Quentin Tarantino : "Es gibt Gewalt, die Spaß machen kann"
Seite 2/2:

"Es gibt keine Avantgarde im Moment"

Frage: Sie haben in Django Unchained Christoph Waltz die Rolle eines deutschstämmigen Kopfgeldjägers auf den Leib geschrieben. Sie zitieren die Siegfried-Sage und haben Djangos Geliebte Broomhilde von Shaft getauft. Woher kommt Ihr Faible für deutsche Kultur?

Tarantino: Ich weiß nicht, ob mir eine Figur wie King Schultz eingefallen wäre, wenn ich Christoph Waltz nicht kennen würde. Seit Inglourious Basterds ist Christoph Waltz in meinem künstlerischen Denken verankert, sodass sich die Figur fast von selbst entwickelt hat. Aber natürlich hat das auch mit meinen eigenen Erfahrungen in Deutschland zu tun. Für die Dreharbeiten zu Inglourious Basterds habe ich sechs Monate lang in Deutschland gelebt und gearbeitet. Da lernt man ein Land ganz anders kennen, als wenn man es für ein paar Wochen als Tourist bereist. Diese Zeit war eine sehr wichtige Erfahrung in meinem Leben. Ich habe hier mittlerweile einige gute Freunde und trage seitdem auch ein Stück deutsche Kultur in mir. In Inglourious Basterds habe ich mich mit dem deutschen Faschismus beschäftigt und das hat meine Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Faschismus und der Sklaverei in Django Unchained stark beeinflusst.

Frage: Es gibt kaum einen Regisseur, dessen Filme derart sehnsüchtig erwartet werden. Lassen Sie sich davon unter Druck setzen?

Tarantino: Ich freue mich, wenn das Publikum große Erwartungen an mich hat. Ich hoffe, dass meine Filme ein kulturelles Ereignis sind, so wie eine Platte von Bob Dylan oder ein Roman von Hemingway in ihrer Zeit als Event wahrgenommen wurden.

Frage: Sie werden in diesem Jahr fünfzig und haben immer noch das Image des Kinorebellen. Haben Sie Angst davor, diese Rolle einmal abgeben zu müssen?

Tarantino: Sie meinen, ob ich Angst habe, mich bald so fühlen zu müssen, wie Oliver Stone sich gefühlt hat, als meine ersten Filme herauskamen? Auch wenn es eine Menge interessanter, junger Filmemacher gibt, sehe ich ehrlich gesagt im Moment keine Avantgarde, die mich zu überrennen droht.

Frage: Wie wichtig ist Ihnen Ihr Image als Kinorebell?

Tarantino: Ich will, dass meine Filme für einen bestimmten künstlerischen Geist stehen. Deshalb habe ich auch keine Absicht meiner Karriere ein anderes Gesicht zu geben und meine Haltung als Filmemacher grundsätzlich zu ändern. Aber in meinen Filmen geht es ja nicht nur um Sensation und Provokation. In Jackie Brown habe ich mich nach Pulp Fiction davon bewusst abgesetzt. Wenn ich den Film heute gemacht hätte, würden die Kritiker darin wahrscheinlich den Beginn meines Alterswerkes sehen. Das habe ich schon mit Anfang dreißig abgehakt. Mir geht es darum, dass mein Gesamtwerk aus einem Stück ist. Ich will meine Lieder auf eine bestimmte Art singen. Wenn man mit Rock’n Roll angefangen hat, sollte man nicht versuchen, zur Country-Musik oder zum Jazz zu wechseln.

Das Interview mit Quentin Tarantino wurde als Gruppeninterviewvon sieben verschiedenen Medien geführt. Für ZEIT ONLINE hat es Martin Schwickert aufgezeichnet.

Anzeige

Kultur-Newsletter

Was die Musik-, Kunst- und Literaturszene bewegt. Jede Woche kostenlos per E-Mail.

Hier anmelden

Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren