jahrzehnte voraus. Die Vorstellung, dass der künstlerische, musikalische und kulturelle Austausch wichtig ist, um kriegerische Aggressionen zu verhindern, hat auch heute noch eine hohe Relevanz. Ludwig war der Auffassung, dass Gott ihn zur Erde geschickt hat, um den Frieden unter die Menschen zu bringen und hoffte, die eigenen pazifistischen Vorstellungen mit seiner Macht als König in Bayern durchzusetzen, von wo aus sie sich in die ganze Welt verbreiten sollten.

ZEIT ONLINE:Helmut Käutner (1955), Hans Jürgen Syberberg (1972) und Luchino Visconti (1972) haben sich dem Leben und Wirken Ludwigs II. schon gewidmet. Worin unterscheidet sich Ihr Film von den früheren Werken?

Sehr: Die früheren Filme haben mit dem wirklichen Ludwig wenig zu tun, weil viele Unterlagen unter Verschluss gehalten wurden. Die Wittelsbacher haben ein Geheimarchiv und dessen Direktor Dr. Immler hat uns viele Informationen über Ludwig gegeben, die bisher noch nicht bekannt waren. Deshalb sind wir zurückgegangen aufs Originalmaterial: Tagebücher, Briefe, Augenzeugenberichte, Tageszeitungen. Wir haben drei Jahre für den Film recherchiert. Für uns ist dadurch ein sehr viel lebendigeres Bild dieses Königs entstanden, der in der historischen Wahrnehmung ja zur Ikone erstarrt ist.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie den Fokus auf die jungen Jahre gelegt?

Noëlle: Ich fand es interessant, dass Ludwig trotz all seiner Macht im Grunde mit den typischen Problemen eines Jugendlichen kämpfte: Er hatte seine Träume, wurde von der Wirklichkeit mit Hindernissen bombardiert und rang mit den gesellschaftlichen Normen und einem hohen Anpassungsdruck. Das sind die ganz normalen Probleme eines Heranwachsenden, nur dass sie durch die Macht und die finanziellen Möglichkeiten, die ihm zufielen, sehr viel zugespitzter aufgetreten sind. Ludwig hatte ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinem Vater. Die beiden haben sich überhaupt nicht verstanden. Er hatte eine sehr einsame Kindheit, hat sehr viel gelesen und Trost in der eigenen Phantasie gesucht, aber auch im Theater und in der Oper. Und dann musste er nach dem plötzlichen Tod des Vaters auf einmal König sein.

ZEIT ONLINE: Und eine seiner ersten Amtshandlungen war es, Richard Wagner nach Bayern zu holen, der in anderen Ländern als Anarchist verfolgt wurde. Hat er in Wagner die Seelenverwandtschaft gefunden, die er beim Vater vergeblich gesucht hat?

Sehr: Wagner war für ihn wie ein Vaterersatz. Er hat die Visionen umgesetzt, die Ludwig im Kopf hatte. Tristan und Isolde war ein Projekt, das Wagner schon zuvor in vier Ländern vergeblich versucht hatte zu realisieren, und Ludwig hat zu ihm gesagt: "Alles, was unmöglich ist in der Welt, wird durch mich möglich." Wagners Werk würde in dieser Form heute ohne Ludwigs Engagement nicht existieren. Die erfolgreiche Premiere von Tristan und Isolde in München war der größte Glücksmoment in Ludwigs Leben. Da hatte er das Gefühl, dass er durch die Musik die Menschen erreichen und die Welt verändern kann.

ZEIT ONLINE: Aber von den realpolitischen Verhältnissen seiner Zeit schien Ludwig als junger Idealist vollkommen überfordert…

Noëlle: Er wurde ja gleich in zwei Kriege hineingezogen. Als Preußen Österreich angriff, war er verpflichtet, Österreich zur Seite zu stehen. Auch in den Krieg gegen sein geliebtes Frankreich wurde er hineingezwungen. Ludwig hat die Strategie Bismarcks nicht wirklich durchschaut. Er hat nicht realisiert, dass mit der Gründung des Deutschen Reiches der Abgesang auf die Monarchie begann und Bayern seine Souveränität verlieren würde. Der Macht Bismarcks konnte ein Mann wie Ludwig nichts entgegensetzen.

Leserkommentare
  1. 1. Jaja!

    Dieser Herr hat 1871 eigentlich ganz Süddeutschland an die Preußen verraten und verkauft. Die Badener und Pfälzer kannten die ja schon von 1849...

  2. Film fällt mir nur der alte mit Berger ein, der war dieses Jahr bei uns das Weihnachtsgeschenk per DVD an unsere Lieben.

    Den neuen Film hätte man sich sparen können, der Hauptdarsteller ist in der Rolle lächerlich und der wahre Inhalt des Ludwiglebens wird auch in diesem Film nicht so gezeigt wie es wirklich war.

    Eine typische Müncher Angelegenheit diese Präsentation.

  3. Schon der Trailer sieht unterirdisch aus. Der Film sieht schlimmer aus als eine Fernsehproduktion aus der Zeit unserer Großeltern. Unfassbar, dass dafür 16 Mio. Euro ausgegeben wurden.

    • LE7
    • 26. Dezember 2012 23:45 Uhr

    Nach Viscontis Meisterwerk eine unnötige Verfilmung.

    Eine Leserempfehlung
  4. Wie sie ja so schön schreiben, wurden für diesen Film die Wittelsbacher Geheimarchive durchforstet. Was dann wirklich von diesem Material verwendet werden durfte, um ein realistischeres Bild des "Märchenkönigs" zu zeichnen, wird uns nicht offenbart. Warum ich disesn Film für wichtig halte?
    Nun aus zweierlei Gründen: Ludwig war Visionär. Er war Kriegsgegner, er war sich bewusst, dass seine Minister sein Köngreich verschachern und wollte dies verhindern, indem er Kraft seiner Macht als Monach, das Geld lieber in Kunst, Kultur und Wissen investierte. Eine gute Taktik, die aber leider nicht aufging. Sie hat dazu geführt, dass man ihn für verrückt erklären konnte.
    Wir erleben gerade, dass unsere Welt von immer mehr Kriegen überzogen wird, eine Frage der Zeit, bis diese auch uns erreichen. Ludwigs Credo wäre gewesen: Give peace a chance.
    Zweitens halte ich den Film für wichtig, weil er uns Parallelen aufzeigt. In unserem Land werden Menschen, die die Wahrheit sagen, weggesperrt. Siehe Gustl Mollath und für verrückt erklärt, wie der "Kini"

  5. Rechtfertigt das Werben um Verständnis für den kauzigen König eine schönzeichnende Darstellung wie in diesem Film, der sogar Schulklassen zum Besuch empfohlen wird? Der Film unterschlägt, dass Ludwig II. sein Schreiben, in dem der den preußischen König bittet, die Kaiserwürde anzunehmen, von Bismarck teuer bezahlen ließ. Die enormen Geldbeträge, die Preußen fließen ließ, benötigte Ludwig II. dringend zum Bau seiner aufwendigen Schlösser, die Bayern heute so reiche touristische Einnahmen bescheren.

    Er setzte sich, anders als im Film suggeriert, dafür über die Landtagsmehrheit der bayerischen Patriotenpartei hinweg und schlug sich auf die Seite der propreußischen und liberalen Fortschrittspartei. Der Film unterschlägt desweiteren, dass Sophie in Bayern während ihres Verlöbnisses mit Ludwig II. schon früh ein heimliches Verhältnis mit Edgar Hanfstaengl, einem Kaufmann, unterhielt.

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