Angst ist ein Raubtier. Ihr Revier ist der undurchdringliche Teil des Dschungels, den wir Bewusstsein nennen. Dort verbirgt sie sich, schläft, stellt uns nach oder verbeißt sich in unseren Verstand. Es gibt Menschen, die 95 Jahre alt werden und keine Vorstellung davon haben, welche Kraft dieses Raubtier entwickeln kann. Und es gibt Menschen wie Piscine Molitor Patel.

Im September 2001 erschien der Roman The Life of Pi ( Schiffbruch mit Tiger ) des Franko-Kanadiers Yann Martel im Verlagshaus Knopf Canada, nachdem das Buch von mehreren Londoner Verlegern abgelehnt worden war. Martel erzählt darin die Geschichte des indischen Jungen Piscine "Pi" Patel, der nach einem Schiffbruch 227 Tage lang mit einem bengalischen Tiger in einem Rettungsboot auf dem Meer treibt. Der Roman ist eine an Bildern und religiösen Verweisen reiche Parabel, grausam, fröhlich. Wie man ihn interpretiert, ist Glaubenssache.

2002 erhielt Martel für seine Geschichte den britischen Man-Booker-Prize. Das Buch verkaufte sich weltweit mehr als sieben Millionen Mal und stand jahrelang auch in Deutschland auf der Bestsellerliste. Und es galt bis vor vier Jahren als unverfilmbar, obwohl die Produktionsfirma Fox 2000 die Rechte bereits vor zehn Jahren erworben hatte.

"Ich habe das Buch kurz nach seinem Erscheinen gelesen und mir gedacht: Daraus sollte man keinen Film machen", sagte der Regisseur Ang Lee in einem Interview. Ähnlich muss es den Regisseuren M Night Shyamalan ( The Sixth Sense ), Jean-Pierre Jeunet ( Die fabelhafte Welt der Amélie ) und Alfonso Cuarón ( Harry Potter und der Gefangene von Askaban ) ergangen sein. Sie alle waren zu dem einen oder anderen Zeitpunkt für die Verfilmung im Gespräch, aber – aus dem Dschungel ist ein Grollen zu hören – sie zogen sich wieder aus dem Projekt zurück. Ang Lee traute sich. Und drehte in 3-D .

Mut bedeutet, sich dem Raubtier, das am Rande der Wahrnehmung herumstreift, zuzuwenden. Als das Schiff Tsimtsum mitsamt seiner Familie an Bord untergeht, bleibt Pi Patel (Suraj Sharma) nichts anderes übrig.

Die Tsimtsum sollte die Familie eigentlich von Indien nach Kanada bringen. So hatte es sein Vater, ein Zoobesitzer aus Pondicherry, aus Angst vor den politischen Umbrüchen in der Heimat beschlossen. Die meisten der Zootiere, mit denen Pi seine Kindheit verbracht hat, konnten die Patels noch in Indien verkaufen. Mit dem Geld wollte die Familie neu anfangen. Nun sind Vater, Mutter, Pis Bruder und ihre verbliebenen Tiere im Bauch des Schiffs eingeschlossen, das in Nacht und Sturm versinkt.

Pi steht unter Schock. Er ist der einzige Überlebende des Unglücks, aber nicht alleine in dem Rettungsboot: Er teilt es sich mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra und einem bengalischen Tiger namens Richard Parker.

Die Tiere sind für den Schiffbrüchigen die letzte Verbindung zu dem Leben, aus dem ihn das Unglück gerissen hat. Er will sie beschützen und er muss sich vor ihnen schützen. Immerhin sind in seinem Ruderboot drei Raubtiere. Eines davon ist er, der Vegetarier.

"Im Buch geht es um die Macht des Erzählens, um Spiritualität und Vorstellungskraft und darum, Dinge anzunehmen, auch wenn man sie sich nicht erklären kann", sagte Ang Lee bei der Filmpremiere in London. Mit denselben Worten könnte man auch die bisherigen Filme des in Taiwan geborenen Regisseurs beschreiben.