Pi und Richard Parker sitzen in einem Boot © 2012 Twentieth Century Fox

Angst ist ein Raubtier. Ihr Revier ist der undurchdringliche Teil des Dschungels, den wir Bewusstsein nennen. Dort verbirgt sie sich, schläft, stellt uns nach oder verbeißt sich in unseren Verstand. Es gibt Menschen, die 95 Jahre alt werden und keine Vorstellung davon haben, welche Kraft dieses Raubtier entwickeln kann. Und es gibt Menschen wie Piscine Molitor Patel.

Im September 2001 erschien der Roman The Life of Pi ( Schiffbruch mit Tiger ) des Franko-Kanadiers Yann Martel im Verlagshaus Knopf Canada, nachdem das Buch von mehreren Londoner Verlegern abgelehnt worden war. Martel erzählt darin die Geschichte des indischen Jungen Piscine "Pi" Patel, der nach einem Schiffbruch 227 Tage lang mit einem bengalischen Tiger in einem Rettungsboot auf dem Meer treibt. Der Roman ist eine an Bildern und religiösen Verweisen reiche Parabel, grausam, fröhlich. Wie man ihn interpretiert, ist Glaubenssache.

2002 erhielt Martel für seine Geschichte den britischen Man-Booker-Prize. Das Buch verkaufte sich weltweit mehr als sieben Millionen Mal und stand jahrelang auch in Deutschland auf der Bestsellerliste. Und es galt bis vor vier Jahren als unverfilmbar, obwohl die Produktionsfirma Fox 2000 die Rechte bereits vor zehn Jahren erworben hatte.

"Ich habe das Buch kurz nach seinem Erscheinen gelesen und mir gedacht: Daraus sollte man keinen Film machen", sagte der Regisseur Ang Lee in einem Interview. Ähnlich muss es den Regisseuren M Night Shyamalan ( The Sixth Sense ), Jean-Pierre Jeunet ( Die fabelhafte Welt der Amélie ) und Alfonso Cuarón ( Harry Potter und der Gefangene von Askaban ) ergangen sein. Sie alle waren zu dem einen oder anderen Zeitpunkt für die Verfilmung im Gespräch, aber – aus dem Dschungel ist ein Grollen zu hören – sie zogen sich wieder aus dem Projekt zurück. Ang Lee traute sich. Und drehte in 3-D .

Mut bedeutet, sich dem Raubtier, das am Rande der Wahrnehmung herumstreift, zuzuwenden. Als das Schiff Tsimtsum mitsamt seiner Familie an Bord untergeht, bleibt Pi Patel (Suraj Sharma) nichts anderes übrig.

Die Tsimtsum sollte die Familie eigentlich von Indien nach Kanada bringen. So hatte es sein Vater, ein Zoobesitzer aus Pondicherry, aus Angst vor den politischen Umbrüchen in der Heimat beschlossen. Die meisten der Zootiere, mit denen Pi seine Kindheit verbracht hat, konnten die Patels noch in Indien verkaufen. Mit dem Geld wollte die Familie neu anfangen. Nun sind Vater, Mutter, Pis Bruder und ihre verbliebenen Tiere im Bauch des Schiffs eingeschlossen, das in Nacht und Sturm versinkt.

Pi steht unter Schock. Er ist der einzige Überlebende des Unglücks, aber nicht alleine in dem Rettungsboot: Er teilt es sich mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra und einem bengalischen Tiger namens Richard Parker.

Die Tiere sind für den Schiffbrüchigen die letzte Verbindung zu dem Leben, aus dem ihn das Unglück gerissen hat. Er will sie beschützen und er muss sich vor ihnen schützen. Immerhin sind in seinem Ruderboot drei Raubtiere. Eines davon ist er, der Vegetarier.

"Im Buch geht es um die Macht des Erzählens, um Spiritualität und Vorstellungskraft und darum, Dinge anzunehmen, auch wenn man sie sich nicht erklären kann", sagte Ang Lee bei der Filmpremiere in London. Mit denselben Worten könnte man auch die bisherigen Filme des in Taiwan geborenen Regisseurs beschreiben.

 Motive aus dem Fundus dreier Weltreligionen

Großer Kitsch oder großes Kino? Die Bilder lassen die Grausamkeit der Geschichte vergessen. © 2012 Twentieth Century Fox

Bereits in seinem Martial-Arts Märchen Tiger and Dragon hat Ang Lee seine ganz eigenen Metaphern für das Unerklärliche gefunden: Die Regeln der Schwerkraft sind aufgehoben und doch muss sich die Schwertkämpferin Jiao Long in einen mythischen Abgrund stürzen, um ihren Lehrer zu retten.

Um die Geschichte von einem Jungen und einem Tiger zu erzählen, bedient sich der Regisseur nun im bildgewaltigen Fundus dreier Weltreligionen: Hinduismus, Christentum und Islam. Allen dreien hatte sich Pi schon als Kind verschrieben. Der Sohn eines Atheisten liebt Brahma und Shiva, die er aus den Gutenachtgeschichten seiner Mutter kennt. Er verehrt Jesus, mit dessen Wirken ihn ein katholischer Priester vertraut gemacht hat, und hält auch am Wort Mohammeds fest, das Allah preist. Für Pi sind Religionen nur die Glasplättchen eines Kaleidoskops, durch das man einen Blick auf Gott werfen kann. Nun, auf einem scheinbar endlosen Meer treibend, gelangt selbst er an die Grenzen seines Glaubens.

Pi-Darsteller Suraj Sharma hatte keinerlei Schauspielerfahrung als er zum Casting kam , er wollte lediglich seinen Bruder begleiten. Ein ehemaliger Schiffbrüchiger half ihm , in die Rolle zu finden. Welches Ausmaß kann Hunger annehmen? Was empfindet ein 17-Jähriger, der einer Raubkatze das Revier streitig macht? Sharmas Gesicht gibt die Antwort darauf.

Die gewaltige Grazie des 450 Pfund schweren Tigers entstand mithilfe von Videoaufzeichnungen und Computer-Zauberei. Letztere half auch dabei, Transzendenz auf die Leinwand zu bringen. Einige der Szenen, die vor dem Schiffsunglück spielen, wurden in Kirche, Tempel und Moschee gedreht. Nach dem Untergang der Tsimtsum bleiben jedoch nur noch Himmel und Meer, um Zeugnis vom Glauben zu geben.

So wird der Ozean, dessen Bewegungen in einem mit 6,5 Millionen Liter Wasser gefüllten Tank simuliert wurden, zur Referenz des Göttlichen. Er brüllt und atmet. Er verbindet sich mit dem Himmel. Wolken ziehen vorüber, Wellen. Straßen von Fischen. Nachts wird der leuchtende Plankton zu Planeten. Alles ist belebt, bewegt sich, ist eins.

Es ist eine Schöpfungsgeschichte, die hier in (über-)reichen Bildern erzählt wird – und eine vom Fressen. In einem traumtiefen Ozean jagen gigantische Kalmare nach Walfischen, schwimmen Zebras und Hyänen zwischen Mantas und Haien. In dieser Ursuppe ist der Mensch nicht mehr als ein Schwebeteilchen. Bald wird auch er gefressen werden.

"Irgendwann kommt der Moment im Leben, in dem der eigene Glaube getestet wird", sagte Ang Lee über die Dreharbeiten . Der Oscar-Preisträger, der selbst die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys mit Leichtigkeit erzählen kann, hatte Schwierigkeiten, sich für die endgültige Fassung des Films zu entscheiden. Horror oder Wunder? Das Kino ist ein Medium, das die Mittel für beides bietet. Sind die Kinogötter gnädig, kann es sogar Nihilismus und Glauben in einem Film vereinen – und uns gleichzeitig trösten.