Film "Life of Pi" : Rettet unsere Seelen
Seite 2/2:

 Motive aus dem Fundus dreier Weltreligionen

Großer Kitsch oder großes Kino? Die Bilder lassen die Grausamkeit der Geschichte vergessen. © 2012 Twentieth Century Fox

Bereits in seinem Martial-Arts Märchen Tiger and Dragon hat Ang Lee seine ganz eigenen Metaphern für das Unerklärliche gefunden: Die Regeln der Schwerkraft sind aufgehoben und doch muss sich die Schwertkämpferin Jiao Long in einen mythischen Abgrund stürzen, um ihren Lehrer zu retten.

Um die Geschichte von einem Jungen und einem Tiger zu erzählen, bedient sich der Regisseur nun im bildgewaltigen Fundus dreier Weltreligionen: Hinduismus, Christentum und Islam. Allen dreien hatte sich Pi schon als Kind verschrieben. Der Sohn eines Atheisten liebt Brahma und Shiva, die er aus den Gutenachtgeschichten seiner Mutter kennt. Er verehrt Jesus, mit dessen Wirken ihn ein katholischer Priester vertraut gemacht hat, und hält auch am Wort Mohammeds fest, das Allah preist. Für Pi sind Religionen nur die Glasplättchen eines Kaleidoskops, durch das man einen Blick auf Gott werfen kann. Nun, auf einem scheinbar endlosen Meer treibend, gelangt selbst er an die Grenzen seines Glaubens.

Pi-Darsteller Suraj Sharma hatte keinerlei Schauspielerfahrung als er zum Casting kam, er wollte lediglich seinen Bruder begleiten. Ein ehemaliger Schiffbrüchiger half ihm, in die Rolle zu finden. Welches Ausmaß kann Hunger annehmen? Was empfindet ein 17-Jähriger, der einer Raubkatze das Revier streitig macht? Sharmas Gesicht gibt die Antwort darauf.

Die gewaltige Grazie des 450 Pfund schweren Tigers entstand mithilfe von Videoaufzeichnungen und Computer-Zauberei. Letztere half auch dabei, Transzendenz auf die Leinwand zu bringen. Einige der Szenen, die vor dem Schiffsunglück spielen, wurden in Kirche, Tempel und Moschee gedreht. Nach dem Untergang der Tsimtsum bleiben jedoch nur noch Himmel und Meer, um Zeugnis vom Glauben zu geben.

So wird der Ozean, dessen Bewegungen in einem mit 6,5 Millionen Liter Wasser gefüllten Tank simuliert wurden, zur Referenz des Göttlichen. Er brüllt und atmet. Er verbindet sich mit dem Himmel. Wolken ziehen vorüber, Wellen. Straßen von Fischen. Nachts wird der leuchtende Plankton zu Planeten. Alles ist belebt, bewegt sich, ist eins.

Es ist eine Schöpfungsgeschichte, die hier in (über-)reichen Bildern erzählt wird – und eine vom Fressen. In einem traumtiefen Ozean jagen gigantische Kalmare nach Walfischen, schwimmen Zebras und Hyänen zwischen Mantas und Haien. In dieser Ursuppe ist der Mensch nicht mehr als ein Schwebeteilchen. Bald wird auch er gefressen werden.

"Irgendwann kommt der Moment im Leben, in dem der eigene Glaube getestet wird", sagte Ang Lee über die Dreharbeiten. Der Oscar-Preisträger, der selbst die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys mit Leichtigkeit erzählen kann, hatte Schwierigkeiten, sich für die endgültige Fassung des Films zu entscheiden. Horror oder Wunder? Das Kino ist ein Medium, das die Mittel für beides bietet. Sind die Kinogötter gnädig, kann es sogar Nihilismus und Glauben in einem Film vereinen – und uns gleichzeitig trösten.
 

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Danke für den guten Artikel, Frau Braun!

Die Leichtigkeit, mit der Sie die Hinweise zum Inhalt des Films mit den Informationen zu seiner Entstehungsgeschichte verweben, hat mir große Lust darauf gemacht, den Film zu sehen!

Ihr Artikel ist der interessanteste, kompakteste und überraschendste, den ich bislang zu diesem Filmstart gelesen habe.

Vielen Dank
& Ihnen frohe Weihnachten!
LB

Ist doch klar...

wer eine solche Selbstbeschreibung auf der Autorinnenseite
stehen hat:

"Ich bin als Bootsjunge auf einem Zweimaster durch den Golf von Corryvreckan gesegelt, weiß was man tun muss, wenn ein Pferd eine Eskimorolle versucht (ein Cowboy-Gesicht machen, sich den Staub abklopfen und wieder aufsitzen), wie man einen Falken trägt (abwechselnd auf dem rechten und dem linken Arm – nach einer Stunde fangen selbst Federn an zu wiegen), wie man einen Koala vom Baum holt (mit Mana-Gum) und wie man Haggis isst (kauen ohne darüber nachzudenken)."

...ist einfach prädestiniert dafür, diesen Film zu besprechen. ;-)

Eine dem Buch/Film würdige Rezension liest man selten

aber die Rezension der Dame Braun ist in jedem Fall fast genauso poetisch wie das Buch. Ich habe das Buch ("Schiffbruch mit Tiger") vor ca. 10 Jahren gelesen, nach anfänglicher Skepsis über so eine, meinem damaligem Vorurteil nach, "gestellte" Story, aber je mehr man/frau in das Buch gerät, desto mehr wird man in diese fantastische Welt die eine eigene Logik entwickelt, hineingezogen, was man nicht ignorieren und die man nicht abstreiten kann. Mit nur 2 Akteuren, einigen, wenigen Objekten und minimalistischster Ausstattung, die aber, entgegen jeder vorgefassten Meinung eine Wahrheit, mit eigener, zwingenden Kausalität hat, die überhaupt nicht irreal oder phantastisch ist, sondern unausweichlich kausal, jede Handlung ist auf die vorherige aufgebaut, es gibt kein Schritt zur Seite aus der Szene, die Figuren sind glaubhaft und aus dieser plausiblen eigenen, kleinen Welt des Rettungsbootes, gibt es immer nur einen Weg, den nächsten. Unausweichlich. Man könnte das Ganze auch als wahrhaftige Parabel auf das Leben betrachten, vielleicht. Man könnte alles und nichts hineininterpretieren, auf jeden Fall entwickelt das Buch durch seine innere, notwendige Struktur, ein eigenes Leben. (Hört sich vielleicht etwas zu pathetisch an, ist aber so ...)

Ich hoffe aus ganzem Herzen, daß Lee das Ende des Film seinerseits nicht zu pathetisch ausgestaltet, das wäre dem Buch nicht angemessen und würde die Wirkung, die es durch seinen Minimalismus aufbaut, bedeutungslos erscheinen lassen.