Elijah Wood als Psychokiller Frank © 2012 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Der Jäger durchmisst sein Territorium. Seine Augen verfolgen die ahnungslosen Frauen die Straße hinunter. Die Kamera imitiert den Raubtierblick: taxierend, lauernd, die Erregung mühsam unterdrückend. Ruhelos ist ihr Fokus, die Kameraeinstellungen entlarven den Jäger als Getriebenen. So konsequent, so schlüssig wie im Horrorfilm Maniac von Alexandre Aja und Franck Khalfoun ist die filmische Einheit von Subjekt und Abjekt , dem Protagonisten und seiner veräußerlichten Triebstruktur, lange nicht umgesetzt worden.

Michael Powell hat mit Peeping Tom (1960) den Urtext der unheilvollen Komplizenschaft von Mörder und Kinozuschauer geschrieben. Der britische Regisseur spielte noch vergleichsweise unschuldig mit dem Voyeurismus der Zuschauer – und dennoch beendete die vernichtende Kritik des Films seine Karriere. Seitdem gab es immer wieder Filme, die dem Zuschauer die Perspektive des Täters aufzwangen. Im Kultfilm Mann beißt Hund (1992) dokumentierte ein belgisches Fernsehteam die Arbeit eines Auftragskillers, am Ende mischte es sogar mit. Und Michael Haneke führte in Funny Games (1997) die Blutlust des Zuschauers mit einer hinterlistigen Finte vor.

Maniac aber ist ein ganz anderes Biest. Der Produzent Aja und der Regisseur Khalfoun berufen sich auf ein Werk des klassischen Mitternachtskinos, das in Deutschland noch immer auf der Liste beschlagnahmter Filme steht. Doch obwohl das Remake von Maniac hinsichtlich expliziter Gewaltdarstellungen William Lustigs Original von 1980 nicht nachsteht, haben Aja und Khalfoun kein Verbot zu befürchten. Ihr Konzept der Implikation geht allerdings einen Schritt weiter. Wenn der Protagonist Frank seine Jagdgründe in Los Angeles durchstreift, ist es der Zuschauer, der den Frauen hinterherblickt. Maniac ist in seiner Konsequenz gnadenlos. Während Lustigs Film das Publikum durch hermetische Wahnvorstellungen zur Parteinahme zwingt, ist in Khalfouns Version auch der Blick des Killers eingeschlossen: Der Beobachter ist gleichermaßen Täter und Opfer.

Dieser Schockeffekt setzt voraus, dass sich das soziale Wesen des Protagonisten bereits auflöst. Dass dieser flüchtige Körper zudem einem Star wie Elijah Wood gehört, ist eine der klugen Pointen des Films. Frank ist ein verschüchterter Einzelgänger, der nach dem Tod seiner Mutter das elterliche Schaufensterpuppengeschäft betreibt. Der Umgang mit den steifen Mannequins ersetzt sein Sozialleben. "Manchmal finde ich, dass sie mehr Persönlichkeit haben als normale Menschen", sagt Frank. Filmisch fungieren die Anziehpuppen als Bindeglied zwischen Realität und Wahnvorstellung: In Franks Kopf spukt seine verstorbene Mutter umher, die er durch das Puppenspiel kontrollieren will. Er ist gefangen in der Echokammer von Schuldzuweisungen und Selbstvorwürfen (sie war ein leichtes Mädchen und der kleine Frank einmal zu oft Zeuge ihrer sexuellen Eskapaden). Und wenn ihn wieder mal der Wahn packt, zieht es ihn hinaus auf die nächtlichen Straßen.

Blutige Skalps auf Puppenköpfen

Der Zuschauer kommt dieser verschreckten, gebrochenen Figur so nah, dass ihre unheimliche Brutalität umso fremdartiger erscheint. Manchmal nimmt seine fragmentierte Identität noch in Spiegelbildern Gestalt an, doch auch dort zeigt sich nur zerrissene Persönlichkeit. Eine der beiden einzigen Außenperspektiven zeigt Frank dann auch als geschlechtlose Schaufensterpuppe, das ultimative Wahnbild. Die kalten Puppen stellen eine saubere, unbedrohliche Körperlichkeit in Aussicht, der sich der Mörder auf seinen nächtlichen Streifzügen zu versichern versucht. Um seine Illusion perfekt zu machen, krönt er ihre Plastikköpfe mit den blutigen Skalps seiner weiblichen Opfer.

Die Schaufensterpuppen sind es auch, die die Neugier der jungen Fotografin Anna wecken. Eines Tages steht sie in seinem Laden und bewundert seine Arbeit mit den antiquarischen Mannequins. Frank erkennt in ihr sofort eine verwandte Seele. So wie er es in seiner Fantasie jeden Tag durchspielt, vermag auch sie tote Objekte zum Leben zu erwecken – mithilfe der Fotografie. Ihre Bewunderung für seine Puppen ("als wären sie echte Menschen") wecken in Frank ein Begehren, das zuvor durch die Sexualität seiner Mutter belastet war. "Manchmal kommst Du mir vor wie aus einer anderen Epoche", beschreibt sie seine Fremdartigkeit. Die Gegenwart jedoch scheint der falsche Ort für die beiden zu sein, und wie zum Beweis haben die Straßen von Los Angeles nie leerer und trostloser ausgesehen. Franks nächtliche Fahrten sind Montagen aus Elend und Armut, sie zeigen eine Gesellschaft, die sich selbst überlassen ist.

William Lustig musste sich seinerzeit noch den Vorwurf der Gewaltpornografie gefallen lassen. Dreißig Jahre später bedarf es nur kleiner Korrekturen, um hinter grellen Splattereffekten ein erschütterndes Psychodrama herauszuschälen.