Bereits in seinem Martial-Arts Märchen Tiger and Dragon hat Ang Lee seine ganz eigenen Metaphern für das Unerklärliche gefunden: Die Regeln der Schwerkraft sind aufgehoben und doch muss sich die Schwertkämpferin Jiao Long in einen mythischen Abgrund stürzen, um ihren Lehrer zu retten.

Um die Geschichte von einem Jungen und einem Tiger zu erzählen, bedient sich der Regisseur nun im bildgewaltigen Fundus dreier Weltreligionen: Hinduismus, Christentum und Islam. Allen dreien hatte sich Pi schon als Kind verschrieben. Der Sohn eines Atheisten liebt Brahma und Shiva, die er aus den Gutenachtgeschichten seiner Mutter kennt. Er verehrt Jesus, mit dessen Wirken ihn ein katholischer Priester vertraut gemacht hat, und hält auch am Wort Mohammeds fest, das Allah preist. Für Pi sind Religionen nur die Glasplättchen eines Kaleidoskops, durch das man einen Blick auf Gott werfen kann. Nun, auf einem scheinbar endlosen Meer treibend, gelangt selbst er an die Grenzen seines Glaubens.

Pi-Darsteller Suraj Sharma hatte keinerlei Schauspielerfahrung als er zum Casting kam , er wollte lediglich seinen Bruder begleiten. Ein ehemaliger Schiffbrüchiger half ihm , in die Rolle zu finden. Welches Ausmaß kann Hunger annehmen? Was empfindet ein 17-Jähriger, der einer Raubkatze das Revier streitig macht? Sharmas Gesicht gibt die Antwort darauf.

Die gewaltige Grazie des 450 Pfund schweren Tigers entstand mithilfe von Videoaufzeichnungen und Computer-Zauberei. Letztere half auch dabei, Transzendenz auf die Leinwand zu bringen. Einige der Szenen, die vor dem Schiffsunglück spielen, wurden in Kirche, Tempel und Moschee gedreht. Nach dem Untergang der Tsimtsum bleiben jedoch nur noch Himmel und Meer, um Zeugnis vom Glauben zu geben.

So wird der Ozean, dessen Bewegungen in einem mit 6,5 Millionen Liter Wasser gefüllten Tank simuliert wurden, zur Referenz des Göttlichen. Er brüllt und atmet. Er verbindet sich mit dem Himmel. Wolken ziehen vorüber, Wellen. Straßen von Fischen. Nachts wird der leuchtende Plankton zu Planeten. Alles ist belebt, bewegt sich, ist eins.

Es ist eine Schöpfungsgeschichte, die hier in (über-)reichen Bildern erzählt wird – und eine vom Fressen. In einem traumtiefen Ozean jagen gigantische Kalmare nach Walfischen, schwimmen Zebras und Hyänen zwischen Mantas und Haien. In dieser Ursuppe ist der Mensch nicht mehr als ein Schwebeteilchen. Bald wird auch er gefressen werden.

"Irgendwann kommt der Moment im Leben, in dem der eigene Glaube getestet wird", sagte Ang Lee über die Dreharbeiten . Der Oscar-Preisträger, der selbst die Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys mit Leichtigkeit erzählen kann, hatte Schwierigkeiten, sich für die endgültige Fassung des Films zu entscheiden. Horror oder Wunder? Das Kino ist ein Medium, das die Mittel für beides bietet. Sind die Kinogötter gnädig, kann es sogar Nihilismus und Glauben in einem Film vereinen – und uns gleichzeitig trösten.