Hannah-Arendt-FilmDie Kunst, das Denken zu filmen

Schauspielerin Barbara Sukowa und Regisseurin Margarethe von Trotta sprechen über Hannah Arendt. Wie spielt man einen freien Geist? Nur viel rauchen reicht da nicht. von Marie Luise Knott und Christiane Peitz

Frage: Frau Sukowa, Frau von Trotta, Ihr Film konzentriert sich auf die Zeit, in der Hannah Arendt 1961 den Eichmann-Prozess in Jerusalem besuchte und zwei Jahre später in New York ihren Bericht von der Banalität des Bösen veröffentlichte. Warum ist es wichtig, heute an Sie zu erinnern?

Margarethe von Trotta: Viele Linke haben sie damals gemieden, weil sie unbequeme Wahrheiten formulierte und zum Beispiel in ihrem Totalitarismus-Buch von 1951 die nationalsozialistischen und die kommunistischen Verbrechen in Verbindung miteinander brachte. Das war uns suspekt, denn wir wollten den Kommunismus ja lieben.

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Bis heute gibt es Leute, die ihr Denken ablehnen, weil sie den Totalitarismus auf beiden Seiten analysierte. Angeregt wurde das Projekt aber von dem Dramaturgen Martin Wiebel, gleich nach der Rosenstraße. Erst war ich skeptisch, aber dann stürzte sich auch Pam Katz, meine New Yorker Ko-Autorin, begeistert in die Archive. Davon habe ich mich mitreißen lassen.

Frage: Ist es schwer, das Denken zu spielen, eine Frau der Worte und weniger der Tat?

Barbara Sukowa: Wenn ich eine Figur verstehe, brauche ich mir nicht auszudenken, wie ich sie spiele. Dennoch las ich das Drehbuch, ohne allzu viel über Hannah Arendt zu wissen – das ist ja die Ausgangssituation der meisten Zuschauer. Als ich mich dann mehr mit ihrem Leben und den Schriften beschäftige, war ich zunächst verblüfft, wie viel Zeit sie für Oper, Theater, Konzerte und ihre Freunde hatte, trotz ihres gewaltigen Schreibpensums.

Frage: Haben Sie sich Filmaufnahmen mit Hannah Arendt angeschaut, zum Beispiel das berühmte TV-Interview mit Günter Gaus?

von Trotta: Ich kannte das zunächst nur als Hörkassette und dachte: Gott, ist die arrogant, die fällt dem Gaus ja immer ins Wort, über die kann ich keinen Film machen. Aber als ich es dann sah, war da auch ihr Charme, ihr Lächeln, ihr Humor. Hannah Arendt war sehr aufgeregt und Gaus ebenfalls; er hatte Angst, dass sie das Gespräch abbricht. Es war dann jedoch der Kameramann, der gleich zu Beginn unterbrach, weil es damals noch diese schweren Kameras gab, die hin und her geschoben werden mussten. Es gab aber einen Nagel im Boden, und der Kameramann meinte, so könne er nicht weiterarbeiten. Also gingen die beiden in die Garderobe, rauchten, unterhielten sich, fingen wieder von vorne an, und alles war gut. Gaus sagte später: Der Nagel hat uns gerettet!

Sukowa: Ich habe mir das Interview sehr oft und genau angeschaut. Wegen der Mundbewegungen, der Gesten, der Frage, in welcher Hand sie die Zigarette hält, was sie mit der anderen Hand macht, wo sie hinguckt, wie sie mit ihren Haaren spielt. Erst wollte ich sie so genau wie möglich nachahmen, aber dann merkten wir, es geht nicht um Äußerlichkeiten. Wobei die genaue Kenntnis durchaus hilft. Übrigens ist es dumm, dass sie im Trailer nicht raucht. Eine nicht rauchende Hannah Arendt, die gab es praktisch gar nicht.

Frage: Der Trailer ist auch für Amerika gemacht, da darf in Trailern nicht geraucht werden.

von Trotta: Als ich Hannah Arendt kürzlich beim Frauen-Filmfestival in Israel zeigte, meldete sich ihr Neffe, der dort lebt. Er erzählte, sie habe in Wahrheit noch viel mehr geraucht als im Film – mindestens so viel wie Heinrich Böll!

Frage: Wie kam es zum Fokus auf die Zeit rund um den Eichmann-Prozess?

von Trotta: Anfangs wollten wir mehr aus ihrem Leben erzählen. Wie sie mit 18 zu Martin Heideggers Vorlesungen kam, ihre Ehe mit Günther Anders, Emigration nach Frankreich, das Lager Gurs, Flucht nach Amerika. Aber ich hatte keine Lust, Lagerbilder zu inszenieren. Mir stellen sich immer die Haare auf, noch kein KZ-Film hat mich überzeugt. Außerdem wäre es zu episodisch geworden, so haben wir uns schweren Herzens von vielen Personen getrennt. Karl Jaspers zum Beispiel ist draußen. Wir wollten ja vor allem ihr Denken zeigen, damit der Zuschauer nachempfinden kann, wie sie von der konkreten Anschauung zu einem Gedanken und seiner Niederschrift kommt. Also konzentrierten wir uns auf ihre Auseinandersetzung mit Adolf Eichmann. Wie jeder gute Held brauchte sie einen Gegner.

Frage: Sie zeigen den "echten" Eichmann, in den Dokumentaraufnahmen vom Prozess 1961. Warum kein Schauspieler?

von Trotta: Thomas Kretschmann hat ihn 2007 in einem Fernsehfilm gespielt, sehr gut, sehr treffend. Aber man sieht die Mittelmäßigkeit dieses Bürokraten des Holocaust nicht, die Banalität, die Hannah Arendt so beschäftigt hat.

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