FilmtitelDas deutsche Kinoprogramm, ein lauwarmes Schaumbad

Warum nur wählen deutsche Filmverleiher oft Filmtitel, die so süffig klingen wie Wohlfühl-Tees? Birgit Roschy kritisiert die Sprache der jüngsten Kinostarts. von Birgit Roschy

Love is all you need passt immer, dachten sich vielleicht die Verleiher und frisierten mit dieser Beatles-Liedzeile die dänische Komödie Den skaldede frisør ("Die kahle Friseurin") für den internationalen Markt um. Der Hintergedanke war wohl, den potenziellen Zuschauer nicht mit Assoziationen an Krebs und Chemotherapie zu vergraulen. Doch egal wie hoch man den Kitschanteil in Susanne Biers Romantikkomödie einschätzt: Mit diesem aufgesetzten Feelgood-Titel wird er für dumm verkauft.

Gerade in der aktuellen Saison geben Filmtitel wieder Rätsel auf. Warum etwa trägt Cloud Atlas, das Epos von Tom Tykwer und den Wachowskis, nicht den lyrischen Romantitel Wolkenatlas? Zwar nimmt die Tendenz zu, sowohl Großspektakel als auch Arthouse-Filme mit ihrem englischem Originaltitel zu starten. Im Falle von James Bonds Skyfall ist dies, verglichen mit dem verwirrenden Titel des Vorgängers, Ein Quantum Trost, auch besser. Doch selbst wenn in der Film- und PR-Branche Englisch längst Lingua franca ist, dürften viele Zuschauer doch keinen Schimmer haben, was mit Cloud, The Dark Knight Rises oder Late Bloomers gemeint ist. Handelt We need to talk about Kevin etwa vom Phänomen des Kevinismus?

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Den linguistischen Super-GAU stellt aber der Ersatz des Englischen durch das Englische dar. Dann wird der Actionthriller Taken 2 erneut (und ungeachtet der Handlungsdauer) zu 96 Hours verschlimmbessert.

Im aktuellen Kinojahr machte sich außerdem ein Drang zu Lebenshilfe-Titeln mit mutterbeimeresker Betulichkeit bemerkbar. Der Exorzismusthriller Possession (Besessenheit) bekam  den biederen Zusatz Das Dunkle in Dir, und People Like Us wurde, hallo Frauenfilm, in Zeit zu Leben umgedichtet. Da riecht man förmlich das "Nur für dich"-Schaumbad. Dagegen sind Geschwätzigkeiten wie Die Hochzeit unserer besten Freundin (Bachelorette) und Die Tochter meines besten Freundes (The Oranges) vermutlich der Ansteckung von Ziemlich beste Freunde geschuldet (im Original: Les Intouchables, eigentlich "Die Unberührbaren" und auf dem US-Markt auch als The Intouchables gestartet).

Wo im Englischen und im Französischen in der Kürze die Würze liegt, verlangt der deutsche Zuschauer vermeintlich Umständlichkeit: Hope Springs, der, zugegeben schier unübersetzbar doppeldeutige Titel einer Ehetherapie, kommt im Deutschen mit quietschendem Rollator als Wie beim ersten Mal daher. Das Krebsdrama 50/50 bekommt das bräsige Anhängsel Freunde fürs Überleben, obwohl doch fifty-fifty hierzulande ein gängiger Begriff ist.

Anders verhalten sich französische Filmverleiher. Sie haben keine Angst, mit Bachelorette die Kundschaft intellektuell zu fordern, oder ein knackiges Original schlicht zu übersetzen. So wird Hope Springs zu Tous les espoirs sont permis und It's complicated zum flotten Pas si simple (mit Wenn Liebe so einfach wäre ins Deutsche eingebiedert). Die Jungskomödie She's Out Of My League – teutonisch-grob: Zu scharf, um wahr zu sein – titelt in Frankreich knapp und treffend mit Trop belle. Wo im Land der Brüder Grimm Snow White and the Huntsman auf dem Filmplakat steht, legt der Franzose Wert auf die korrekte Märchenübersetzung Blanche neige et le chasseur.

Ist die denglische Sprachverwirrung das Symptom einer deutschen Identitätskrise? Oder die Kapitulation vor dem amerikanisierten Publikum eines Landes, in dem der Marktanteil deutscher Filme nur 20 Prozent beträgt? Der Vergleich des aktuellen Titel-Elends mit früheren Jahren beweist: Wir können ganz anders. Draufgängerische bis geistreiche Erfindungen wie Leichen pflastern seinen Weg, Und täglich grüßt das Murmeltier oder Der Stadtneurotiker gingen als geflügelte Worte ins popkulturelle Gedächtnis ein.

A propos: Nicht angelsächsische, sondern französische Filmtitel stellten in diesem Jahr den Tiefpunkt der kreativen Bemühungen dar. Da wird etwa das verspielte Poupoupidou einer gewitzten Tragikomödie über eine Westentaschen-Monroe zum pseudoreißerischen Who killed Marilyn versaubeutelt. Die Umtitelung von Julie Delpys bittersüßer Le Skylab-Ferienkomödie zu Familientreffen mit Hindernissen grenzt gar an Sabotage – schnarchnasiger geht's nimmer. Da kann man auch gleich zu Hause bleiben und die Freitagabend-Schmonzette von ARD-Degeto einschalten. Zu einem Tässchen "Zeit zu Leben"-Aufguss.

Wer ins Kino will, sollte sich nicht an den Filmtiteln der Verleiher orientieren. Denn die wissen nicht, was sie tun.

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Leserkommentare
  1. Wer einmal versucht hat, Titel für in verschiedenen Ländern urheberrechtlich geschütze Werke zu finden, der sieh die Sache vieleicht etwas anders.
    Es gibt Klauseln, nach denen es z.B. in Deutschland gestattet oder nicht gestattet ist, einen Film unter Originaltitel, dem Titel des Verfilmten Buchs (Original oder Übersetzung sind da nochmal zwei Paar Schuhe) zu veröffentlichen oder auch nicht.Es muss geprüft wreden ob gleich oder ähnlich lautende Titel derzeit im Handel sind oder ob Titelschutz beantragt wurde oder grade erst ausgelaufen ist.
    Ich beneide die Leute in den den deutschen Verleihen und Verleihdependencen amerikanischer Verleiher nicht um ihre Aufgabe. Viel Arbeit und am Ende sagen alle: Mann, bist Du zu doof zum richtigen Übersetzen von sowas simplen wie "Cloudatlas"?

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    • cafbad
    • 03. Dezember 2012 21:15 Uhr

    Danke, danke, danke für Ihren Kommentar.

    Es ist so langweilig. Dieses kollektive Sich-Lustig-Machen über die tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlleistungen Anderer. Das hat in etwa das Niveau von RTL2-die-10-peinlichsten-irgendwas ...

    Wie zutiefst befriedigend muss es sein, sich abzuheben von der dumpf brodelnden Maße und in der Lage zu sein, eine schwache Übersetzung treff- wie auch zielsicher und mit unbestechlicher Genauigkeit als solche zu identifizieren ("das heißt aber eigentlich was anderes und ich weiß das, Herr Lehrer!").

    Da schau sie Dir an, die überbezahlten Hirnis und grenzedbilen Vollpfosten, die ihren Job nicht können und uns sprachaffine, feinsinnige Bildungsbürger mit ihren unsäglichen Übersetzungen (die nur und ausschließlich auf Unfähigkeit und/oder bösen Willen zurückzuführen sind) maltraitieren.

    Ja doch, Leute, das Abendland wird demnächst untergehen angesichts solch sprachlicher Tölpelhaftigkeit, ganz bestimmt, aber davon abgesehen, ist's manchmal eben nicht leicht (aus sprachlichen und/oder rechtlichen Gründen) und manchmal eine Frage der Interpretation. Und gelegentlich, ja, gelegentlich, ist's tatsächlich einfach misslungen. Das soll es geben.

    Hat sich eigentlich je einer von Ihnen am ernsthaften Übersetzen versucht? Ist nicht recht einfach... und eine Erfahrung, die durchaus Demut lehrt. Kann ich wärmstens empfehlen.

  2. Nicht nur geht mit einer Synchronisation viel von dem Originaltext verloren, man bekommt auch nur die Haelfte (oder weniger) der schauspielerischen Leistung mit. Wie im Theater wird ja auch im Film nicht nur Pantomime betrieben, sondern Stimme bewusst (und meist gekonnt) eingesetzt. Es geht dabei nicht nur darum WAS sondern auch WIE etwas gesprochen wird. Man muss als Zuschauer dazu nicht mal die Sprache beherrschen. Wenn dann hochkaraetige auslaendische Schauspieler von mittelmaessigen deutschen Synchronsprechern "ersetzt" werden, ist das oft grauenhaft. Man stelle sich Bruno Ganz in "Der Untergang" vor mit der Stimme eines New Yorkers, der sonst Coca-Cola Werbung spricht.

    Was das Argument von 100 Mio Deutsch sprechenden Menschen angeht, so moechte ich nur bemerken, dass in den USA oder im UK franzoesische oder schwedische Filme OmU laufen.

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    .
    ... Bruce Willis im ständig wiederholten Werbeloop des dumpfbackigen privaten Dudelradios "... 20 Prozent auf alles ausser Tiernahrung!" verspricht ...

    Aber im Ernst:

    Original geht gut, wenn man die Sprache spricht.

    Schwedisch fällt mir dabei aber eben leider ebenso schwer wie Finnisch, Dänisch und Norwegisch, beispielsweise, wobei die Genannten Länder eine Indie-Filmszene haben deren Erzeugnisse ich auf gar keinen Fall missen möchte.

    Ehrlich gesagt bin ich dem Fall oft ganz schön froh um eine Synchronfassung, und bei ordentlichen Filmen ist die Synchronisierung auch aus dem Englischen oft nicht so schlecht wie bisweilen bei Hollywood-Pop-Corn-Nobrainers.

    Vielleicht liegt das auch ein bisserl an den Zielgruppen, denn der Landkreis einerseits und das Indie-Publikum andererseits gehen ja durchaus in verschiedene Kinos ...

  3. Bestes Beispile sind für mich die Harry Potter Filme. Während Hermine im Deutschen affig und unsympatisch sprachlich rumstelzt, ist ihre Sprache im Original die selbstverständliche Sprache der Upper Class. Sie hebt sich zwar ab, wirkt aber nicht gekünstelt, wie im Deutschen.
    Sicherlich gibt es Filme und Serien in denen sich die Synchronisation Mühe gibt, aber es bleibt die Ausnahme. Und zu jedem positiven Beispiel wie "die Zwei" gibt es Dutzende und hunderte von schlechten. Wenn der trockene und sachliche Ton in Dr House zu einem Schwarzklinik ähnlichen Gesülze übersetzt wird. (aus einem trockenen "Good choice" während eines Notfalls wird ein herzzereißendes "Sie haben eine gute Wahl getroffen") dann greift die Synchronisation in dramaturgische Abläufe ein.
    MM

    • rglaap
    • 03. Dezember 2012 18:37 Uhr

    Wunderbare Glosse. Da warte ich seit Jahren drauf. Als nächstes Bitte die unsäglichen Übersetzungen und/oder Untertitelungen. Standardbeispiel: Möchten Sie etwas trinken? Ja, eine bitte Zitrone. (James Bond). Oder: Wie spät ist es? 2300 Stunden. (Stand By Me).

  4. Auch ich ziehe nach Möglichkeit die Originalfassung vor, ich finde nur, man tut den Synchronsprechern Unrecht, wenn man sie generell schlechtredet. Es sind oft sehr gute SchauspielerInnen darunter, das sollte man nicht vergessen.

    Bei den von einem Mitforisten erwähnten TV-Serien, die bei den Privatsendern laufen, ist es in der Tat so, dass man immer wieder dieselben Stimmen vorgesetzt bekommt, oft mit schlechter Übersetzung. Ist halt Massenware.

  5. Frau Roschy, ein wirklich treffend und witziger Artikel über die Unsitte deutscher Titel-Übersetzungen!

    Ich würde mich freuen, wenn Sie sich als nächstes Projekt noch die Synchronisationen vornehmen, die tatsächlich immer schlechter statt besser werden.
    Natürlich sind viele englische Sprichwörter und neuzeitliche Ausdrücke nicht übersetzbar. Oder die Übersetzer stehen vor dem fast nicht zu lösenden Problem, dass diverse Zusammenhänge im Englischen viel kürzer sind und zwar ins Deutsche übersetzt werden können, aber ganz bestimmt nicht so kurz, dass man es Lippensynchron machen könnte (was bei Buchübersetzungen daher auch nicht so schlimm ist).

    Aber neuerdings schleichen sich mehr und mehr einfach nur grob fahrlässige Fehler ein. Neulich in der Serie "How I met your mother" (Gott sei dank wurde das nicht versaubeutelt :P) sprachen die Schauspieler von "Bimbos"... ja, genau Bimbos, dem rassistischen Schimpfwort für Afrikaner und deutschem Äquivalent zum N-Wort, heute noch bekannt als stereotype Bimbolippe etc.
    Aber nein Moment, im Englischen bezeichnet Bimbo ein hübsches Dummchen, die eher durch gesteigerte Sexualität als durch gesteigerte Intelligenz auffällt. Eine Tussi eben und genau mit Tussi hätte man das auch übersetzen müssen. Dass die Übersetzer scheinbar weder mit der englischen noch mit der völlig unabhängigen deutschen Bedeutung dieses Wortes bekannt sind, ist nur eines von unzähligen Beispielen und einfach peinlich!

    2 Leserempfehlungen
  6. .
    ... Bruce Willis im ständig wiederholten Werbeloop des dumpfbackigen privaten Dudelradios "... 20 Prozent auf alles ausser Tiernahrung!" verspricht ...

    Aber im Ernst:

    Original geht gut, wenn man die Sprache spricht.

    Schwedisch fällt mir dabei aber eben leider ebenso schwer wie Finnisch, Dänisch und Norwegisch, beispielsweise, wobei die Genannten Länder eine Indie-Filmszene haben deren Erzeugnisse ich auf gar keinen Fall missen möchte.

    Ehrlich gesagt bin ich dem Fall oft ganz schön froh um eine Synchronfassung, und bei ordentlichen Filmen ist die Synchronisierung auch aus dem Englischen oft nicht so schlecht wie bisweilen bei Hollywood-Pop-Corn-Nobrainers.

    Vielleicht liegt das auch ein bisserl an den Zielgruppen, denn der Landkreis einerseits und das Indie-Publikum andererseits gehen ja durchaus in verschiedene Kinos ...

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  7. geschweige denn sprechen. Tolle dänische Produktionen, italienische, französische, russische, auch mal polnische und spanische/lateinamerikanische usw.
    - und das wollen sie sich ernsthaft alles lieber in den Originalsprachen anschauen/ -hören? Kleine Schmankerl aus dem asiatischen Raum - auch lieber in Original?

    Ich bin um die Arbeit der meisten Synchronisten und Übersetzer heilfroh.
    Von meiner Seite mal ein herzliches, dickes, fettes Dankeschön.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Sprache | Kino
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