Quentin Tarantino"Es gibt Gewalt, die Spaß machen kann"

Quentin Tarantinos "Django Unchained" ist ein Film über Rache. Im Interview erzählt der Regisseur von der befreienden Kraft des Kinos und dem Bund mit dem Zuschauer. von 

Quentin Tarantino in Berlin

Quentin Tarantino in Berlin  |  © Andreas Rentz/Getty Images

Frage: Mr. Tarantino, in Inglourious Basterds wird Adolf Hitler erschossen und in Django Unchained das Anwesen eines Sklavenhalters in die Luft gesprengt. Ist das Kino für Sie ein Ort ausgleichender Gerechtigkeit?

Quentin Tarantino: Auf jeden Fall, und das gilt nicht nur für das Kino. Fiktionale Geschichten innerhalb eines historischen Rahmens können eine Katharsis erzeugen, die über historische Realität hinausgeht. Sie können den Opfern der Geschichte eine Illusion von Rache und Genugtuung anbieten.

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Frage: Rache scheint in Ihren Filmen eine gewichtige Rolle zu spielen.

Tarantino: Es war das Thema in Kill Bill, in Inglourious Basterds und nun in Django Unchained. Aber das liegt daran, dass in diesen Genres der Rachegedanken zentral ist. Im echten Leben ist Rache sicherlich keine gute Lösung. Aber im Genrekino sieht die Welt ganz anders aus. Ich bin aber nicht der Meinung, dass die Geschichte von Django Unchained durch Rache angetrieben wird. Vor allem geht es Django darum, die Liebe seines Lebens aus der Sklaverei zu befreien. Sein Ziel ist es ja nicht, alle Sklavenhalter umzubringen und das Anwesen des Plantagenbesitzers in die Luft zu jagen. Er will seine Frau da rausholen und mit ihr in den Norden flüchten.

Frage: Glauben Sie, dass der Film in den USA von Weißen grundlegend anders wahrgenommen wird als von Afroamerikanern?

Tarantino: In Django Unchained geht es mir wie in Inglourious Basterds darum, den Menschen des 21. Jahrhunderts die Chance zu geben, sich mit diesen Helden aus der Vergangenheit zu verbünden und ihnen gemeinsam eine Katharsis zu ermöglichen. Und da spreche ich nicht nur von den Juden oder den Afroamerikanern. Alle Zuschauer erleben die Story durch die Augen dieser Figuren. Als ich mit Inglourious Basterds durch die Welt gereist bin, haben alle mit einer gewissen Häme gefragt: "Und was werden die Deutschen dazu sagen?" Und ich habe immer geantwortet: "Wenn jemand in der Welt, davon träumt Adolf Hitler umzubringen, dann sind es neben den Juden vor allem die Deutschen der letzten drei Generationen." Die Reaktion und der Erfolg des Films in Deutschland haben das vollkommen bestätigt. Und die Weißen, die sich jetzt in Amerika Django Unchained anschauen, sind nicht auf der Seite der weißen Plantagenbesitzer, sondern sehen die Welt durch Djangos Augen. Alles läuft im Film drauf hinaus, dass das Publikum am Ende des Filmes Django anfeuert.

Frage: Eigentlich verbindet man Ihren Namen ja weniger mit politischen Statements.

Tarantino: Ich sehe mich in erster Linie als Entertainer. Ich will cineastische Momente erschaffen und mein Publikum gut unterhalten. Auch wenn ich schwerwiegende Themen angehe, soll der Film selbst eine angenehme Erfahrung für das Publikum sein. Dazu gehört es auch, dass man durchaus harte Momente im Film durchlebt. In Django Unchained kann man die verschiedensten Erfahrungen machen. Das Publikum hat einiges zu lachen und wird gleichzeitig mit der Brutalität dieser Zeit konfrontiert. Es gibt Romantik in diesem Film und eine Menge Unflätigkeiten und Kraftausdrücke. Es gibt Gewalt, die man schwer ertragen kann, und Gewalt, die Spaß machen kann. Das ist alles eine Frage der Balance, und diese Balance entscheidet über den Erfolg eines Films. Nach den ersten Testvorführungen zeigte sich, dass das Publikum von zwei Szenen, in denen die Gewalt der Sklaverei sehr schonungslos gezeigt wurde, regelrecht verstört war. Ich habe diese Szenen danach geändert, weil es mir ja nicht darum geht, die Zuschauer zu traumatisieren. Mein oberstes Ziel ist es, dass sie sich mit meinem Helden verbünden. Diese Szenen hätten das verhindert.

Leserkommentare
  1. Ich sehe mir keine Filme im Kino an, bloß weil sie womöglich meine Meinungen zu verschiedenen Dingen spiegeln. Wenn dem so wäre, würde ich in jedem Film, Buch oder Kunstwerk am Ende nur mich selbst in diesen Meinungen wiederfinden. Wie wäre es stattdessen mit argumentativ begründbaren Überzeugungen, Idealen und Wertvorstellungen? Oh, ich vergaß: "Ist doch nur ein Film!", was könnten solche Dinge da schon für eine Rolle spielen. Doch vielleicht steckt in der Wahrnehmung von Massenmedien als monetär motivierte Entertainment- und Meinungsmaschine selbst schon eine bestimmte Aussage über deren Wert bzw. sogar zu dessen Fehlen? Zynismus ist hier wahrscheinlich ein gutes Stichwort, und man sieht sich geneigt zu behaupten, dass die ideologisch abgesicherte ästhetische Explizierung von Gewalt in den Massenmedien zum Zwecke der Wohlstandsmehrung durch Unterhaltung selbst nicht arm ist an zynischen Implikationen. Wollen Sie dem ernsthaft widersprechen? Dann dürfen Sie gerne ausführlicher antworten.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Alles wird gut"
  2. ...kann man ja wohl kaum "Kritik" nennen, eher eine krude Anhäufung hinterwäldlisch-neidiger Politikpampe garniert mit Tarantino-Bashing . Warum Sie diese Verbaldiarrhoe unkommentiert und unübersetzt (nicht, dass es der Mühe wert gewesen wäre) dann hier posten, kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen.

    Mag ja sein, dass nicht wenige blindlings in eine "Tarantino presents" - Produktion rennen, egal wie schlecht sie auch sein mag (vgl. "The man with the iron fists").

    Aber bei "Django Unchained" handelt es sich eben um seine mittlerweile achte, eigene Regiearbeit - da können Sie schon davon ausgehen, dass da auch "Bratwurst" drin ist.

    Im Übrigen, haben Sie den Film überhaupt schon gesehen?

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    Ich bitte Sie, wie könnte man diesen Film nicht umgehend sehen wollen? Es handelt sich schließlich um "Gewalt, die Spaß macht" und damit die Möglichkeit zur "Katharsis". Man könnte sich über diese Thesen totlachen, wenn sie nicht so unfassbar lächerlich wären. Willkommen im ideologisch-opportunistischen Schlaraffenland der stromlinienförmigen Fäkalienbratwürste!

  3. Ich bitte Sie, wie könnte man diesen Film nicht umgehend sehen wollen? Es handelt sich schließlich um "Gewalt, die Spaß macht" und damit die Möglichkeit zur "Katharsis". Man könnte sich über diese Thesen totlachen, wenn sie nicht so unfassbar lächerlich wären. Willkommen im ideologisch-opportunistischen Schlaraffenland der stromlinienförmigen Fäkalienbratwürste!

    5 Leserempfehlungen
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    ...und wenn Sie es jetzt noch schaffen, auf meine Frage zu antworten, sind Sie mein Held. ;-)

    Aber ich sehe schon, es geht Ihnen wohl um etwas ganz anderes als Filmkritik. Was genau das allerdings sein soll, kann ich mir als offensichtlicher Bewohner des ideologisch-opportunistischen....also wirklich.

    Ich weiss ja nicht, welche Filme Sie sich so im Kino ansehen, aber ich habe so langsam das Gefühl, dass es irgendwas mit Würsten zu tun haben muss...

  4. 12. Aha...

    ...und wenn Sie es jetzt noch schaffen, auf meine Frage zu antworten, sind Sie mein Held. ;-)

    Aber ich sehe schon, es geht Ihnen wohl um etwas ganz anderes als Filmkritik. Was genau das allerdings sein soll, kann ich mir als offensichtlicher Bewohner des ideologisch-opportunistischen....also wirklich.

    Ich weiss ja nicht, welche Filme Sie sich so im Kino ansehen, aber ich habe so langsam das Gefühl, dass es irgendwas mit Würsten zu tun haben muss...

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  5. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik und achten Sie auf eine sachliche Wortwahl. Danke, die Redaktion/fk.

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  6. was ich von dem Film halten "soll".
    Aber eins macht m.E.n. Tarantino sehr sympathisch und seine Arbeit qualitativ interessant:
    Nach den ersten Testvorführungen zeigte sich, dass das Publikum von zwei Szenen, in denen die Gewalt der Sklaverei sehr schonungslos gezeigt wurde, regelrecht verstört war. Ich habe diese Szenen danach geändert, weil es mir ja nicht darum geht, die Zuschauer zu traumatisieren.

    Das Interview ist sehr gelungen. Danke!

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  7. wird nie zu toppen sein!

    Macht doch nix, alles was bis jetz danach kam hat auch jede Menge Spaß gemacht.

    Und wem der Film nicht gefällt, der kann ja die Augen zu machen. Tarantinos Musik alleine ist auch schon den Eintritt wert!

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    Antwort auf "nunja"
  8. Die Filme von Tarantino sind in meinen Augen eigentlich nur Gewaltpornographie. Nachdem er und viele seiner Zuschauer ihre Gewaltfantasien an den Nazis abarbeiten konnten, sind jetzt die Sklavenhalter dran.

    Dazu passt die bemerkenswerte Aussage "Es gibt Gewalt, die man schwer ertragen kann, und Gewalt, die Spaß machen kann." Hierbei braucht er natürlich die "Gewalt, die man schwer ertragen kann", um den Zuschauer richtig anzufixen und Abscheu und Ekel abzubauen, für die "Gewalt, die Spaß machen kann". Wenn erst einmal geklärt ist, wo Gut und Böse liegen, kann es hemmungslos zur Sache gehen. Das sich das Gute eigentlich über den moralischen Anspruch an das eigene Handeln defnieren sollte, ist nur unnötiger Ballast.

    Merkwürdig wird Tarantino, wenn er von "Katharsis" und "Opfern der Geschichte" spricht: "Sie können den Opfern der Geschichte eine Illusion von Rache und Genugtuung anbieten."

    Für die wirklichen Opfer sind solche Filme eher ein Schlag ins Gesicht. "Da kommen ein paar hergelaufene Hanseln daher und räumen mal richtig auf. Warum habt ihr das nicht hinbekommen, wenn es doch so einfach gewesen wäre?"

    Tarantino meint wohl eher die Opfer Hollywoods, wo auch nach Generationen immernoch eine Opfer/Tätereinteilung vorgenommen wird. Dort werden historische Ereignisse ständig aufgewärmt und mit der Zeit zu einer "Disney-Version" verkocht, die im Bewustsein der Menschen längst die (Er-)Kenntnisse Vergangenheit verdrängt hat.
    Bei Asterix ist die Fiktion klar, aber dort?

    3 Leserempfehlungen
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    • R_IP
    • 10. Januar 2013 9:53 Uhr

    "Für die wirklichen Opfer sind solche Filme eher ein Schlag ins Gesicht. "Da kommen ein paar hergelaufene Hanseln daher und räumen mal richtig auf. Warum habt ihr das nicht hinbekommen, wenn es doch so einfach gewesen wäre?"

    Sehr richtig und danke dass Sie es ansprechen, das ist mir beim Lesen des Interviews nämlich auch sauer aufgestoßen:

    "In Django Unchained geht es mir wie in Inglourious Basterds darum, den Menschen des 21. Jahrhunderts die Chance zu geben, sich mit diesen Helden aus der Vergangenheit zu verbünden und ihnen gemeinsam eine Katharsis zu ermöglichen. Und da spreche ich nicht nur von den Juden oder den Afroamerikanern. Alle Zuschauer erleben die Story durch die Augen dieser Figuren. Als ich mit Inglourious Basterds durch die Welt gereist bin, haben alle mit einer gewissen Häme gefragt: "Und was werden die Deutschen dazu sagen?" Und ich habe immer geantwortet: "Wenn jemand in der Welt, davon träumt Adolf Hitler umzubringen, dann sind es neben den Juden vor allem die Deutschen der letzten drei Generationen."

    Tarantino scheint zu meinen, dass er hier mit fiktionalen Mitteln eine alternative Version von Geschichte entwirft, die es den Opfern erlauben soll, das ihnen zugefügte Leid für einen kurzen Moment zu vergessen und sich auf die Seite der Täter zu stellen. Das ist ja das eigentlich skandalöse daran! Die Opfer sollen sich in Tarantinos Filmen mit ihren Tätern identifizieren, folglich (im psychologischen Sinne, also durch Identifikation) zu Tätern werden!

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  • Schlagworte Adolf Hitler | Quentin Tarantino | Christoph Waltz | Bob Dylan | Film | Faschismus
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